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Wirtschaft „Wir müssen die Vorteile der ökologischen und der konventionellen Landwirtschaft miteinander verbinden“
Nachrichten Wirtschaft „Wir müssen die Vorteile der ökologischen und der konventionellen Landwirtschaft miteinander verbinden“
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15:00 10.11.2019
DLG-Präsident Hubertus Paetow Quelle: Felix Jürgen Holland
Hannover

Unter den Bauern brodelt es: Nachdem die Bundesregierung ihr Agrarpaket auf den Weg gebracht hat, haben Landwirte mit Traktoren Straßen und Autobahnen blockiert. Die Heftigkeit des Protests kam auch die etablierten Interessenvertreter überraschend. Vor dem Start der Agritechnica erklärt Hubertus Paetow als Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft im HAZ-Interview, dass der Einsatz für den Umweltschutz für die Bauern auch eine Chance ist und die Branche optimistisch in die Zukunft schauen kann.

Hubertus Paetow ist seit 2018 DLG-Präsident

Hubertus Paetow ist seit 2018 an der Spitze der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft. Der 52-Jährige stammt aus Schleswig-Holstein und hat dort seine Ausbildung zum Landwirt absolviert. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften in Göttingen und Kiel war er bis 2005 als Geschäftsführer eines Ackerbaubetriebes in der Nähe von Kiel tätig. Seitdem bewirtschaftet er seinen Betrieb mit den Schwerpunkten Ackerbau und Saatguterzeugung in Finkenthal-Schlutow in Mecklenburg-Vorpommern.

Tausende Bauern haben bundesweit gegen höhere Auflagen beim Umwelt- und Tierschutz demonstriert. Sie fühlen sich als Buhmann der Politik und der Ökoverbände – wie tief sitzt der Frust, Herr Paetow?

Ich würde nicht von Frust sprechen – wir würden gern mit der Politik und der Gesellschaft insgesamt anders ins Gespräch kommen. Der Auslöser für die Proteste war, dass das Agrarpaket der Bundesregierung die Landwirte sehr unvorbereitet getroffen hat.

Auffällig war, dass die Trecker-Konvois und andere Aktionen nicht vom Bauernverband organisiert wurden, sondern von unabhängigen Initiativen. Vertrauen die Landwirte ihren etablierten Interessenvertretern nicht mehr?

Ein Misstrauen sehe ich noch nicht, aber es sollte der Gesellschaft schon zu denken geben, wenn sich Landwirte zusätzlich Wege suchen, um sich Gehör zu verschaffen. Das ist ein Indiz dafür, dass man glaubt, die Arbeit der offiziellen Interessenvertreter auf einer anderen Ebene ergänzen zu müssen.

Die Landwirtschaft gilt in Berlin und Brüssel als eine der am besten organisierten Lobbygruppen – wie kann es sein, dass man plötzlich von Planungen der Ministerien überrascht wird?

Dass es Initiativen geben muss, um die Artenvielfalt zu fördern, war natürlich bekannt. Aber das Programm, das jetzt auf dem Tisch liegt, schränkt die Freiheit der Bauern deutlich stärker ein als erwartet. Natürlich wollen auch wir etwas gegen den Artenschwund und das Insektensterben tun. Aber dass wir jetzt aufs Gramm bemessene Vorgaben bekommen und in großflächigen Gebieten keinerlei Herbizide mehr spritzen dürfen – das ist schon ein sehr weit gehender Eingriff in die konventionelle Produktion, der viele überrascht und auch gegen die Regierung aufbringt.

Bauern sehen sich oft als Opfer der Gesetzgebung – bieten der Natur- und Klimaschutz nicht auch Chancen?

Natürlich. Für die Landwirtschaft wäre eine Menge gewonnen, wenn wir uns alle hier auf einen Wechsel der Perspektive einlassen würden. Wir sind – neben der Forstwirtschaft – die einzigen, die wirklich Kohlendioxid aus der Atmosphäre ziehen können, etwa durch Humusaufbau. Wenn die Bauern in den Handel mit Emissionszertifikaten eingebunden wären, könnten sie direkt profitieren – etwa in dem sie gemäß ihrer Leistung für den Klimaschutz eine entsprechende Anzahl Zertifikate zugeteilt bekommen, die sie dann verkaufen könnten.

In Deutschland gewinnt der ökologische Landbau immer mehr Anhänger, gleichzeitig müssen weltweit immer mehr Menschen ernährt werden. Lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Das geht nur über den Fortschritt, also über Innovationen. Es muss uns gelingen, die Vorteile der ökologischen und der konventionellen Landwirtschaft miteinander zu verbinden. Mit mechanischer Unkrautbekämpfung, dem Einsatz von Robotern und neuen Züchtungen lässt sich mit Blick auf Artenvielfalt, Grundwasserbelastung und Klimaschutz viel erreichen. Aber fest steht auch, dass wir uns geringere Erträge auf den zur Verfügung stehenden Flächen nicht leisten können – sonst müssten wir weniger Menschen auf der Erde haben. Es werden also auch Kompromisse nötig sein, etwa in dem wir nicht gänzlich auf Mineraldünger verzichten, sondern den Einsatz reduzieren.

Auch in puncto Düngung gehen die Auflagen der Bundesregierung vielen Landwirten zu weit. Sie warnen bereits vor den Folgen einer „Unterdüngung“. Teilen Sie diese Einschätzung?

Es ist unstreitig, dass wir die Nitratauswaschungen ins Grundwasser eindämmen müssen. Aufgrund der unterschiedlichen Beschaffenheit der Böden darf man die Anforderungen vom Allgäu bis nach Flensburg aber nicht über einen Kamm scheren. Die Folge könnten sonst Anpassungen in der Fruchtfolge sein, die am Ende vielleicht sogar zu höheren Auswaschungen führen. Deshalb müssen die Anforderungen spezifisch auf jeden Standort zugeschnitten sein – und die Einhaltung durch Messungen kontrolliert werden. So kann jeder Landwirt seine Düngeeffizienz überprüfen.

Die Bundesregierung möchte die Direktzahlungen, also die allgemeinen Subventionen für die Landwirtschaft, stärker an deren Anstrengungen für den Umweltschutz knüpfen. Wie schnell können solche Umschichtungen greifen?

Das geht nur über einen längeren Zeitraum, es darf da keine Brüche geben. Die Landwirtschaft in Europa und in Deutschland kann ihre hohen Standards nur einhalten, wenn es dafür eine Form des Ausgleichs gibt – sonst ist sie international nicht wettbewerbsfähig: Den Exporteuren aus Übersee werden wir unsere Auflagen nicht aufdrücken können. Im Prinzip finden wir es aber richtig, Landwirte für ihre Anstrengungen in Bezug auf die Nachhaltigkeit zu belohnen.

Agritechnica erwartet mehr als 400.000 Besucher

Zur Agritechnica vom 10. bis 16. November in Hannover kommen 2750 Aussteller aus 51 Ländern. Die Messe steht unter dem Motto „Global Farming – Local Responsibility“, weil die Landwirte weltweit vor enormen Herausforderungen stehen, auf die sie jeweils vor Ort die passenden Antworten finden müssen. Die Veranstalter erwarten rund 400.000 Besucher. Die ersten beiden Tage der Messe sind sogenannte Exklusivtage, an denen vor allem Landmaschinenhändler, Investoren und die Fachpresse vor Ort sind. Die Tageskarte kostet an den Tagen das Dreifache – an der Tageskasse sind das 81 Euro. Danach kostet eine Tageskarte an der Kasse 29 Euro, Online sind es 22 Euro. Für Schüler, Studenten, Rentner und Schwerbehinderte gibt es Rabatt – für sie kostet die Karte an der Tageskasse 14 Euro.

Von Jens Heitmann

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