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Wirtschaft Keine Lust mehr auf Kartoffeln
Nachrichten Wirtschaft Keine Lust mehr auf Kartoffeln
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18:05 07.10.2012
Von Carola Böse-Fischer
Quelle: dpa
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Hannover

Bundesweit schrumpfte die Anbaufläche nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministerium in diesem Jahr auf rund 238100 Hektar - ein minus von 8 Prozent gegenüber 2011. EU-weit sank die Anbaufläche sogar auf den historischen Tiefstand von 1,8 Millionen Hektar, wie Torsten Renken, Geschäftsführer und Mitinhaber des Handelsunternehmens Lünekartoffel in Südergellersen bei Lüneburg, berichtet.

In der Folge sank auch die Erntemenge. Nur noch etwa 10,6 Millionen Tonnen Kartoffeln holten die deutschen Bauern von den Feldern, 10,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Niedersachsen ist zwar nach wie vor die mit Abstand größte Anbauregion, in der fast die Hälfte (46 Prozent) der deutschen Kartoffeln geerntet wird. Aber auch hier schränkten die Landwirte ihre Flächen stark ein, um 8,3 Prozent auf nur noch rund 103550 Hektar, wie der Landbetrieb für Statistik in Hannover meldet. Insgesamt ernteten die niedersächsischen Kartoffelanbauer 4,85 Millionen Tonnen, verglichen mit 2011 waren das 7,6 Prozent weniger.

Die Kartoffel sei angesichts der stagnierenden Nachfrage der Verbraucher „zu wenig attraktiv“, erklärt der Deutsche Bauernverband das abnehmende Interesse der Landwirte am Kartoffelanbau. Statistisch verzehren die Konsumenten hierzulande nur noch etwa 56 Kilogramm Kartoffeln pro Kopf und Jahr, verglichen mit 75 Kilogramm vor rund zwanzige Jahren und noch 102 Kilogramm Anfang der siebziger Jahre. Die erzielbaren Preise stellten „keine akzeptable Entlohnung der aufwendigen Arbeit der Kartoffelbauern“ dar, heißt es beim Bauernverband.

Ähnlich sieht es Lünekartoffel-Chef Renken. Wegen der enorm gestiegenen Preise für Weizen oder Mais hätten die Bauern Alternativen, die bessere Ertragspotenziale böten - und mit geringerem Risiko behaftet seien. Schon der finanzielle Aufwand für den Kartoffelanbau von der Bodenbearbeitung über Pflanzgut und Düngung bis zur Ernte ist nach Schätzung von Renken mit durchschnittlich 4000 Euro je Hektar mehr als dreimal so hoch wie beim Getreide.

Zudem sei das Qualitätsrisiko ungleich größer. Fällt die Qualität etwa von Speisekartoffeln schlecht aus, droht der Landwirt laut Renken im Extremfall ein Totalverlust, weil sich die Kartoffeln beispielsweise wegen zu geringer Größe auch nicht mehr bei den Frittenproduzenten absetzen ließen. Weizen minderer Qualität lasse dagegen - zu niedrigeren Preisen - immer noch als Futterweizen vermarkten.

Deshalb rechnet der Bauernverband nicht damit, dass die Landwirte ihre Anbauflächen in der nächsten Saison wieder ausweiten. Marktbeobachter erwarten 2013 sogar einen weiteren Rückgang - trotz der als Folge des sinkenden Angebots kräftig gestiegenen Erzeugerpreise. Derzeit erlösen die Bauern in Niedersachsen für Speisekartoffeln zwischen 12 und 14 Euro je Dezitonne (100 Kilogramm), wie Lünekartoffel-Chef Renken berichtet. Vor einem Jahr war es nur etwa halb so viel. Der Erzeugerpreis für Verarbeitungskartoffeln, aus denen die Industrie Pommes frites, Chips und Püree herstellt, beträgt laut Renken 14,50 Euro je Dezitonne, gut 6 Euro mehr als vor einem Jahr. Bundesweit schwanken die Erzeugerpreise für Speisekartoffeln, auf die gut zwei Fünftel der Erntemenge entfallen, nach Angaben des Bundesagrarministeriums je nach Regionzwischen 10 und 16,50 Euro pro Dezitonne.

Die Verbraucher im Supermarkt merken davon nicht viel. Umgerechnet auf ein Kilogramm Kartoffeln kostet festkochende Salatware zurzeit 70 Cent gegenüber 62 Cent zur gleichen Vorjahreszeit, wie Renken sagt. Der Preis für vorwiegend festkochende Kartoffeln sei nur von 50 auf 52 Cent je Kilogramm gestiegen.

Auch wenn noch mehr Landwirte angesichts lukrativer Alternativen aussteigen, sieht Renken den Kartoffelanbau nicht gefährdet. Aufgeben würde jene, bei denen die Kartoffel eine unter mehreren Ackerfrüchten sei. „Aber die Profis machen weiter.“ Denn die verdienten „gutes Geld“ mit der Kartoffel.