Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Wirtschaft Conti-Betriebsratschef Allak: „Wir fahren die Schichten bereits deutlich herunter“
Nachrichten Wirtschaft Conti-Betriebsratschef Allak: „Wir fahren die Schichten bereits deutlich herunter“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:28 04.11.2019
Conti-Konzernbetriebsratschef Hasan Allak fordert einen fairen Umgang mit den Beschäftigten. Quelle: Continental
Hannover

Der Umbruch in der Autoindustrie hat Continental kalt erwischt. Der hannoversche Zulieferer rechnet nun mit einer jahrelangen Flaute und muss Abschreibungen in Milliardenhöhe vornehmen. Viele Stellen sind gefährdet. Im HAZ-Interview spricht Konzernbetriebsratschef Hasan Allak über Managementfehler, überhöhte Erwartungen an Beschäftigungsgarantien und Forderungen an den Großaktionär Schaeffler.

Continental steuert auf einen Verlust in Milliardenhöhe zu und will Standorte schließen. Tausende Arbeitsplätze stehen auf der Kippe – erkennen Sie den Konzern noch wieder, Herr Allak?

Nach zehn sonnigen Jahren musste man damit rechnen, dass auf Dauer nicht alles so bleiben kann, wie es war. Dass der technologische Wandel in der Autoindustrie auch alle Zulieferer vor erhebliche Herausforderungen stellen würde, konnte man ahnen. Wenn in so einer Lage zudem die Nachfrage noch stärker als erwartet einbricht, hat das natürlich weitreichende Folgen. Wir müssen jetzt sehen, wie wir damit umgehen.

Laut Vorstand werden weltweit 20 000 Jobs „von Veränderungen betroffen“ sein, 7000 davon in Deutschland. Wissen Sie inzwischen, was das konkret bedeuten soll? Fallen diese Stellen weg?

Dass tatsächlich 20 000 Arbeitsplätze wegfallen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Natürlich sind Umbrüche in der aktuellen Dimension immer mit Risiken verbunden. Zudem kann niemand absehen, wie lange die Nachfragekrise dauern wird. Im Kern geht es um zwei Fragen. Erstens: Wie müssen und können sich die einzelnen Standorte verändern, um eine Zukunft zu haben? Zweitens: Wie können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei am besten eine aktive Rolle spielen?

Die Betriebsräte machen die Konzernführung für die Lage mitverantwortlich. Welche Fehler werfen Sie dem Management vor?

Continental ist eine Aktiengesellschaft, der Vorstand muss hohe, aus unserer Sicht als Arbeitnehmervertreter zu hohe Erwartungen erfüllen. Eine Rendite von 20 Prozent auf das eingesetzte Kapital kann man selbst in guten Zeiten kaum Jahr für Jahr erreichen. Um diese hohen Renditeziele erfüllen zu können, hat der Vorstand voll auf Wachstum gesetzt und die Kapazitäten stark ausgeweitet. Das erweist sich jetzt als viel zu ambitioniert. Wir als Arbeitnehmervertreter werden dafür kämpfen, dass die über Bedarf errichteten Kapazitäten nicht einseitig zulasten der Kolleginnen und Kollegen in Deutschland abgebaut werden, um die neu aufgebauten Kapazitäten in Osteuropa und Asien auszulasten.

Das Muster müsste Ihnen bekannt vorkommen: Vor zehn Jahren hat Conti die Folgen der Finanzkrise genutzt, um einen Großteil der Reifenproduktion aus Deutschland abzuziehen.

Standorte in Deutschland und Frankreich standen damals im Fokus, das stimmt. Seinerzeit ging es jedoch – nicht zuletzt mit Blick auf die hohe Verschuldung des Konzerns nach der Übernahme von Siemens VDO – vornehmlich darum, die Kosten nachhaltig zu senken. Jetzt steht die Automotive-Sparte zusätzlich zum Nachfrageeinbruch gleichzeitig vor enormen technologischen Umbrüchen. Das bringt gerade hierzulande Herausforderungen einer ganz anderen Dimension mit sich. Dazu muss man wissen, dass die meisten Produkte hier bei uns in Deutschland entwickelt werden, um dann mit hohem Aufwand an Standorten in aller Welt in die Serienfertigung überführt zu werden. Weil das die Fixkosten in die Höhe treibt, sehen die deutschen Standorte im Vergleich scheinbar teuer aus, sie sind es tatsächlich aber bei Weitem nicht.

Die Reifenfertigung ist von den Umbauplänen bisher kaum betroffen. Wird das so bleiben?

Der Reifenabsatz im Geschäft mit den Autoherstellern ist entsprechend dem Nachfragerückgang deutlich abgerutscht. Auch im Verkauf an Privatkunden gibt es Bremsspuren. Zudem ziehen Wettbewerber in Europa neue Werke hoch und werden vermutlich über Kampfpreise Marktanteile in unseren Heimatmärkten gewinnen wollen. Noch können wir das austarieren. Sollte die Nachfrage jedoch weiter einbrechen, kann das Folgen bis zur Kurzarbeit haben. Hier in Stöcken fahren wir die Schichten in der Herstellung von Reifenmischungen für das nächste Jahr bereits deutlich herunter.

Conti wollte seine Antriebssparte Vitesco an die Börse bringen und dafür einen Milliardenbetrag kassieren. Nun soll der Bereich, der zu zwei Dritteln an Verbrennermotoren hängt, im Rahmen eines Spin-offs an die Conti-Anteilseigner verschenkt werden, indem man ihnen entsprechende Aktien ins Depot bucht. Was heißt das für die rund 42 000 Mitarbeiter – weg mit Schaden?

Das Management setzt darauf, dass sich Vitesco eigenständig besser entwickeln kann. Dafür muss natürlich die finanzielle Ausstattung stimmen. Alleine die Investitionen in Elektroantriebe kosten erst einmal viel Geld, bevor es ans Geldverdienen geht. An künftigen Renditen hat unser Großaktionär Schaeffler sicher großes Interesse, zumal die Holding der Familie nach dem Spin-off auch an Vitesco mit 46 Prozent beteiligt sein wird. Die Produkte von Vitesco passen gut zu vielen Produkten von Schaeffler. Außerdem hat Schaeffler als Großaktionär von Conti in den vergangenen Jahren von unseren Erfolgen sehr profitiert. Aus all diesen Gründen erwarten wir als Arbeitnehmervertreter ein entsprechendes finanzielles Engagement unseres Großaktionärs. Die Kolleginnen und Kollegen in beiden Unternehmen dürfen im nötigen Umbruch nicht auf der Strecke bleiben!

Für die deutschen Mitarbeiter von Vitesco gibt es eine Beschäftigungssicherung. Laut Konzern gilt diese aber nur für den Fall „gesellschaftsrechtlicher Veränderungen“ – und damit nicht in einer konjunkturbedingten Krise. Haben die Betriebsräte da nicht aufgepasst?

Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, die Vereinbarungen gelten. Wir haben als Arbeitnehmervertreter nicht zuletzt mit Blick auf die Kultur von Continental und hier insbesondere den Wert Verbundenheit keinen Zweifel, dass sich der Vorstand an das entsprechende Eckpunktepapier hält. Nur man muss gleichzeitig anerkennen: Wenn der Markt so stark einbricht, wie es jetzt der Fall ist, dann steht man vor einer neuen Lage.

Zur Person: Hasan Allak

Hasan Allaksteht seit einem Jahr an der Spitze des Conti-Konzernbetriebsrats. Obwohl die IG Metall bei Continental mehr Mitarbeiter vertritt als die IG Bergbau, Chemie, Energie, hat sich der 48-Jährige als Vertreter der Reifensparte bei der Wahl mit deutlicher Mehrheit durchgesetzt. Allak arbeitet seit 1987 bei Conti – er hat Maschinenschlosser gelernt und später ein Weiterbildungsstudium „Changemanagement“ absolviert. Als Arbeitnehmervertreter gehört Allak dem Aufsichtsrat des Konzerns an.

Lesen Sie auch

Von Jens Heitmann

Der Hersteller der bei Rewe verkauften Ja-Frikadellenbällchen ruft verschiedene Artikel zurück. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Fleischwaren mit Listerien verunreinigt sind. Auch bei Norma verkaufte Artikel sind betroffen.

03.11.2019

Das “Orakel von Omaha” verdient ausgezeichnet: Warren Buffet hat mit seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway zuletzt nochmal mehr Geld eingenommen. Mittlerweile weiß der Starinvestor aber nicht mehr wohin mit den Milliarden.

02.11.2019

Großbritannien hat ein Moratorium für das sogenannte Fracking auf den Weg gebracht. Bei der Variante der Erdgasförderung wird mit unterirdisches Gestein mit hohem Wasserdruck aufgebrochen, um Gas herauszupressen - in Großbritannien könnte das zu Erdbeben geführt haben.

02.11.2019