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Niedersachsen Zahl der Gefängnisselbstmorde soll mit Telefonseelsorge eingedämmt werden
Nachrichten Politik Niedersachsen Zahl der Gefängnisselbstmorde soll mit Telefonseelsorge eingedämmt werden
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08:40 12.01.2011
Dieter Klages war 28 Jahre lang Leiter der Telefonseelsorge in Hannover.
Dieter Klages war 28 Jahre lang Leiter der Telefonseelsorge in Hannover. Quelle: Uwe Dillenberg (Archiv)
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Mit nächtlicher Telefonseelsorge will Niedersachsen die Zahl der Selbstmorde im Gefängnis eindämmen. In einem Pilotprojekt wird es Untersuchungshäftlingen ermöglicht, in den ersten 14 Tagen nach der Inhaftierung nachts anonym mit einem Seelsorger zu telefonieren. „Wenn nur ein Suizid vermieden wird, ist das ein Projekt, das sich lohnt“, betonte der niedersächsische Justizminister Bernd Busemann (CDU) am Montagabend in Hannover.

Landesweit haben sich 2009 acht Gefangene das Leben genommen, bundesweit waren es 61 Suizide hinter Gittern. Auch andere Bundesländer haben laut Busemann jetzt Interesse an dem Projekt. Internationalen Studien zufolge haben Menschen in Haft ein bis zu sechsfach höheres Selbsttötungsrisiko. Mehr als die Hälfte der Suizide geschieht noch in der U-Haft. Die Initiatorin des Projekts musste bei der Justiz erst Überzeugungsarbeit leisten. „Untersuchungsgefangene und Telefon - das ist eigentlich unvorstellbar“, sagte Katharina Bennefeld-Kersten vom Kriminologischen Dienst im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzugs. U-Häftlinge dürften absolut keinen Kontakt nach draußen haben.

In dem Modellversuch wurden zum 1. März vergangenen Jahres 100 Zellen in Gefängnissen in Braunschweig, Oldenburg, Hannover und Rosdorf mit spezieller Technik ausgestattet, so dass nur Anrufe zu den Seelsorgern möglich sind. Bis Dezember wurden durchschnittlich 50 Gespräche pro Monat geführt. „In der Anfangszeit hängen die Leute wirklich in der Luft. Die Themen gehen von „Können Sie mir Tabak bringen?“ bis zu so etwas wie einem Beichtgespräch“, berichtete der katholische Seelsorger der JVA Hannover, Winfried Wingert.

Vor Gericht werden Geständnisse nicht verwertet - der Gefängnisseelsorger unterliegt der Schweigepflicht. Die Häftlinge in Not erwähnten bei ihren nächtlichen Anrufen am häufigsten die Themen Ängste („Meine Frau haut jetzt ab“), Sinn und Sucht. Knapp ein Drittel redete über die Straftat, etwa 14 Prozent brachte das Thema Suizid direkt zur Sprache. 2010 nahmen sich sechs Häftlinge in Niedersachsen das Leben - zwei weniger als 2009, bundesweite Zahlen liegen noch nicht vor. Die Telefonseelsorge soll nun auf weitere Gefängnisse ausgeweitet werden. Insgesamt wendet das Land Niedersachsen zurzeit laut Ministerium 1,838 Millionen Euro im Jahr für die evangelische und katholische Gefangenenseelsorge auf.

dpa