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Wirtschaft Branche macht sich Sorgen um das Image der Kartoffel
Nachrichten Wirtschaft Branche macht sich Sorgen um das Image der Kartoffel
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20:44 08.09.2010
Von Dirk Schmaler
Wer sich für Kartoffeln interessiert, ist auf dem Rittergut Bockerode genau richtig.
Wer sich für Kartoffeln interessiert, ist auf dem Rittergut Bockerode genau richtig. Quelle: Nico Herzog
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Neben den Pflanzen mit den schönen Namen stehen riesige Sortieranlagen für die Kartoffelernte, in Zelten gibt es GPS-gesteuerte Traktoren zu sehen und neue Pommes-Automaten für Schnellimbisse. PotatoEurope heißt die internationale Ausstellung, die sich noch bis heute Abend ausschließlich mit der Kartoffel beschäftigt.

Es ist eine wichtige Branche, die sich dort auf der grünen Wiese trifft. 60 Kilogramm Kartoffeln isst der Deutsche durchschnittlich im Jahr, die Menge ist seit Jahren stabil. Und gleichzeitig sind die Kartoffelexperten in Bockerode besorgt. Denn die Kartoffel hat ein Problem: Ihr Image ist schlecht, sie sind die „Kellerkinder unter den Beilagen“, wie ein Landwirt sagt. Schon das mühsame Schälen überfordert viele, im Vergleich zu Reis und Nudeln gilt die Salzkartoffel auf dem Teller gerade bei Jüngeren als bieder und wenig weltläufig.

„Unsere Ausstellung soll auch dazu beitragen, der Kartoffel wieder zu einem guten Ruf zu verhelfen“, erklärt Werner Mutz von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Nur noch 40 Prozent der Speisekartoffeln kommen als Frischkartoffeln auf den Tisch. Die restlichen 60 Prozent bekommt der Konsument mittlerweile fertig als Chips, Pommes oder vorgegartes Fertigprodukt auf den Teller. Vor zehn Jahren war das Verhältnis noch anders herum. „Gerade die jüngeren Menschen wissen oft nicht mehr, wie man eine Kartoffel zubereitet“, erklärt Martin Umhau vom Kartoffel-Branchenverband Unika. „Die unbearbeitete Speisekartoffel steht fast nur noch bei Menschen über 50 auf dem Speiseplan“, erklärt Umhau.

Dies können bisher auch die immer neuen Sorten nicht ändern. 5000 sind weltweit zugelassen, in Deutschland gibt es rund 220 Sorten auf dem Markt. Manche sind früh zu ernten, manche später, einige festkochend oder mehliger. Eine Idealkartoffel, sagt Jörg Eggers, Geschäftsführer vom Pflanzenzuchtunternehmen Europlant aus Lüneburg, könne es gar nicht geben. „Der Einsatz ist so vielfältig.“ So bräuchten Pommes-Hersteller vor allem lange Kartoffeln, die Industrie benötigt etwa zur Papierproduktion spezielle Stärkekartoffeln, immer sollten sie resistent gegen Schädlinge und natürlich besonders lange haltbar sein.

Hinzu kommen manche Neuentwicklungen, die dem Image nicht weiterhelfen. In Bockerode begrüßen Greenpeace-Aktivisten die Landwirte und andere Besucher am dem Eingang mit einem Transparent, auf dem sie BASF auffordern, die Gentechnik bei der Kartoffelzucht aufzugeben. Gerade erst wurde auf BASF-Feldern in Schweden eine nicht zugelassene Gensorte zwischen der Genstärkekartoffel Amflora entdeckt. „Das war sicher nicht hilfreich“, erklärt Andreas Heine vom Stand der BASF-Tochter Plant Science zur Panne. Hinter ihm hängt ein Plakat mit der BASF-Version der Speisekartoffel der Zukunft. Die „Fortuna“ ist gentechnisch derart verändert, dass die Kraut- und Knollenfäule ihr angeblich nichts mehr anhaben kann. Für sie soll bald die Zulassung beantragt werden. Einen Imagegewinn dürfte sich die Branche davon aber nicht erhoffen.

Dazu trägt schon eher die Traditionskartoffel Linda bei – gerade weil der Züchter Europlant sie vor ein paar Jahren unter viel Protest aus dem Programm nahm. „Zwar haben viele unsere Entscheidung damals nicht verstanden“, erklärt Europlant-Geschäftsführer Eggers. Gerade der Streit habe jedoch die Leidenschaft für die Kartoffel bei vielen gestärkt – eine gute Werbung für das Produkt. So gesehen gebe es doch eine ideale Kartoffel, meint Eggers: „Das ist immer die, die der Verbraucher liebt.“