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Wirtschaft Wiedeking ist vorerst fein raus
Nachrichten Wirtschaft Wiedeking ist vorerst fein raus
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09:30 26.04.2014
Von Stefan Winter
Foto: Kurz vor dem Ziel: Wendelin Wiedeking hat gute Chancen auf Einstellung des Verfahrens.
Kurz vor dem Ziel: Wendelin Wiedeking hat gute Chancen auf Einstellung des Verfahrens. Quelle: dpa
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Hannover

Wendelin Wiedeking kann sich die Hände reiben: Das Stuttgarter Landgericht hat die Anklage gegen den früheren Porsche-Chef und seinen damaligen Finanzvorstand Holger Härter abgewiesen. Ende 2012 hatte die Staatsanwaltschaft beide wegen Manipulation der Finanzmärkte im Zusammenhang mit der versuchten VW-Übernahme angeklagt. Nach 16-monatiger Prüfung ist das Gericht nun zu dem Schluss gekommen, dass die Beweise nicht reichen: Das Hauptverfahren wird nicht eröffnet. Die Staatsanwaltschaft kann dagegen allerdings innerhalb einer Woche Beschwerde beim Oberlandesgericht einlegen und hat darüber nach eigenen Angaben noch nicht entschieden.

Eine Einstellung des Strafverfahrens wäre auch ein Rückschlag für zahlreiche Finanzinvestoren, die Porsche auf Schadensersatz verklagen – mit der gleichen Argumentation wie die Staatsanwaltschaft: In den Jahren 2007 bis 2009 habe die damalige Porsche-Führung die Öffentlichkeit mehrmals falsch über ihre Pläne bei VW informiert. Sie hätten deshalb die falschen Anlagenentscheidungen getroffen und viel Geld verloren.

„Natürlich brechen wir jetzt nicht in Freudentänze aus“, sagte der Münchener Anwalt Franz Braun der HAZ. „Wir sind aber weiter überzeugt von unserer Auffassung.“ Braun vertritt große US-Fonds in Verfahren vor dem Landgericht Braunschweig, wo sie mehrere Milliarden Euro von der Porsche SE und teilweise auch von Volkswagen fordern. „Für die erste Instanz hatten wir uns ohnehin nicht viel erhofft“, sagte Braun.

Einiges hatten sich die Zivilkläger allerdings vom Strafverfahren gegen Wiedeking erwartet. Es hätte ihnen weitere Details zu den entscheidenden Sitzungen im Übernahmekampf liefern können. Im Kern geht es in allen Verfahren um die Frage, wann Porsche beschloss, VW vollständig zu übernehmen. Die Stuttgarter hatten mehrmals erklärt, dass sie das nicht planten. Anleger spekulierten deshalb darauf, dass die Nachfrage nach VW-Aktien zurückgehen müsse, wetteten auf fallende Kurse – und wurden auf dem falschen Fuß erwischt, als Porsche plötzlich mehr als 75 Prozent der VW-Stammaktien kontrollierte. Der VW-Kurs schoss in die Höhe, große US-Fonds erlitten nach eigenen Angaben Milliardenschäden.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat Porsche seine Pläne von März bis Oktober 2008 fünfmal falsch dargestellt. Zu dieser Zeit sei in Stuttgart bereits beschlossen gewesen, dass man VW komplett beherrschen wollte. Weil das auch Thema im Aufsichtsrat gewesen sei, wird auch gegen damalige Porsche-Aufseher ermittelt, unter anderem gegen Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche. Bleibt es bei der Abweisung der Stuttgarter Klage, würden wohl auch diese Verfahren eingestellt.

Damit sind die Chancen der damals Beteiligten deutlich gewachsen, weitgehend ungeschoren aus den diversen juristischen Scharmützeln herauszukommen. Wiedeking musste Porsche zwar verlassen, tat es aber mit 50 Millionen Euro Abfindung. Der damalige Finanzvorstand Holger Härter ging mit 12 Millionen Euro, wurde allerdings später wegen Kreditbetrugs in erster Instanz zu einer Geldstrafe von 630 000 Euro verurteilt. Hier läuft die Revision.

Für die Porsche-Eigentümer würden eine Einstellung des Strafverfahrens und ein Scheitern der Schadensersatzklagen den Triumph vollkommen machen. Zwar führte der Übernahmeversuch bei VW ihr Familienunternehmen, die Porsche SE (PSE), an den Rand der Pleite. Doch weil diese Pleite für VW unabsehbare Risiken gebracht hätte, retteten die Wolfsburger ihren größten Aktionär damals mit Geldspritzen im Milliardenumfang. VW kaufte den Familien Porsche und Piëch Beteiligungen ab und gab einen Überbrückungskredit, das Emirat Katar stieg mit frischem Kapital ein.

So haben die Familien Porsche und Piëch letztlich ihr Ziel erreicht: Seit dem Ausstieg Katars haben sie bei der Porsche SE wieder allein das Sagen, und diese Holding wiederum hält immerhin noch die Mehrheit der Stimmrechte bei VW. Dank der Wolfsburger Dividenden liegen einige Milliarden in der PSE-Kasse, die auf Anlagemöglichkeiten warten. Was in höchster Not verkauft werden musste, zum Beispiel der Salzburger Autohandel und die Stuttgarter Sportwagenmarke, gehört jetzt VW – und damit mehrheitlich weiter den Familien.

Porsche-Prozesse

Porsches versuchte VW-Übernahme wird an vielen Fronten juristisch aufgearbeitet. Nachdem mehrere Klagen zunächst in den USA eingereicht worden waren, sind inzwischen deutsche Gerichte zuständig. Neben dem Stuttgarter Strafverfahren laufen diverse Zivilklagen auf Schadensersatz gegen die Porsche SE. Fünf davon werden in den nächsten Wochen vor dem Landgericht Braunschweig verhandelt.

Am 30. April geht es um die vergleichsweise kleine Klage eines Anlegers auf 131 986,60 Euro Schadensersatz. Am 14. Mai beginnen zwei Verfahren, darunter eine Forderung auf 212 Millionen Euro aus dem Merckle-Familienimperium: Der Pharmaunternehmer Adolf Merckle hatte bei der Spekulation mit VW-Aktien viel Geld verloren und nahm sich kurz darauf das Leben.

Die finanziell größten Fälle warten am 21. Mai: In einem Verfahren klagen US-Fonds auf rund 350 Millionen Euro, in einem weiteren auf knapp 1,8 Milliarden Euro. Die Porsche SE weist alle Vorwürfe zurück und bezweifelt zudem, dass die angeblichen Vermögensschäden tatsächlich eingetreten sind.

25.04.2014
Lars Ruzic 27.04.2014
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