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Wirtschaft Hochbetrieb bei Mostereien
Nachrichten Wirtschaft Hochbetrieb bei Mostereien
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08:45 02.10.2011
In Niedersachsens Mostereien herrscht Hochbetrieb.
In Niedersachsens Mostereien herrscht Hochbetrieb. Quelle: dpa
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Eißel/Lütgenrode

Es riecht süßlich-fruchtig nach Äpfeln, die Presse rattert fast ununterbrochen. Ständig reichen Mitarbeiter Kisten mit frisch abgefülltem, gold-gelbem Apfelsaft an die Kunden. Im Zehn-Minuten-Takt fahren Autos auf den Hof des alten Bauernhauses, die Kofferräume voller Säcke, Eimer oder Kübel mit Äpfeln darin, die gepresst werden sollen. In der Mosterei Finkenburg in Eißel bei Achim ist die Apfelsaison im vollen Gange, dort wird Saft aus mitgebrachten Äpfeln gepresst. Bedingung: Die Äpfel müssen ungespritzt sein.

Seit 1991 wird in der Mosterei Finkenburg Saft gepresst, im ersten Jahr gab es einen Testlauf nur für Nachbarn und seit 1992 können alle ihre Äpfel bringen. Aus 50 Kilo Äpfeln, das ist die Mindestmenge, die Kunden mitbringen müssen, werden etwa 30 bis 40 Liter Saft gepresst - der schmeckt immer unterschiedlich und ist mal heller, mal dunkler, je nachdem, was für Äpfel die Kunden mitbringen.

Die Mosterei ist Teil des Vereins für naturgemäßen Obstbau, dessen Ziel es ist, alte Obstsorten und Streuobstwiesen zu erhalten. Das funktioniert, meint Mitarbeiter Uwe Ciesla: „Die Kunden sehen einen Sinn darin, ihre Äpfel zu erhalten, weil man etwas daraus machen kann.“ So auch Bernd Redenius: Seit 1992 fährt der 72 Jahre alte Kunde jedes Jahr mit etwa 150 Kilo Äpfeln zur Mosterei. „Hier bekomme ich keinen Most aus totgespritzten Äpfeln, da ist höchstens mal ein schön gepresster Wurm dabei“, sagt er und lacht.

Für die Äpfel der Kunden geht es zunächst in ein Wasserbad, dann durch ein Rohr in Richtung Presse, wo die Äpfel kleingehackt, als sogenannte Maische, auf braunen Tüchern landen und mit etwa 120 bar ausgepresst werden, die Reste werden zu Tierfutter verarbeitet. Über ein Rohr an der Decke fließt der Saft durch einen Durchlauferhitzer und wird wegen der längeren Haltbarkeit auf 72 bis 76 Grad erhitzt und anschließend mit einem Schlauch in Flaschen abgefüllt. Diese Prozedur dauert gut zehn Minuten, den Saft können die Kunden sofort mitnehmen.

„Beckers Bester“ aus Lütgenrode bei Göttingen stellt jährlich 30 Millionen Liter Saft her

In Deutschland gibt es rund 400 Mostereien, darunter viele mittelständische Betriebe, die heimisches Obst verarbeiten, sagt der Geschäftsführer des Verbands der deutschen Fruchtsaft-Industrie, Klaus Heitlinger. Im Jahr 2010 wurden 3,8 Milliarden Liter Saft getrunken, das sind 36,3 Liter pro Person, davon sind 8,1 Liter Apfelsaft - ohne Apfelschorlen gerechnet.

Apfelsaft ist somit nach Orangensaft der zweitbeliebteste Saft in Deutschland. Dabei gibt es auch regionale Unterschiede: In Norddeutschland kaufen die Kunden lieber gold-gelben Saft, im Süden bevorzugt man Apfelsaft mit einer bräunlichen Farbe. Es werden jährlich rund 800.000 Tonnen Obst verarbeitet, der Umsatz der Fruchtsafthersteller liegt bei 3,7 Milliarden Euro.

Einer der größeren Hersteller ist „Beckers Bester“ aus Lütgenrode nördlich von Göttingen: Die Mosterei verarbeitet jährlich etwa 48.000 Tonnen Äpfel und stellt daraus etwa 30 Millionen Liter Saft her. Die Äpfel stammen größtenteils aus dem Vertragsanbau von heimischen Apfelwiesen, so groß wie etwa 400 Fußballfelder. Grundsätzlich gebe es keinen großen Unterschied zu kleinen Mostereien, meint Marketingleiter Peter Mühlhaus, allerdings sei die Technik etwas ausgefeilter und es würden Fachkräfte in der Produktion arbeiten.

Für die Herstellung des Saftes werden 20 bis 25 verschiedene Apfelsorten immer im gleichen Mischungsverhältnis verwendet, so schmeckt der Saft immer gleich. „Bei kleinen Mostereien lassen die Kunden sich darauf ja ein, aber wir würden Reklamationen bekommen, wenn der Saft mal anders schmeckt oder anders aussieht.“ Als Konkurrenz sieht Mühlhaus kleinere Mostereien nicht: „Die ganze Branche hat einen Vorteil davon. Kleine Mostereien leisten einen Beitrag zum Erhalt des Kulturgutes Apfel, die Menschen behalten einen Bezug zu diesem wertvollen, heimischen Lebensmittel.“

dpa