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Wirtschaft Bahlsen-Werk in Barsinghausen wird runderneuert
Nachrichten Wirtschaft Bahlsen-Werk in Barsinghausen wird runderneuert
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20:47 22.04.2011
Von Lars Ruzic
Die Automatisierung wird in Barsinghausen kräftig vorangetrieben.
Die Automatisierung wird in Barsinghausen kräftig vorangetrieben. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Es ist eines von vielen Symbolen, die weichen müssen. So wie die alten Silotürme mit dem Bahlsen-Schriftzug, die den Menschen in Barsinghausen jahrzehntelang schon von Weitem ihren Heimweg wiesen. Oder wie die breite Werkseinfahrt mit imposanter Pförtnerloge, die den Besucher eher an eine Autofabrik erinnerte denn an einen Keksbäcker. So verschwindet auch das alte werkseigene Wohnheim, das in den sechziger Jahren Hunderte Gastarbeiterinnen aus Spanien beherbergte – einschließlich kleiner Kapelle und Pastor.

Einst brauchte der Konzern viele flinke Frauenhände, die Eier aufschlugen, Kekse sortierten oder verpackten. Heute sind die Spanierinnen längst wieder daheim oder haben sich in der Region zur Ruhe gesetzt. Dass ihre Unterkunft noch gut 50 Jahre – als Ersatzteillager – weiterexistierte, beweist das bahlsensche Traditionsbewusstsein. Doch zeigt es auch, dass der Kekskonzern die Modernisierung seines größten Standorts zu lange nur halbherzig betrieben hatte.

Das „Werk III“, wie es intern nur heißt, war ineffizient, unterausgelastet, überdimensioniert und konnte so keinem Kostenvergleich standhalten. Über Jahre ließ Firmeninhaber Werner Michael Bahlsen Optimierungs- und Kaizen-Spezialisten in den Backsteinbauten auf- und ablaufen. Doch mehr als Symptome mildern konnten sie nicht. Vor den ganz tiefen Einschnitten schreckte der Unternehmer zurück. Noch immer sortierten Frauen Kekse per Hand, wurden gigantische Mengen an Rohstoffen in den Silos zwischengelagert, standen die Lastwagen morgens vor dem Werk Schlange, weil nicht rund um die Uhr abgefertigt werden durfte.

Es oblag dem Prozesstechniker Christoph Hollemann, die Reißleine zu ziehen. Nur wenige Monate nach seinem Wechsel zu Bahlsen stellte der Manager aus der Auto- und IT-Industrie vor drei Jahren die radikalste aller möglichen Fragen: Was, wenn man das „Werk III“ einfach dichtmachen und irgendwo auf der grünen Wiese eine hochmoderne Fabrik neu bauen würde? Das ließ alle zusammenzucken: Arbeitnehmer, Stadtverwaltung, Land – und ein bisschen wohl auch den Firmenchef selbst. Denn so wurde klar, dass nur eine Radikalkur die Heimat von Leibniz-Keks, ABC, Erdnuss-Spaß und Co. würde retten können. „Der Standort braucht einen Innovationssprung“, forderte Hollemann damals.

Er sollte ihn bekommen. Die Betriebsräte stimmten dem Abbau von gut 200 der damals 630 Vollzeitstellen zu und machten Zugeständnisse beim Entgelt, die Stadt Barsinghausen akzeptierte einen Landtausch und ließ die Beschränkungen für den Lkw-Verkehr fallen, die Landesregierung spendierte Fördermillionen. Und Bahlsen brachte den Rekordwert von mehr als 40 Millionen Euro auf, um das Werk 55 Jahre nach dem ersten Spatenstich quasi neu zu bauen – „das größte Projekt, das dieses Unternehmen jemals in die Hand genommen hat“, umschrieb es Werner Michael Bahlsen.

Im Herbst soll dieses Projekt nun abgeschlossen sein. Dann sind nicht nur die alten Symbole verschwunden, der Standort hat auch eine komplett neue Zuwegung von der anliegenden Umgehungsstraße erhalten, sodass die Lastwagen schneller zu Bahlsen kommen. Doch das sind nur Äußerlichkeiten: Das Gros der Veränderungen wird erst innerhalb der Mauern sichtbar – wo bei laufendem Betrieb umgebaut wurde. „Wir wussten, dass es aufwendig wird“, sagt Hollemann heute, „aber nicht wie sehr.“

Immer wieder mussten Produktionsbereiche streng von den Bauzonen abgeschottet werden – „hygienisch ein irrer Aufwand“, so der Produktionschef. Baufahrzeuge wurden durch den Personaleingang gelotst, Schutt über unterirdische Wege entsorgt. Allein das Überbauen zweier „Finger“ genannter schlauchförmiger Hallen verschlang 5 Millionen Euro. Die „Finger“ waren eins der Kernprobleme des Standorts. In den engen Bauten konnten die Produktionsstraßen nur der Länge nach aufgebaut werden – was Personal an mehreren Stellen erforderte. Durch die Überdachung sind die Räume breit genug, um die Maschinen in U-Form anzuordnen. So haben dieselben Leute den Beginn und das Ergebnis des Produktionsprozesses im Blick.

Allein 20 Millionen Euro hat Bahlsen in den Maschinenpark investiert. „Wir können nur wettbewerbsfähig produzieren, wenn wir auf Automatisierung setzen“, sagt Hollemann. Vollautomatische Sortieranlagen, Roboter, die selbst mit rohen Eiern sorgsam umgehen können und eine Vielzahl von Verpackungsmaschinen stehen inzwischen in Barsinghausen. Sie sind der Grund dafür, dass fast jede vierte Stelle weggefallen ist. Gleichzeitig ist die Produktivität um 20 Prozent gestiegen.

Als der gebürtige Hannoveraner 2008 in seine alte Heimat zurückkehrte, saßen noch an acht Bändern Frauen, die Kekse von Hand einpackten. Jetzt gibt es nur noch ein kleines Grüppchen am Ende einer Maschine – Vanillekipferl sind wohl selbst für feinsinnige Roboter zu bröselig. Natürlich sei der Faktor Arbeit heute längst nicht mehr der größte Kostenblock im Unternehmen, räumt der Ingenieur ein. Dennoch sei er als einer von wenigen beeinflussbar. Der Wettbewerb habe hier zuletzt „hoch aufgerüstet. Wir haben nur nachgezogen.“ Die Belegschaft begrüße deshalb auch die Modernisierungen und bringe sich inzwischen wesentlich intensiver mit Verbesserungsvorschlägen ein, beteuert der Manager. „Hier hat ein ganz anderer Geist Einzug gehalten.“

Hinzu komme ein gewaltiger Sprung bei der Flexibilität. Vor allem der komplette Umbau der Rohstoffversorgung mache eine deutlich geringere Lagerhaltung und kleinere Losgrößen möglich. „Heute trifft das Mehl die Zutaten erst in der Maschine“, umschreibt es Hollemann. Die Rohstoffbestände seien auf gerade noch ein Viertel früherer Werte zusammengeschrumpft. Gleichzeitig ermöglicht ein neues Rohrleitungssystem effizientere Beförderung und Vermischung von Zutaten.

Auch die Möglichkeit, rund um die Uhr zu produzieren und Warenein- und -ausgänge abzufertigen, bringt dem Werk große Sprünge bei der Flexibilität. So könnten etwa Produkte, die gerade am Markt stark gefragt sind, künftig schneller nachgeliefert werden. Wie wichtig das ist, merkt Bahlsen gerade beim Keksriegel „Pickup“, wo es derzeit teils Engpässe gibt. Barsinghausen soll deshalb neben Berlin eine weitere Produktionslinie bekommen – ein Beispiel dafür, dass der Konzern das Vertrauen in sein „Werk III“ zurückgewonnen hat.