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Wirtschaft „Die Zahl der Sparkassen wird sich bis 2030 halbieren“
Nachrichten Wirtschaft „Die Zahl der Sparkassen wird sich bis 2030 halbieren“
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19:29 28.11.2019
Heinrich Jagau tritt Ende November als Vorstandschef der Sparkasse Hannover ab. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Durch die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank sieht die Sparkasse Hannover ihr Geschäftsmodell bedroht. Mittelfristig sei die Existenz gefährdet, sagt der scheidende Vorstandschef Heinrich Jagau im HAZ-Interview. Bis 2030 werde sich die Zahl der Institute in Niedersachsen halbieren. Nach 20 Jahren im Vorstand der Sparkasse geht der 63-Jährige Ende November in den Ruhestand.

Lässt sich die Bezeichnung Sparkasse eigentlich noch rechtfertigen, wenn die Kunden keine Zinsen mehr bekommen, Herr Jagau?

Natürlich ist der Name noch angemessen, denn die Zeiten, in denen es keine Zinsen gibt, können nur begrenzt sein. Wir hatten einmal die Erwartung, dass der Einstieg in den Ausstieg aus der aktuellen Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) Ende dieses Jahres beginnen würde – das wird sich nun um drei bis vier Jahre verschieben. Aber dieser Zeitpunkt muss kommen: Denn ein marktwirtschaftliches System kann mit Negativzinsen auf Dauer nicht überleben.

Mit anderen Worten: Wenn die EZB ihren Kurs nicht ändert, steht das Geschäftsmodell von Banken und Sparkassen vor dem Kollaps?

Ja, übrigens genauso wie die Vorsorgekonzepte vieler Verbraucher. Wir leben davon, von Sparern und Anlegern Einlagen einzusammeln und als Kredite auszuleihen. Aktuell gelingt es den Banken und Sparkassen noch ganz gut, die Effekte der von der EZB verlangten Strafzinsen abzupuffern. Einzelne Häuser nehmen zwar schon Verwahrentgelte ...

... wie auch die Sparkasse Hannover, die ab Guthaben von 500.000 Euro Strafzinsen von 0,5 Prozent verlangt ...

...das ist richtig, aber die große Mehrheit der privaten Kunden ist noch nicht davon betroffen. Das müsste sich allerdings in den nächsten Jahren ändern, wenn die EZB bei ihrer jetzigen Politik bliebe. Sonst wären Sparkassen und Volksbanken in ihrer Existenz gefährdet: Wir leben nun einmal von der Differenz zwischen den Zinsen für Guthaben und den Zinsen für Kredite – wenn es hier keinen Unterschied mehr gibt, kann unser Geschäft nicht funktionieren.

Bilder aus dem Leben von Heinrich Jagau

Unterwegs in Stadt und Umland: Der Vorstandschef der Sparkasse

Der sogenannte Zinsüberschuss ist ihre wichtigste Einnahmequelle. Er ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken – ist ein Ende der Talfahrt absehbar?

Noch nicht: Wir werden in den nächsten zwei bis drei Jahren voraussichtlich noch einmal 10 bis 15 Prozent unseres Zinsüberschusses verlieren. Zurzeit liegen wir bei etwa 240 Millionen Euro – wir werden uns also der Marke von 200 Millionen Euro nähern.

Um Einbrüche in diesem Bereich zu kompensieren, erhöhen viele Banken und Sparkassen ihre Gebühren. Was kommt auf Ihre Kunden zu?

Wir planen das aktuell nicht – aber man wird in der Zukunft natürlich darauf achten müssen, wie sich die allgemeinen Preise entwickeln und wie sich Tariferhöhungen auf unsere Lohnkosten auswirken.

Können Sie auch deshalb so gelassen sein, weil Ihre Kontogebühren schon recht hoch sind? Bei einem Vergleich der Stiftung Warentest ist die Sparkasse Hannover zuletzt auf den hinteren Plätzen gelandet.

Einige Wettbewerber haben über einen längeren Zeitraum suggeriert, dass ein Girokonto nichts kostet. Das stimmt aber nicht: Gute Leistung hat auch ihren Preis. Übrigens sind nicht alle Anbieter beim Preis so transparent wie wir. Es lohnt sich genau hinzugucken, was im Giro-Preis alles enthalten ist. Unser Girokonto kostet für Kunden ab dem 29. Lebensjahr 7 Euro im Monat inklusive Karte und aller Transaktionskosten, das sind also 84 Euro im Jahr. Damit sind wir absolut wettbewerbsfähig. Das sehen auch unsere Kunden so: Nachdem wir das kostenlose Girokonto 2016 abgeschafft haben, sind wir im Saldo jedes Jahr gewachsen.

Die Sparkasse Hannover hat zuletzt 30 Filialen geschlossen und 200 Stellen abgebaut, weil immer mehr Kunden ihre Konten online führen. Müssen Sie das Netz noch weiter ausdünnen?

Die Filiale bleibt eine tragende Säule, in die wir auch weiter investieren. Aber sie ist längst nicht mehr die einzige Zugangs- und Beratungsmöglichkeit. Während heute ein Kunde im Durchschnitt nur noch einmal im Jahr in die stationäre Filiale kommt, zählen wir in unserer Internetfiliale monatlich etwa 2,5 Millionen Besuche. Kunden, die darüber hinaus die persönliche Beratung brauchen, sind auch bereit, dafür ein paar Kilometer weiter zu fahren. Wir werden unser Angebot immer wieder justieren müssen, aber unser Filialnetz wird das dichteste in der Region bleiben.

Sie profitieren noch vom Boom bei Baukrediten. Aber selbst hier wird schon über Negativzinsen spekuliert – ist das realistisch?

Nein, das werden allenfalls Eintagsfliegen sein. Möglich ist das nur für Wettbewerber, die sich am Kapitalmarkt refinanzieren, also nicht über Einlagen von Kunden. Ich glaube nicht, dass wir hier für längere Zeit unter ein Zinsniveau von 0,5 oder 0,6 Prozent auf zehn Jahre sinken. Denn auch hier stellt sich die Systemfrage: Für einen Schuldner, der bei einem Darlehen noch etwas dazubekommt, kann die Schuld im Prinzip nie groß genug sein – es gibt ja kein Korrektiv über den Preis. Das finde ich hinreichend absurd.

Zuletzt mussten Sie kaum noch Kreditausfälle verkraften. Nun droht ein Abschwung – was heißt das mit Blick auf die Risiken?

In den vergangenen zehn Jahren war die Konjunktur ohne Frage außergewöhnlich stabil. Trotzdem haben wir unsere Risikovorsorge nicht vernachlässigt. Dass Darlehen mal nicht bedient werden, gehört bei unserem Geschäft dazu – wenn man gar keine Ausfälle hat, muss man sich die Frage stellen, ob man bei der Kreditvergabe vielleicht zu restriktiv gewesen ist. Ich rechne aber allenfalls mit Einzelwertberichtigungen. Auf der Risikoseite ist die Sparkasse Hannover besenrein.

Noch gibt es in Niedersachsen rund 40 Sparkassen. Wie viele werden es in zehn Jahren sein?

Ich bin nach wie vor davon überzeugt: Wenn es das Sparkassenmodell nicht gäbe, müsste es erfunden werden. Wir sind dafür da, für normale Bürger Anlagemöglichkeiten, Finanzierungen und Beratung zu bieten, die Mittelstandsfinanzierung sicherzustellen und regionale Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern. Aber natürlich wächst der Druck im Markt, es wird also noch ungemütlicher werden. Eine Halbierung auf 20 Häuser halte ich daher in Niedersachsen bis 2030 für realistisch.

Nach 20 Jahren im Vorstand gehen Sie Ende November in den Ruhestand. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Für uns ist die Fusion von Stadt- und Kreissparkasse im Jahr 2003 immer noch ein Geschenk. Wir können in einer Region mit 1,3 Millionen Menschen agieren, die weiter wächst. Auch deshalb waren wir in der Lage, aus einer Position der Stärke heraus das Unternehmen sehr gezielt am sich verändernden Kundenbedarf auszurichten und rechtzeitig Vorsorge dafür zu treffen, dass die Zeiten schwieriger werden. Unsere Bilanzsumme macht heute etwa ein Sechstel des Volumens aller niedersächsischen Sparkassen aus – damit stehen wir auf sehr stabilen Beinen.

Von Jens Heitmann

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