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Wirtschaft Darum bringt Volkswagen die LKW-Sparte Traton nun doch an die Börse
Nachrichten Wirtschaft Darum bringt Volkswagen die LKW-Sparte Traton nun doch an die Börse
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16:54 04.06.2019
MAN ist eine der Marken, die VW in der Traton AG gebündelt hat. Quelle: dpa
München

Im Frühjahr hat Volkswagen noch gezaudert, jetzt wagt sich der Konzern doch noch vor: In den nächsten Wochen soll ein Teil der Lkw-Tochter Traton an den Börsen Frankfurt und Stockholm verkauft werden. Eckdaten stehen noch nicht fest, aber rund zwei Milliarden Euro sollte das Geschäft mindestens bringen, bei dem VW die Mehrheit behalten will. Weitere Schritte dürften später folgen, denn eigentlich sollte der Börsengang eine Nummer größer ausfallen. Doch das geben die Finanzmärkte im Moment nicht her.

Für VW ist der Schritt trotzdem ein Meilenstein. Seit der Konzern vor knapp 20 Jahren beim schwedischen Lkw-Hersteller Scania einstieg, steht das Ziel, ein weltweit führender Truck-Hersteller zu werden. Später kamen MAN und VWs eigenes Lkw-Geschäft in Südamerika hinzu, alle zusammen bilden heute die Traton SE mit Sitz in München.

Deren Chef Andreas Renschler drängt seit Jahren an den Kapitalmarkt, um das Geld für seine Expansionspläne zu beschaffen. „Wir haben ein ganz klares Ziel für Traton“, sagt er zum Börsengang: „Die Schaffung eines Global Champion der Transportbranche.“

Traton-Chef Alexander Renschler hat wohl den Börsengang erkämpft. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Renschler war fast am Ziel, da stoppte der VW-Vorstand im März die Vorbereitungen für den Börsengang. Das Umfeld sei zu schlecht, erklärte Finanzvorstand Frank Witter. Man fürchtete, die angepeilten Erlöse zu verfehlen. Nur zwei Monate später kam die Kehrtwende: Die Markteinschätzungen hätten sich gebessert. Das sehen allerdings die wenigsten Experten so.

Traton als das fünfte Rad am Volkswagen?

Der Sinneswandel dürfte vor allem Folge langer interner Debatten sein. Renschler will mit Traton nicht das fünfte Rad am Volkswagen sein. Er weiß, dass der Konzern in den nächsten Jahren für Vieles Geld ausgeben wird – und für die Trucks wird es fehlen. Renschler braucht die Börse, um eigene Mittel zu beschaffen und offen für andere Partner zu sein. Witter wiederum, vorsichtig wie alle Finanzer, will nicht in eine Börsenschwäche hineinlaufen und Traton-Aktien verschleudern müssen. Von Streit und Lagerkämpfen will man im Konzern nichts wissen – aber es sei viel diskutiert worden.

Nun bekommt Renschler seinen Börsengang und Witter ein bisschen mehr Sicherheit: Nur gut zehn Prozent der Traton-Aktien aus VW-Besitz dürften im ersten Schritt verkauft werden, schätzen Beobachter. Dafür reiche die Nachfrage am Kapitalmarkt auf jeden Fall. Sie wird in den nächsten Wochen getestet, in der ersten Juli-Hälfte wäre das Börsendebüt denkbar.

Frische Milliarden für den Konzern

In weiteren Schritten könnte VW bis zu knapp 25 Prozent abgeben, die insgesamt schätzungsweise sechs Milliarden Euro brächten. VW will in jedem Fall großer Ankeraktionär bei Traton bleiben, was auf absehbare Zeit auch die Mehrheit an der mühsam aufgebauten Lkw-Gruppe bedeuten dürfte.

Wofür die zusätzlichen Milliarden in der Konzernkasse verwendet werden, ist vorerst offen. Auf die wird weiterhin Witter achten, denn VW braucht in den nächsten Monaten viel Liquidität für die Einführung der neuen Elektromodelle. Sollte Renschler das Geld für ein eigenes Projekt beanspruchen, dürften die beiden die nächste Diskussion haben.

Traton will an die Weltspitze

Renschler, der einst die Truck-Sparte des Daimler-Konzerns führte, plant langfristig nicht weniger als die Ablösung seines einstigen Arbeitgebers an der Weltspitze. Daimler ist mit Mercedes und weiteren Marken in den USA und Asien der größte Lkw-Hersteller der Welt. Die Traton-Marken Scania und MAN haben vor allem in diesen beiden Regionen noch Lücken. Die vorhandene Beteiligung am US-Hersteller Navistar gilt nur als erster Schritt, um sie zu füllen.

Spekulationen, dass Traton die Amerikaner komplett übernehmen wolle, scheinen sich vorerst nicht zu bewahrheiten, aber Zukäufe und Beteiligungen in den nächsten Jahren gelten als sicher. Finanziert werden könnten sie durch weitere Aktienverkäufe, Kapitalerhöhungen, Anleiheemissionen oder auch einen Aktientausch. All das wird der Börsengang möglich machen.

Trotz der langen Vorgeschichte hatte Renschler seit seinem Wechsel zu VW vor allem mit Grundlagenarbeit zu tun. Scania im schwedischen Södertälje und MAN mit Zentrale in München waren sich traditionell spinnefeind. Erst jetzt werden Teile und Motoren gemeinsam entwickelt und ausgetauscht. Mittelfristig soll das Synergien von rund 700  Millionen Euro bringen.

Interne Kleinkriege

Man könne es positiv sagen, erklärte einmal ein Konzernmanager: „Wir sind eine Unvollendete, da ist noch viel Potenzial.“ Oder negativ: „Es wurden lange die Hausaufgaben nicht gemacht.“ Interne Kleinkriege haben das Projekt gelähmt, das außer dem damaligen Konzernchef Ferdinand Piech auch in Wolfsburg nie viele Freunde hatte.

Dennoch ist die Abnabelung für den VW-Konzern keine leichte Sache: VW hat über die Jahre zwar viele neue Tochtergesellschaften gesammelt, aber extrem selten abgegeben. Teil der Strategie war das nie. Nun soll es öfter passieren.

Von RND/Stefan Winter