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Wirtschaft Mark Barjenbruch: „Der Arzt darf nicht der Dumme sein“
Nachrichten Wirtschaft Mark Barjenbruch: „Der Arzt darf nicht der Dumme sein“
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09:00 09.02.2011
Mark Barjenbruch ist der erste Nichtmediziner an der Spitze der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Der 43-jährige Jurist arbeitet seit Dezember 1996 für die KVN, zuerst als Leiter des Vorstandsbüros, seit Oktober 1999 als Justiziar und seit November 2000 als juristischer Geschäftsführer. Seit April 2001 war er Hauptgeschäftsführer. Der gebürtige Stader studierte von 1993 bis 1996 Rechtswissenschaften an den Universitäten in Göttingen und Hannover. Vor seinem Eintritt in die KVN war Barjenbruch als Rechtsanwalt in Hannover tätig.
Mark Barjenbruch ist der erste Nichtmediziner an der Spitze der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Der 43-jährige Jurist arbeitet seit Dezember 1996 für die KVN, zuerst als Leiter des Vorstandsbüros, seit Oktober 1999 als Justiziar und seit November 2000 als juristischer Geschäftsführer. Seit April 2001 war er Hauptgeschäftsführer. Der gebürtige Stader studierte von 1993 bis 1996 Rechtswissenschaften an den Universitäten in Göttingen und Hannover. Vor seinem Eintritt in die KVN war Barjenbruch als Rechtsanwalt in Hannover tätig. Quelle: Martin Steiner
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Herr Barjenbruch, sofort nach Ihrer Wahl haben Sie angekündigt: „Für begrenzte Vergütungen wird es in Zukunft auch nur begrenzte Leistungen geben.“ Was heißt das für die Patienten?

Wir bekommen von den Krankenkassen nur einen begrenzten Betrag, wir stehen jedoch vor einem deutlich höheren Bedarf. Die Ärzte wollen aber nicht ohne Grenzen unbezahlt arbeiten. Deshalb müssen wir uns die Frage stellen, welche Leistungen Ärzte für diese Pauschale der Kassen wirklich anbieten müssen, welche Untersuchungen entfallen können und welche wir vielleicht über IGeL anbieten werden.

Die sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) zahlen die Patienten aus eigener Tasche. Werden Arztbesuche künftig teurer?

Es geht uns nicht in erster Linie ums Geld. Es geht um eine faire Bestandsaufnahme. Wie können wir den Trend zur Überversorgung – erst Röntgen, dann Computertomographie und anschließend vielleicht noch eine Magnet-resonanztomographie – brechen, ohne dass wir darunter leiden. Die Ärzteschaft wird zerrieben zwischen den Anforderungen der Patienten und den Budgets der Kassen. Der Arzt darf nicht der Dumme sein.

Die Honorare der Ärzte sind seit 2009 stark gestiegen, in Niedersachsen um knapp 20 Prozent. Dürfen die Versicherten dafür nicht auch etwas mehr Leistung erwarten?

Noch einmal: Es geht nicht darum, unbedingt mehr Einnahmen zu generieren. Die Ärzte brauchen erst einmal Ruhe, um das Versorgungsangebot zu überdenken – und dann vernünftige Leistungsanreize. Viele niedergelassene Mediziner verstehen nicht mehr, wofür sie eigentlich ihr Geld bekommen.

Ist für das komplizierte Honorarsystem nicht die ärztliche Selbstverwaltung allein verantwortlich?

Die Traumvorstellung der Ärzte ist natürlich das Prinzip der Kostenerstattung auf Basis der privatärztlichen Gebührenordnung ...

... bei der die Patienten vom Arzt eine Rechnung bekommen, diese bei ihrer Krankenkasse einreichen und nur einen Teil erstattet bekommen ...

Ja, aber wir wissen auch, dass es dafür keine gesellschaftliche Akzeptanz gibt, wenn es um die Vorkasse der Patienten geht. Fest steht aber auch, dass das bestehende Honorarsystem keine Zukunft hat. Viele Ärzte wollen zu Beginn eines Quartals wissen, was ihre Arbeit am Ende wert ist.

Die Verteilung des Honorars ist eine der beiden Hauptaufgaben einer Kassenärzt-lichen Vereinigung. Die andere ist die Sicherstellung der Versorgung. In keinem westlichen Bundesland sind derzeit so viele Hausarztstellen unbesetzt wie in Niedersachsen. Wie wollen Sie das ändern?

Die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung ist in der Tat unsere Existenzberechtigung. Wenn wir das nicht leisten können, braucht man uns als Körperschaft nicht mehr. Zusammen mit dem Land und den Kommunen haben wir mehrere Projekte angeschoben. Als KVN geben wir zum Beispiel jedem Arzt, der sich in einem unterversorgten Bereich niederlässt, eine zweijährige Umsatzgarantie, die sich nach dem Durchschnitt seiner Fachgruppe bemisst.

Reicht das? Insbesondere junge Ärztinnen, die inzwischen die Mehrheit der Absolventen stellen, drängen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Das ist nicht länger eine Frage des Geschlechts – das gilt für die jüngere Generation insgesamt. Auf dem Lande gibt es immer noch Großpraxen mit doppelt so vielen Behandlungsfällen wie in der Stadt. Die verdienen auch sehr gut – müssen aber auch sehr viel arbeiten. Viele junge Ärzte wollen das nicht mehr in dem Maße. Wir müssen neue Formen von Vereinbarkeit von Familie und Beruf initiieren.

Als besonderes Problem gelten die Bereitschaftsdienste. Sind Ärzte zu bequem geworden?

Das kann man so nicht sagen. Die Realität sieht aber so aus: Wenn eine Praxisübergabe ansteht, können sich Inhaber und Interessent auf den Preis der Praxis meist noch verständigen. Wenn der Käufer dann aber fragt, wie oft er Bereitschaftsdienst machen muss und hört dann: viermal pro Woche – dann schreckt das ab. Daher haben wir den Bereitschaftsdienst reformiert. Jeder Arzt soll für nicht mehr als vier Dienste im Quartal eingeteilt werden. Außerdem erproben wir in Vechta und Schneverdingen zusammen mit dem Land und Krankenkassen, Hausbesuche an nicht ärztliches Fachpersonal zu delegieren. Ziel ist es, den Hausarzt auf dem Land zu entlasten.

Eine Alternative sind Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Viele niedergelassene Ärzte fürchten diese Konkurrenz. Aus gutem Grund?

Ohne neue Kooperationsformen werden wir die Versorgung der Bevölkerung nicht sicherstellen können, die MVZ sind da eine Option. Wir werden insbesondere im Bereich der Fachärzte die heutige Doppelversorgung in Praxen und Krankenhäusern so nicht aufrechterhalten können. Wir müssen die Sektorengrenzen zwischen dem ambulanten und stationären Bereich aufbrechen. Das können wir uns auf Dauer weder personell – Stichwort: Nachwuchsmangel – noch finanziell leisten. Daher sind ärztlich geleitete MVZ mit unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen eine sinnvolle Ergänzung.

Interview: Jens Heitmann

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