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Wirtschaft „Die Grenzen der Belastung sind erreicht“
Nachrichten Wirtschaft „Die Grenzen der Belastung sind erreicht“
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20:09 02.11.2014
Von Jens Heitmann
Foto: Werner Brinker ist seit 1998 Vorstandschef des Oldenburger Energiekonzerns EWE.
Werner Brinker ist seit 1998 Vorstandschef des Oldenburger Energiekonzerns EWE. Quelle: Ingo Wagner
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Hannover

Russland und die Ukraine haben sich auf einen neuen Gasliefervertrag geeinigt. Können die Europäer auf einen entspannten Winter hoffen, Herr Brinker?
Sagen wir es so: Ich hoffe auf die Vernunft aller Beteiligten - trotz manch gegenteiliger Erfahrungen in den vergangenen Jahren.

Laut EU-Kommission ist Europa gut mit Gas versorgt, insbesondere Deutschland müsse im Fall eines russischen Lieferstopps keine Engpässe befürchten. Teilen Sie diesen Optimismus?
Der jüngste Stresstest der EU hat ja gezeigt, dass es so einfach nicht ist. Länder in Osteuropa könnten schon Probleme bekommen. In Deutschland sind wir aber deutlich besser dran. Das gilt insbesondere für Niedersachsen. Das hier verbrauchte Gas stammt überwiegend aus niedersächsischer Förderung und aus den Niederlanden.

Die Gasspeicher sind derzeit prall gefüllt - gehen die Versorger auf Nummer sicher?
Nein, das haben wir ausschließlich dem milden Winter und den Preisunterschieden zwischen Sommer- und Wintergas in diesem Jahr zu verdanken. Für die Betreiber der Speicher hat die Sicherstellung der Versorgung nicht mehr die große Bedeutung wie in der Vergangenheit.

Inwiefern?
Der Gesetzgeber wollte die Energiebranche entflechten, um mehr Wettbewerb zu schaffen. Das hat natürlich auf allen Ebenen Konsequenzen: Die Gasproduzenten optimieren ihre Förderung, die Pipeline-Eigentümer den Transport und die Speicherbetreiber den Handel mit den Reserven. Mit anderen Worten: Alle wollen ihr Betriebsergebnis möglichst verbessern. Die Versorgungssicherheit spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Gazprom gehört inzwischen der größte deutsche Speicher in Rehden am Dümmer, auch am EWE-Speicher in Jemgum sind die Russen beteiligt. Vergrößert das die Risiken noch?
Grundsätzlich gilt: Auch Gazprom ist ein Wirtschaftsunternehmen. Der Konzern steht vor der Frage, ob er die Reserven für seine Lieferverpflichtungen in Europa lieber hier vor Ort vorhält oder sie über eine Entfernung von 7000 Kilometern aus Sibirien sicherstellt. Wie diese Abschätzung ausfällt, kann ich nicht sagen.

Die Gaspreise waren in den vergangenen Jahren vergleichsweise stabil. Hält dieser Trend an?
Dass die Preise zuletzt nicht gestiegen sind, ist dem Fracking-Boom in den USA geschuldet. Die Vereinigten Staaten versorgen sich selbst, dadurch sind Gasmengen in Form von Flüssigerdgas freigeworden und gelangen als Überschüsse nach Europa. Diese Mengen drücken auf die Preise. Das freut die Kunden - und stellt die hiesigen Importeure mit ihren langfristigen Bezugsverträgen vor große Probleme.

Warum das? Profitieren Sie nicht auch von den günstigen Einkaufskonditionen an der Börse?
Leider nur zum Teil. Wir haben früher langfristige Lieferverträge mit den Gasproduzenten abgeschlossen, die sich am Ölpreis orientierten. Dann hat sich in den vergangenen fünf Jahren ein eigener Gasmarkt entwickelt - mit der gleichen Geschwindigkeit konnten wir unsere alten Verträge aber nicht nachverhandeln und auf die neuen Bedingungen umstellen. EWE beispielsweise bezieht auch heute noch etwa 20 Prozent seines Gases auf Basis der Ölpreise.

Verdienen Sie mit Gas noch Geld?
Die Margen im reinen Handelsgeschäft sind gleich null. Geld verdienen lässt sich mit dem Netz und dem Transport - in beiden Bereichen werden die Preise aber von der Bundesnetzagentur reguliert.

EWE war über Jahrzehnte ein reines Verteilerunternehmen, Sie haben weder Gas noch Strom produziert. Seit der Übernahme der Stadtwerke Bremen gehören Ihnen auch die Kraftwerke. Haben Sie noch Freude daran?
Es ist ja kein Geheimnis, dass der Zubau bei den erneuerbaren Energien den Kohle- und Gaskraftwerken zusetzt. Im Augenblick lässt sich damit kaum Geld verdienen.

Die Eigentümer konventioneller Meiler wollen sich dafür bezahlen lassen, dass sie Kraftwerke als Reserve vorhalten - für den Fall, dass Windmühlen und Solaranlagen nicht liefern. Die Politik lehnt das ab. Hoffen Sie dennoch darauf?
Ja, natürlich. Das ist doch ein einfaches Rechenexempel: Wenn wir bis 2050 den CO2-Ausstoß um 80 Prozent reduzieren wollen, müssen wir unseren Strom zu etwa 80 Prozent regenerativ erzeugen. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass im vergangenen Jahr am windschwächsten Tag nur ein Prozent der Windkraftanlagen Strom geliefert hat. Um diese Lücke zu füllen, brauchen wir konventionelle Kraftwerke - und die muss man so bezahlen, dass sich die Vorhaltung der Leistung im Sinne der Versorgungssicherheit für die Investoren lohnt.

Ihre Branche verfügte früher über eine starke Lobby, die solche Interessen locker durchgesetzt hätte - heute bestimmen eher die Ökostromerzeuger die Debatte. Sehen Sie eine Chance, wieder aus der Defensive zu kommen?
Ich bemerke einen Bewusstseinswandel. Es wächst die Erkenntnis, dass bei der Energiewende die Grenzen der Belastung erreicht sind. Wenn wir der Exportweltmeister bleiben wollen, dürfen die Preise nicht endlos steigen. Diese Botschaft ist inzwischen in der Politik angekommen.

Zu Person

Werner Brinker ist seit 1998 Vorstandschef des Oldenburger Energiekonzerns EWE. Der promovierte Bauingenieur hat den einstigen Regionalversorger durch Zukäufe zum Branchenfünften gemacht. EWE gehört die Mehrheit am Leipziger Ferngasversorger VNG, der Konezrn ist auch in Polen und der Türkei aktiv. Im Oktober 2015 übergibt der 62-Jährige die Geschäfte an Matthias Brückmann.

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