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Wirtschaft Deutsche Konzerne kehren US-Börse den Rücken
Nachrichten Wirtschaft Deutsche Konzerne kehren US-Börse den Rücken
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19:47 28.09.2009
Die New Yorker Wall Street.
Die New Yorker Wall Street. Quelle: afp
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Für ein international tätiges Unternehmen sei es unverzichtbar, auf dem weltgrößten Kapitalmarkt mit einer eigenen Notierung präsent zu sein, um möglichst viele US-Anleger auf sich aufmerksam zu machen, hieß es. Außerdem sollte die US-Notierung Firmenübernahmen per Aktientausch erleichtern. Und schließlich konnte es nicht schaden, dass der Firmenname regelmäßig über die TV-Bildschirme flattert – und sei es auch nur in der Börsenzeile.

Die Kosten für den Einstieg an der Wall Street hielten sich in Grenzen, wenn man von den oft großzügig inszenierten Premierenauftritten absieht. Und auch mit den strengeren Berichtspflichten, die schon damals in den USA galten, konnten sich die US-Börsenneulinge abfinden, da die europäische Rechnungslegung sich immer stärker den amerikanischen Vorschriften annäherte.

Doch die Begeisterung ist verflogen. Als die Amerikaner ihre Vorschriften nach den großen Bilanzskandalen von Enron und Worldcom 2002 deutlich verschärften, begann sich bereits Unmut zu regen – zumal die Listung in New York meist nicht die erhofften Vorteile brachte. Neun Jahre nach den ersten Auftritten deutscher Unternehmen an der Wall Street fällt die Bilanz ernüchternd aus. Von den zwischenzeitlich mehr als 20 Firmen haben bis auf sieben alle den Rückzug angetreten, in den nächsten Wochen wird sich auch der Münchener Versicherungskonzern Allianz vom New Yorker Börsenparkett verabschieden.

Möglich macht dies eine zwischen Europa und den USA lange umkämpfte Änderung der Börsenregeln. Im März 2007 kippte die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC die bis dahin strengen Regeln und machte ein „Delisting“ nur noch davon abhängig, dass weniger als 5 Prozent des Handels mit der betreffenden Aktie über US-Börsen laufen. Das gilt für die Allianz trotz mehrjährigen Engagements in New York: Zwar liegt das Aktienkapital des Versicherers zu rund 20 Prozent in den Händen amerikanischer Anleger, aber beim Handel mit den Aktien macht die Wall Street nur 2,5 Prozent aus.

Die Globalisierung trieb die Konzerne an die US-Börse, jetzt macht die Globalisierung diesen Schritt überflüssig: Jeder Anleger kann heute elektronisch jederzeit rund um die Welt handeln – und für deutsche Unternehmen konzentrieren sich zumindest die Profis auch auf deutsche Handelsplätze, vor allem auf den Computerhandel Xetra der Frankfurter Börse. Das hat für die Anleger den Vorteil, dass sie mit einem großen Handelsvolumen rechnen und daher auf den besten Preis hoffen können.

Daher sind nach dem Rückzug der Allianz nur noch sechs deutsche Konzerne an der Wall Street notiert: Siemens, Daimler, Deutsche Telekom und Deutsche Bank, SAP und Fresenius Medical Care. Bei der Deutschen Bank ist ein Abschied von der US-Börse kein Thema, als eine der führenden Investmentbanken müsse man dort notiert sein, betont Vorstandschef Josef Ackermann. Auch Daimler hat keine Rückzugspläne, obwohl das aufgrund des niedrigen Umsatzvolumens (rund 3,7 Prozent) möglich wäre. Nach wie vor habe man als Wall-Street-notiertes Unternehmen besseren Zugang zum US-Kapitalmarkt, heißt es in der Stuttgarter Zentrale. Siemens dagegen darf der Wall Street bis 2012 gar nicht den Rücken kehren, weil seit der Strafe, die die SEC 2008 wegen der Korruptionsaffäre gegen den Münchener Konzern verhängt hat, eine „Bewährungsstrafe“ gilt.

von Klaus Dieter Oehler