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Wirtschaft Gescheiterte Fusion: Wie geht es mit Fiat Chrysler und Renault weiter?
Nachrichten Wirtschaft Gescheiterte Fusion: Wie geht es mit Fiat Chrysler und Renault weiter?
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18:11 06.06.2019
Fiat Chrysler und Renault fusionieren vorerst nicht. Quelle: Richard Drew/AP/dpa
Berlin

Die große Autofusion ist vorerst abgesagt. Doch offenbar haben beide Seiten die Hoffnung noch nicht völlig aufgegeben. Fiat Chrysler (FCA) ist nach eigenen Worten weiter überzeugt vom Sinn der Transaktion, und auch Renault sprach von einer „zwingenden industriellen Logik“. Dennoch stoppte FCA das Projekt, bevor formelle Verhandlungen beginnen konnten. Nach dem Scheitern schiebt man den Schwarzen Peter hin und her.

Der italienisch-amerikanische Konzern hatte den Franzosen eine Fusion vorgeschlagen, nach der beiden Seiten jeweils die Hälfte am neuen Unternehmen gehören sollte. Renault zeigte sich grundsätzlich offen, und auch die französische Regierung, die dort 15 Prozent der Stimmrechte kontrolliert, begrüßte das Angebot. Sie forderte allerdings Garantien für Standorte und Arbeitsplätze. Kompliziert wurde das Geschäft auch durch die enge Verbindung von Renault und Nissan – die Japaner hätten bei einer Fusion mitzureden, wurden von FCA aber nicht offiziell gefragt.

An der Politik gescheitert?

Gescheitert sei man letztlich an den „derzeitigen politischen Verhältnissen in Frankreich“, teilte FCA ungewöhnlich deutlich mit. Auch Renault zeigte in Richtung der französischen Regierung: Der Verwaltungsrat habe den Start der Verhandlungen nicht beschließen können, weil die Staatsvertreter noch Gesprächsbedarf hätten.

Daraufhin machte Fiat Chrysler den Rückzieher – was die französische Regierung wiederum irritiert: Es habe keinen guten Grund gegeben, das Angebot so überstürzt zurückzuziehen, hieß es in Regierungskreisen. Bereits seit Beginn der Kontakte habe FCA starken Zeitdruck ausgeübt. Die französische Seite habe klargemacht, dass sie sich nicht derart unter Druck setzen lasse.

Nach Einschätzung der meisten Branchenexperten bräuchte FCA den Zusammenschluss dringender als Renault, doch die Börse reagierte anders auf das Scheitern: Während die Renault-Aktie um rund sechs Prozent abrutschte, erholte sich die FCA-Aktie nach kurzer Schwäche wieder. Offenbar waren viele Anleger irritiert von den unklaren Machtverhältnissen bei Renault.

FCA sucht Partner

Fiat Chrysler will nach eigenen Angaben nun den Alleingang fortsetzen. Doch der Konzern suchte seit Jahren einen großen Partner und dürfte damit jetzt nicht aufhören. Frank Schwope, Autoexperte der NordLB, sieht beispielsweise den französischen PSA-Konzern mit den Marken Peugeot, Citroen und Opel als „natürlichen Partner“. Angeblich habe es auch hier jüngst Gespräche gegeben. „Ebenso ist die Fusion zwischen Fiat Chrysler und Renault sicherlich nicht endgültig vom Tisch“, schreibt Schwope in einer Analyse.

Vor allem der europäische Zweig von FCA hat massive Probleme. Fiat verliert seit Jahren Marktanteile und nutzte nach der Finanzkrise die Chance, praktisch zum Nulltarif beim damals insolventen US-Hersteller Chrysler einzusteigen. Dort bringt vor allem die Marke Jeep ordentliche Gewinne. Sie und das amerikanische Chrysler-Vertriebsnetz bieten den größten Reiz für potenzielle Partner.

Doch unter dem Strich bleibt nicht viel: Im ersten Quartal machte der FCA-Konzern bei 24,5 Milliarden Euro Umsatz nur gut 500 Millionen Euro Nettogewinn. Dem Konzern fehlt Know-how bei Elektroantrieb und Vernetzung und gleichzeitig das Geld, um diese Lücken zu schließen. Renault hätte vor allem beim E-Antrieb einiges zu bieten.

Renault und Nissan uneins?

Doch auch die Franzosen sind mit sich selbst beschäftigt. Der langjährige Chef, Carlos Ghosn, steht unter Korruptionsverdacht und wurde abgelöst. Seit Wochen werden immer wieder mögliche Verfehlungen aufgedeckt. Auch die große Autoallianz von Renault, Nissan und Mitsubishi steht ohne ihren Architekten nicht mehr so stabil. Die Meinungsbildung bei den Franzosen dürfte sich auch wegen Abstimmungen mit Nissan hingezogen haben.

Gemeinsam wären Renault und Fiat Chrysler der nach Stückzahlen drittgrößte Autobauer der Welt geworden. Nissan und Mitsubishi hinzugerechnet, wäre die Allianz Weltmarktführer vor Volkswagen und Toyota. Selbst diese beiden schließen Allianzen, weil sie nicht alle anstehenden Projekte in Antriebstechnik und Digitalisierung allein bewältigen können. So ist Autoanalyst Schwope überzeugt, dass das Thema Fusion in der Autoindustrie bald wieder auf den Tisch kommt.

Ob mit oder ohne Beteiligung von Renault und FCA werde es in den nächsten Jahren weitere Zusammenschlüsse geben. „Kandidaten für Übernahmen, kapitalmäßige Beteiligungen oder Fusionen könnten in den nächsten Jahren Ford, Honda, Suzuki und Subaru sein.“ Ford verhandelt bereits mit VW über mehrere Kooperationsprojekte, Fusion oder Beteiligung stehen allerdings nicht zur Debatte. Die drei japanischen Hersteller dürften alle zu klein für die anstehenden Herausforderungen sein.

Von RND/Stefan Winter