Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Wirtschaft „Der Klimawandel kann sich katastrophal auswirken, auch in Deutschland“
Nachrichten Wirtschaft „Der Klimawandel kann sich katastrophal auswirken, auch in Deutschland“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:49 07.05.2019
Eine CO2-Steuer wäre aus Sicht von Ulrich Wallin ein „wirtschaftlicher Anreiz“ für den Klimaschutz. Quelle: Heidrich

Herr Wallin, Rückversicherungen wie die Hannover Rück verkaufen Versicherungen für Versicherungen. Kann man damit noch gute Geschäfte machen, wenn das Klima verrücktspielt und Terroristen aus dem Nichts zuschlagen?

Ja, natürlich. Wir schützen die Versicherer ja gerade vor großen Einzelschäden. Gäbe es keine, wären wir weniger gefragt. Aber es stimmt, dass unerwartete Katastrophen wie der Angriff auf das World Trade Center die Branche verunsichern. Da geht es um die Frage, welche Risiken man noch übernehmen kann, und zu welchem Preis. Das muss man dann rational beurteilen. Trotz der emotional aufgeladenen Situation.

Welche Rolle spielt der Klimawandel? Können Sie ihn in Ihren Statistiken sehen?

Ja, der ist darin zu erkennen. Man sieht zum Beispiel eine Zunahme von Fluten und Hagel. Das entwickelt sich graduell, deswegen können wir mit unseren Preisen darauf reagieren. Doch die langfristigen Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft können katastrophal werden, auch in Deutschland. Wenn es um 3,5 Grad wärmer wird, werden wir hier zum Beispiel deutlich mehr Tage mit mehr als 40 Grad Celsius haben. Und der Meeresspiegel wird steigen. Dann werden wir immer höhere Deiche bauen müssen oder Teile des Landes verlieren.

Beunruhigende Prognosen

Als Rückversicherungschef wird man also automatisch zum Klimaschützer?

Wir haben nun einmal langfristige Prognosen. Und die deuten darauf hin, dass das Leben, wie wir es kennen, sehr wahrscheinlich erheblich gefährdet wird. Das steht zwar nicht zu 100 Prozent fest. Doch wenn man das Risiko abwägt, dann ist es sinnvoll, den CO2-Ausstoß zu beschränken.

Sie selbst haben sich allerdings lange geweigert, mit der Hannover Rück aus dem Geschäft mit Versicherungen für Kohlekraftwerke auszusteigen, was Umweltorganisationen seit einigen Jahren fordern. Wie passt das zu Ihrer Meinung, dass man den CO2-Ausstoß beschränken sollte?

Meine persönliche Meinung ist: Wenn man Kohlekraftwerke verhindern will, sollten die Ansprechpartner Stromversorger und die Regierungen sein, die die Kraftwerke genehmigen. Regierungen sind politisch legitimiert, Versicherungen nicht. Außerdem glaube ich nicht, dass die Maßnahme etwas bringt. Auch wenn die großen Rückversicherer aus dem Geschäft aussteigen, werden weiter Kohlekraftwerke gebaut.

Wenn Unternehmen keine Klimapolitik machen sollten: Was sollte die Politik selbst tun? Was halten Sie vom aktuellen Vorschlag einer CO2-Steuer?

Das wäre zumindest ein direkterer Weg. Und es wäre ein wirtschaftlicher Anreiz, den Ausstoß zu reduzieren.

Sinneswandel beim Kohlegeschäft


Im April haben Sie dann doch den Ausstieg aus dem Kohlegeschäft verkündet.
Warum der Sinneswandel?

Das ist mit meinem Nachfolger Jean-Jacques Henchoz abgestimmt. Man kann durchaus sagen, das ist eher von ihm initiiert als von mir.

Herr Henchoz kommt von Ihrem Konkurrenten Swiss Re. Sie hingegen sind bei der Hannover Rück vom Vertragssachbearbeiter bis zum Vorstandschef aufgestiegen, was in großen Konzernen die Ausnahme ist. Wie haben Sie das geschafft?

Man konnte das Geschäft damals gut selbst weiterentwickeln. Als ich zum Beispiel für den Luftfahrtbereich zuständig wurde, gab es noch keine Preisfindungsmodelle dafür. Also habe ich das selbst konzipiert. Und meine Kollegen und Chefs fanden das gut.

Das Geschäft mit Rückversicherungen für Fluglinien war Ihr Karrierebeschleuniger?

Ja, der Bereich ist stark gewachsen und war immer sehr profitabel.

Damit haben Sie es bis in den Vorstand geschafft. Als allerdings 2009 der Job des Vorstandschefs frei wurde, haben Sie laut „Handelsblatt“ durchblicken lassen, dass Sie zufrieden mit Ihren bisherigen Aufgaben sind. Stimmt das?

Ja. Aber ich habe den Job natürlich trotzdem gern angenommen.

Zur Person

Ulrich Wallin hat fast sein gesamtes Berufsleben in der hannoverschen Versicherungswelt verbracht. Nach dem Jurastudium in Hamburg fing er 1982 beim HDI an, anschließend machte er Karriere bei der Hannover Rück. Von 2009 an schraubte er als Vorstandsvorsitzender die Gewinne des viertgrößten Rückversicherers der Welt deutlich in die Höhe. Auch sein letztes Quartal als Chef lief außerordentlich gut: Von Januar bis März stieg der Gewinn im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozent auf 294 Millionen Euro, wie Hannover Rück am Dienstag mitteilte.

Der 64-jährige Jurist tritt stets zurückhaltend auf und klopft sich ungern auf die Schulter. Er lebt in Hannover, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Am heutigen Mittwoch übergibt er sein Amt an seinen Nachfolger Jean-Jacques Henchoz. Künftig will er beim Hannover-Rück-Mutterkonzern Talanx aktiv bleiben. Er verrät noch nicht, was genau er dort vorhat – nur, dass er künftig auch mehr Zeit für die Familie, Reisen und „ein bisschen Golf“ haben wird.

Warum wurden Sie denn gefragt, wenn Sie sich nicht aufgedrängt haben?

Das ist eine interessante Frage. Denn die Bereiche, für die ich zuständig war, hatten erhebliche Schäden erlebt, zum Beispiel den Hurrikan „Katrina“ und den Anschlag auf das World Trade Center. Aber es ist mir danach immer gelungen, das Geschäft gewinnbringend auszubauen.

Als Vorstandschef haben Sie dann die Gewinne kräftig gesteigert, der Börsenwert hat sich in Ihrer Amtszeit sogar verfünffacht. Was waren ihre wichtigsten Weichenstellungen dafür?

Wir haben ein paar strategische Ziele verfolgt, zum Beispiel, dass wir relativ wenig Naturkatastrophengeschäft rückversichern und unsere Kapitalanlagen eher konservativ investieren. Aber das ist ein Teamerfolg. Es ist nicht so, dass einer allein sagt, wo es langgeht.

Von Christian Wölbert

Die Einkommen steigen, die allgemeine Zufriedenheit wächst - und gleichzeitig nimmt seit der Finanzkrise die Ungleichheit wieder zu. Die Einkommen der Gutverdiener steigen viel stärker als die aller anderen. Besonders stark profitieren die Reichsten.

10.05.2019

Zwölf ehemalige Manager des Industriedienstleisters Bilfinger SE stehen nun Schadenersatz-Forderungen ihres ehemaligen Arbeitgebers ins Haus. Die Hintergründe.

07.05.2019

Siemens schafft Klarheit für seine Kraftwerksparte: Der kriselnde Geschäftsbereich soll in einer neuen Gesellschaft aufgehen und an die Börse gebracht werden. Im Sinne der neuen Ausrichtung ist das ein logischer Schritt.

07.05.2019