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Wirtschaft Vernichtet die Digitalisierung Jobs? Philosoph Precht streitet mit Gewerkschaftern
Nachrichten Wirtschaft Vernichtet die Digitalisierung Jobs? Philosoph Precht streitet mit Gewerkschaftern
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17:15 03.04.2019
Viele Roboter, wenige Menschen: Sieht so die Zukunft der Arbeit aus? Quelle: dpa
Hannover

Richard David Precht hat eine warme, sonore Stimme. Doch seine Aussagen zum digitalen Wandel lassen das Publikum frösteln. „Es wird Millionen von Arbeitslosen geben, gleichzeitig werden Millionen von IT-Spezialisten fehlen“, sagt der Bestseller-Autor am Mittwoch auf der Hannover Messe. Die Arbeitslosenversicherung und das Rentensystem würden deshalb kollabieren, sagt er, und die Politik müsse ein bedingungslose Grundeinkommen einführen. „Das wird das große Thema im übernächsten Bundestagswahlkampf.“

Die Dystopie von digitalen Tsunami, der Routinejobs wegspült und den Graben zwischen Arm und Reich vertieft, ist nicht neu. Precht zieht damit seit Monaten durch die Republik. Hartnäckig widerspricht er der aktuell vorherrschenden Meinung, dass die Digitalisierung zwar Jobs kostet, die Menschen aber rechtzeitig in neuen Jobs unterkommen.

Prechts Auftritt am Mittwoch ist allerdings besonders: Eingeladen zu der Diskussion über „die Zukunft der Arbeit“ hat die Gewerkschaft IG Metall. Und die Gewerkschaften sind es, die die Welt, die Precht vorhersagt, besonders fürchten müssen.

Zwar hören auch die Arbeitgeber die Thesen des Philosophen nicht gern. Doch für sie geht es nicht ums Überleben. Wenn Precht Recht behält, dann bauen VW und Siemens ihre Autos und Maschinen bald eben mit mehr Robotern und weniger Werkern. Dann verdienen die Deutsche Bank und die Allianz ihr Geld künftig eben mit Software statt mit Sachbearbeitern.

VW setzt auf Weiterbildung

Die Gewerkschaften allerdings würden in einer Welt der digitalen Massenarbeitslosigkeit ihre Mitglieder verlieren – und damit ihre Existenzgrundlage.

Es ist also kein Wunder, dass die Vertreter der IG Metall am Mittwoch eine andere Zukunft zeichnen als Precht. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh sagt auf dem Podium zwar ebenfalls, dass die Digitalisierung bestimmte Jobs überflüssig mache. Ein Roboter koste einmalig 25.000 Euro, ein Arbeiter hingegen 75.000 Euro pro Jahr. „Das rechnet sich schon nach vier Monaten.“ Darüber hinaus koste auch der Umstieg auf Elektro-Autos viele Arbeitsplätze.

Doch er betont, dass Volkswagen mit Altersteilzeit Tausende Stellen sozialverträglich abbauen kann. Außerdem könnten auch Fließbandarbeiter oder Kaufleute zu Programmierern umgeschult werden. VW tue das bereits, in der „Fakultät 73“ in Wolfsburg. „Die ersten 100 Leute haben jetzt angefangen, nächstes Jahr fangen wieder 100 an.“

Der Betriebsratschef widerspricht damit einer zentralen These Prechts. Der betont, dass „aus einem Busfahrer oder einem Sparkassenberater kein Virtual-Reality-Designer wird“.

Osterloh bekommt in diesem Punkt viel Beistand. „Jeder hat Talente. Wir müssen sie nur wecken“, sagt der Axel-Springer-Manager Florian Klages. Die Unternehmensberaterin Sophia Hatzelmann meint, dass viele Menschen Angst vor der Digitalisierung haben, zum Beispiel, weil sie Mathe schon in der Schule nicht mochten. „Aber der Einstieg ist machbar, auch mit Vierzig oder Fünfzig noch. Dafür braucht man kein Informatikstudium.“

„Unternehmen in der Pflicht“

Auch der Chef der IG Metall in Niedersachsen, Thorsten Gröger, widerspricht Precht. Er glaube nicht, dass die Sozialversicherungssysteme zusammenbrechen, sagt er der HAZ. Die Digitalisierung schaffe schließlich auch neue Werte und Jobs. Obendrein steige die Produktivität schneller als die Gesellschaft altere.

Besonders ärgert Gröger sich allerdings darüber, dass auch schon Wirtschaftsvertreter wie Siemens-Chef Jo Kaeser und Telekom-Chef Timotheus Höttges ein Grundeinkommen als unausweichlich bezeichnet haben. Die Unternehmen dürften die Lasten des digitalen Wandels nicht einfach auf die Politik abwälzen. „Sie sind in der Pflicht, ihre Beschäftigten in die Zukunft mitzunehmen.“

Von Christian Wölbert

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