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Wirtschaft Autonomes Fahren: VWN-Chef Sedran dämpft Erwartungen
Nachrichten Wirtschaft Autonomes Fahren: VWN-Chef Sedran dämpft Erwartungen
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00:23 23.06.2019
VWN-Chef Thomas Sedran rechnet nicht damit, dass sich das autonome Fahren schnell durchsetzt. Quelle: Peter Steffen/dpa
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Hannover

Volkswagen bremst die Euphorie mit Blick auf das autonome Fahren. Es werde noch Jahre dauern, bis die Hersteller Fahrzeuge mit funktionstüchtigen Systemen in großem Stil auf die Straße brächten, sagte der Chef von VW Nutzfahrzeuge (VWN), Thomas Sedran, bei einer Veranstaltung in Dresden. „Selbstfahrende Modelle werden unsere Zukunft sein – die Frage ist nur: wann?“

Der VWN-Chef rechnet damit nicht vor dem Jahr 2025. Ein Grund dafür seien die hohen Kosten: Heute seien Systeme für autonomes Fahren nicht unter 100.000 Euro je Auto zu haben, in sechs Jahren könnten es vielleicht weniger als 20.000 Euro sein, sagte Sedran. Selbst dann aber kämen sie bei Pkw bestenfalls als Sonderausstattung im Premiumsegment infrage. Anders sehe die Wirtschaftlichkeitsrechnung bei Nutzfahrzeugen aus: Die Kosten für einen Fahrer, der für eine Firma unterwegs sei, lägen hier bei etwa 50.000 Euro im Jahr. Hier lohnt sich der Einsatz der Technik früher. Auch aus diesem Grund hat der Konzern der hannoverschen Tochter die zentrale Verantwortung für das autonome Fahren übertragen.

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Der Konzern sucht dafür noch Entwicklungspartner. VW steuert dabei auf eine Kooperation mit Ford zu. Die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Start-up Aurora wurde kürzlich beendet. Die Ford-Tochter Argo entwickelt Softwaresysteme für autonom fahrende Autos. Die Gespräche mit Ford über eine Zusammenarbeit machten „gute Fortschritte“, hatte unlängst ein VW-Sprecher erklärt. Aurora hat unterdessen gemeinsame Projekte mit Fiat Chrysler angekündigt.

„Wo liegen die moralischen Grenzen?“

Bei Volkswagen Nutzfahrzeuge zeigt man sich aber auch unter ethischen Gesichtspunkten zögerlich. Autonom fahrende Modelle seien im Grunde Roboter auf Rädern, sagte Sedran. Um wechselnde Situationen im Verkehr zu beherrschen, müssten die Systeme aus Erfahrungen lernen können – dazu sei die Nutzung künstlicher Intelligenz nötig. „Hier brauchen wir jedoch eine offene Diskussion darüber, wo die moralischen Grenzen dafür liegen“, sagte Sedran.

Damit autonome Systeme mindestens so sicher auf den Straßen unterwegs sein können wie Fahrer aus Fleisch und Blut, müssen sie nach Einschätzung von VWN deutlich mehr Testkilometer hinter sich bringen, um ein ähnliches Maß an Erfahrung zu sammeln. Aber selbst dann blieben noch viele Fragen offen, erklärte Sedran. Man müsse auch dafür Sorge tragen, dass die auf Basis von Algorithmen getroffenen Entscheidungen moralisch vertretbar seien.

Hersteller müssen auf Grundrechte achten

„Wenn Menschen davon betroffen sind, darf das keine ,Black Box’ sein“, sagte Sedran. Die Hersteller müssten sicherstellen, dass die Grundrechte jedes Verkehrsteilnehmers gewahrt würden. In brenzligen Situationen dürfe man nicht zulassen, dass Maschinen die Entscheidung über Leben und Tod ausschließlich daran ausrichten, ob der Schaden für den Einzelnen größer sei als für eine Gruppe. „Um solche Fragen zu beantworten, brauchen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog.“

Von Jens Heitmann