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Wirtschaft Anwalt will mit Klagen gegen Maschmeyer Kasse machen
Nachrichten Wirtschaft Anwalt will mit Klagen gegen Maschmeyer Kasse machen
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08:59 09.12.2011
Von Albrecht Scheuermann
„Unberechtigte Angriffe“: Carsten Maschmeyer, hier mit seiner Lebensgefährtin Veronica Ferres, hat sich bei Swiss Life zurückgezogen.
„Unberechtigte Angriffe“: Carsten Maschmeyer, hier mit seiner Lebensgefährtin Veronica Ferres, hat sich bei Swiss Life zurückgezogen. Quelle: dpa (Archiv)
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Vor fast genau vier Jahren, im Dezember 2007, lag vorweihnachtliche Harmonie in der Luft. „Wir sind sehr glücklich, dass wir mit der Familie Maschmeyer und dem AWD diese Partnerschaft eingehen dürfen“, erklärte der damalige Swiss-Life-Vorstandschef Rolf Dörig anlässlich des Einstiegs der Eidgenossen bei dem hannoverschen Finanzdienstleister.

Heute, im Dezember 2011, sind die Glücksgefühle jedoch abgekühlt – auch wenn Dörig, inzwischen Verwaltungsratspräsident, öffentlich nichts auf den einstigen AWD-Eigentümer und -Chef kommen lässt.

„Der Verwaltungsrat nimmt vom Entscheid von Carsten Maschmeyer mit großem Respekt Kenntnis“, heißt es in der Mitteilung, die jetzt anlässlich des überraschenden Rückzugs von Maschmeyer aus dem Verwaltungsrat von Swiss Life verbreitet wurde – verbunden mit herzlichem Dank „für seinen wertvollen Beitrag, den er als erfolgreicher, strategisch denkender Unternehmer und ausgewiesener Experte in unserem Verwaltungsrat geleistet hat“.

Damit endet der Ausflug von Maschmeyer in die Welt der Schweizer Hochfinanz. Nicht nur wird sein Stuhl im Verwaltungsrat frei – er veräußert wohl auch sein 120 Millionen Euro kostendes Aktienpaket an Swiss Life. Der skandalumwitterte „Milliarden-Magier“ wirft die Brocken bei dem Schweizer Versicherungskonzern hin, weil ihn wieder einmal seine Vergangenheit eingeholt hat. „Ich möchte mit diesem Entschluss“, erklärte Maschmeyer, „den unberechtigten Angriffen auf meine Person und auf AWD den Boden entziehen.“

Gemeint ist unter anderem der Norddeutsche Rundfunk. Der Sender schießt wieder aus allen Rohren, aber auch in illustrierten Blättern kochen alte Affären hoch, die zwar schon lange bekannt, aber noch lange nicht ausgestanden sind. Dabei geht es, wie nicht anders zu erwarten, um Geld, um viel Geld.

Das hannoversche Finanzunternehmen hat seit den frühen neunziger Jahren, damals noch unter der Führung von Carsten Maschmeyer, vielen Tausend Kleinanlegern sogenannte geschlossene Fondsbeteiligungen angedreht, die sich dann als finanzieller Flop erwiesen. Jedenfalls für die Kunden – der AWD-Eigentümer und manche Mitarbeiter sind dabei dank üppiger Provisionen reich geworden. In Österreich steht die Firma seit Jahren wegen verlustreicher Immobilienbeteiligungen unter Beschuss, die die dortige Tochter vermittelt hat. Ein Verbraucherverein hat deshalb mittlerweile Strafanzeige gegen Maschmeyer und etliche einstige und heutige Mitarbeiter erstattet.

Zwar ist all das nicht neu, aber dennoch geht es den Managern von Swiss Life zunehmend auf die Nerven, dass die 100-prozentige deutsche Tochter ständig im Zusammenhang mit solchen negativen Schlagzeilen auftaucht. Dass dies gerade jetzt wieder passiert, ist kein Zufall. Ende des Jahres läuft eine wichtige Frist ab: Dann verjähren mögliche Schadensersatzansprüche aus Anlagegeschäften, die vor dem Jahr 2002 abgeschlossen wurden. Für die Anwaltsbranche ist das Grund genug, jetzt noch einmal ordentlich aufs Gaspedal zu drücken, um Klienten einzusammeln. Das betrifft keinesfalls nur den AWD, sondern ein Vielzahl von Finanzfirmen, Banken und Sparkassen, die solche Beteiligungen an den Mann gebracht haben.

Ein besonders umtriebiger Vertreter seines Berufsstandes ist der Hamburger Anwalt Rolf Thiel. Er hat entdeckt, wie sich Medien für die eigene Sache einspannen lassen. So taucht er in der NDR-Berichterstattung – neben prominenten früheren AWD-Managern – als ein Kronzeuge gegen die einstigen Geschäftspraktiken des AWD auf.

Prof. Dr. Rolf W. Thiel, Rechtsanwalt und Gründungsgesellschafter der Rechtsanwälte Thiel & Collegen, so seine vollständige Visitenkarte, kennt sich im Finanzgewerbe bestens aus. So war er Gründer und Geschäftsführer des Verbandes Unabhängiger Finanzdienstleistungsunternehmen in Europa e. V. (Votum), in dem sich Finanzdienstleister wie der AWD zusammengeschlossen haben. Auch beim AWD war er indirekt schon tätig – als Aufsichtsratsmitglied der Hamburger AWD-Tochter Tecis.

Doch damit nicht genug: Der Hamburger Anwalt saß bis vor Kurzem im Aufsichtsrat der – bei Verbraucherschützern wegen zweifelhafter Geschäfte nicht unbekannten – Finanzfirma Driver & Bengsch sowie ihrer inzwischen insolventen Tochter Accessio Wertpapierhandelshaus AG, beide Itzehoe.

Unter der gleichen Adresse firmiert wiederum eine Interessengemeinschaft für Kapitalanleger (IKV). „Wir nehmen die Interessen unserer Mitglieder im Bereich der Vermögens- und Wertpapieranlagen wahr, z. B. im Hinblick auf die Vertretung gebündelter Anlegerstimmen gegenüber den jeweiligen Emittenten oder Vermittlern“, erfährt man im Internet. Und aktuell wirbt der Verein so: „+EIL+ Geschädigte AWD-Kunden bekommen Rückenwind! +EIL+. Der IKV e. V. unterstützt Sie dabei! Auch der Norddeutsche Rundfunk (NDR) berichtet nunmehr über neue Erkenntnisse, die unsere Initiative bestärken.“

Das Wirken des geschäftstüchtigen Anwalts ist auch dem renommierten Institut IFF Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg aufgefallen. Das Institut zitiert aus einem Brief von Thiel an frühere AWD-Kunden, denen eine Klage ans Herz gelegt wird. Zum Schluss wird in dem Schreiben „eine Koordinierung eines Telefontermins“ über die besagte IKV empfohlen.

Sollten mögliche Klienten eine Klage wegen der Kosten scheuen, gibt es auch eine Lösung. Eine Benner Holding aus Ippesheim bietet die komplette Übernahme der von Thiel & Collegen in Rechnung gestellten Gebühren sowie der Gerichtskosten an – gegen eine Beteiligung von 30 Prozent an eventuellen Rückzahlungen aus erfolgreichen Verfahren. Weitere zehn Prozent gehen an die Viktoria Emissionshaus & Immobilien – wiederum eine Tochter der Driver & Bengsch Holding mit Sitz in Itzehoe.

Nicht nur das IFF findet solche Zusammenhänge merkwürdig. Man habe „den NDR gewarnt, die Kampagne einzuleiten, ohne auf diese Hintergründe einzugehen“, erklärte das Institut. Generell rät es geprellten Anlegern, sich erst einmal bei einer Verbraucherzentrale beraten zu lassen „bevor sie viel Geld bei Anwälten ausgeben“ – zumal die Erfolgsaussichten derartiger Klagen keinesfalls so gut seien, wie interessierte Anwälte gern behaupten.