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Wirtschaft Die zerstörerische Kraft der Revolution
Nachrichten Wirtschaft Die zerstörerische Kraft der Revolution
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19:36 14.04.2014
Von Lars Ruzic
Foto: „Achtung: Tür kommt!“: So ungefähr könnte die Meldung des einen Roboters an den anderen lauten – präsentiert von einer Pilotanlage auf dem Siemens-Messestand.
„Achtung: Tür kommt!“: So ungefähr könnte die Meldung des einen Roboters an den anderen lauten – präsentiert von einer Pilotanlage auf dem Siemens-Messestand. Quelle: Surrey
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Hannover

Das dürfte ganz im Sinne von Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn sein: Jetzt sorgen sich sogar schon die Roboter um die richtigen Spaltmaße beim VW Golf. Die Türmontage beim Auto ist bis heute im Kern Handarbeit – eben weil es so schwierig ist, sie exakt passend ins Fahrzeug zu bekommen. Nicht so auf der Hannover Messe: In Halle 9 zeigen Siemens, der Roboterbauer Kuka und Volkswagen in einer Pilotanlage, dass inzwischen selbst diese Produktionsschritte von Maschinen übernommen werden können – Industrie 4.0 macht’s möglich.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Anlage nicht von den anderen Montagelinien in Deutschlands Autofabriken. Roboter verrichten ihre Dienste, einer nach dem anderen. Das Wesentliche jedoch ist für die Augen unsichtbar. Die Maschinen kommunizieren untereinander, melden Abweichungen von der Norm, lernen dazu. So weiß der Roboter, der die Tür einsetzt, schon vorher, wie sein „Vordermann“ die Scharniere angeschweißt hat. Da sich auch die Karosse im System „anmeldet“, wissen die Maschinen genau, für welches Modell sie gerade die Tür montieren. Für sie wäre es ein Leichtes, zwischen Golf, Tiguan oder Touran zu wechseln – ohne Zeitverlust.

Es sind Möglichkeiten wie diese, die Industriemanager von der vierten industriellen Revolution schwärmen lassen. Die Fabrik der Zukunft: ein soziales Netzwerk aus intelligenten Maschinen und Objekten. Sie koordinieren untereinander Aufträge und Termine, kontrollieren Qualität und Durchlaufzeit. So ließen sich die Flexibilität und die Produktivität steigern sowie Ressourcen und Energieaufwand senken. Zudem könnten die Produktzyklen verkürzt und die -vielfalt gesteigert werden – bis hin zur maschinellen Herstellung von Unikaten.

„Das Potenzial ist riesig“, sagt der Präsident des IT-Verbandes Bitkom, Dieter Kempf. Das Fraunhofer-Institut hat im Auftrag des Verbands einen Blick in die Zukunft gewagt. Nach der Studie der Wissenschaftler sei für den Standort Deutschland bis 2025 ein zusätzliches Wachstum von 1,7 Prozent durch Industrie 4.0 möglich. Der größte Profiteur wäre demnach der Maschinen- und Anlagenbau, für den das Institut ein Plus von jährlich 2,2 Prozent prognostiziert.

Das liege vor allem daran, dass die Branche zugleich Anbieter und Anwender der Technologie sei – und neue Geschäftsfelder im Service erschließen könnte, etwa die Fernwartung und -kontrolle kompletter Fertigungslinien, am Ende womöglich ganzer Fabriken. Ähnlich große Potenziale gebe es in der chemischen und der Elektroindustrie. Aber auch der Autobranche und selbst der Landwirtschaft prophezeien die Auguren zusätzliches Wachstum von 1,5 und 1,2 Prozent pro Jahr.

„Das alles wird aber nur erreichbar sein, wenn Deutschland bei dieser Technologie die Führungsposition übernehmen kann“, schränkt Wilhelm Bauer vom Fraunhofer-Institut ein. Und das ist noch lange nicht ausgemacht. Zwar ist die heimische Industrie führend bei Maschinen und Anlagen. Doch bei Software- und Internetanwendungen sind ihr die Amerikaner weit voraus.

Industrie 4.0 sei ein „disruptives Thema“, warnt Bitkom-Präsident Kempf. Will heißen: Hier kann eine Technologie am Ende andere vom Markt verschwinden lassen. Deutschland müsse sich deshalb anstrengen, schnell zu einer flächendeckenden Breitbandversorgung kommen und für Daten- und Rechtssicherheit sorgen, fordert Kempf. Zudem müssten Forschung und Entwicklung stärker gefördert und marktgerechte Spezialisten ausgebildet werden, mahnt der Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure, Udo Ungeheuer. Angesichts der Herausforderungen sei das „eine Aufgabe von nationaler Bedeutung: „Wenn wir unsere Chancen nicht nutzen, werden uns andere Nationen überholen.“

Was wird aus den Jobs?

Klar: Wenn Roboter die Türen des VW Golf einsetzen, muss das kein Mensch mehr tun. Droht durch Industrie 4.0 also ein großes Jobsterben? „Über alles werden wir eher einen positiven Beschäftigungseffekt haben“, sagt Fraunhofer-Forscher Wilhelm Bauer. „Aber die Jobprofile werden sich ändern.“ Künftig werde es in der Industrie noch weniger einfache, dafür aber mehr anspruchsvolle Tätigkeiten geben. „Aber das ist ja auch gut so.“

Der Chef von Siemens in Deutschland, Rudolf Martin Siegers, geht sogar noch weiter. Die „intelligente“ Fabrik sei ein wichtiger Garant dafür, dass es auch in Zukunft noch Industrie in Deutschland gebe, sagt er. Wenn aufgrund des demografischen Wandels immer mehr Fachkräfte fehlen, „brauchen wir entweder mehr Zulauf von außen, oder wir machen die Produktion intelligenter“. Die Produktivitätsgewinne würden dafür sorgen, dass Deutschland trotz hoher Arbeitskosten mit dem Rest der Welt mithalten könne.

lr

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