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Niedersachsen Wie der Atomprotest das Leben im Wendland verändert
Nachrichten Politik Niedersachsen Wie der Atomprotest das Leben im Wendland verändert
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13:52 24.09.2010
Von Dirk Schmaler
Auch Landwirt Hans-Werner Zachow ist ein Urgestein der Anti-AKW-Bewegung.
Auch Landwirt Hans-Werner Zachow ist ein Urgestein der Anti-AKW-Bewegung. Quelle: Udo Heuer
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Die Postkarten auf dem Schreibtisch von Janka Weber-Knierim könnten auch vom Tourismusverband der Heide stammen. Oder vielleicht für ein Fitnessprogramm der AOK werben. Das Motiv: Ein älterer Herr mit Fahrradtaschen am Gepäckträger winkt fröhlich in die Kamera, auf der Landstraße links und rechts neben ihm radeln zwei Frauen. Auf einem der Anoraks ist eine Sonne aufgemalt, das Zeichen des Wendland-Protestes. Unter der Idylle auf Rädern steht in schwarzen Blockbuchstaben: „Stopp Castor! Auf ins Wendland!“

Hunderte der Karten haben Weber-Knierim und ihre Kollegen von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg aus dem kleinen Haus in der Rosenstraße in Lüchow in den vergangenen Tagen schon quer durch die Republik verschickt. Hunderte weitere werden folgen. Weber-Knierim sitzt am Schreibtisch, hinter ihr die Akten aus 30 Jahren Atomprotest, und sagt: „So viel Zuspruch wie in diesem Jahr hatten wir noch nie.“

Anfang November soll der nächste Castor-Transport in Gorleben eintreffen. Und die Demonstranten und die Polizei rechnen mit so vielen Besuchern wie noch nie. 50 000 könnten es werden, sagen manche. Gründe dafür gibt es viele: die von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossene Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, die unsichere Asse. Die Postkarten allerdings machen deutlich, was der eigentliche Grund für den enormen Zulauf ist: Der Protest ist bürgerlicher geworden.

Denn Adressaten der kleinen Einladungen sind nicht so sehr die erfahrene Wendland-Protestierer und draufgängerische Anti-AKW-Jugendgruppen. Die Postkarten machen auf eine spezielle Aktion aufmerksam, die es auch älteren, in Protestdingen unerfahrenen Bürgern ermöglichen soll, zu den Castor-Transporten Anfang November ins Wendland zu reisen. „Wir besorgen allen, die sich zu alt für eine Turnhalle fühlen, eine private Unterkunft mit eigenem Bett, außerdem werden Paten den Gästen zeigen, wie man sicher protestiert und was man zu beachten hat“, erklärt Weber-Knierim die Idee. Die Anti-Atom-Aktivisten reagieren damit auf ein Phänomen, das zuletzt auch bei den Protesten gegen den Bahnhofneubau „Stuttgart 21“ zu besichtigen war. Die 57-Jährige, die schon seit den Achtzigern im Wendland Demos organisiert, sagt: „Wir haben viele Anfragen in diese Richtung. Der Protest ist vielschichtiger als je zuvor.“

Damals, 1983, als Weber-Knierim in den Landkreis Lüchow-Dannenberg zog, war das noch anders. Politisiert durch Brokdorf und die Auseinandersetzungen um die Frankfurter Startbahn West, zog die gelernte Buchhändlerin aufs Land, um von dort den Widerstand von links zu organisieren. Und mit ihr viele andere Künstler, Aktivisten und Handwerker, die gemeinsam mit einigen Einheimischen auf die Straße gingen, um das Atomlager vor der eigenen Haustür zu verhindern. Sie kämpften, demonstrierten und diskutierten, für viele wurde der gemeinsame Protest im Laufe der Jahre zum selbstverständlichen Lebensmittelpunkt. „Früher haben immer alle meine Verwandten die Augen verdreht, wenn ich über den Widerstand erzählte“, sagt Weber-Knierim. Heute aber habe sich das geändert. „In diesem Jahr kommen vielleicht sogar einige meiner Cousinen zum Anti-Castor-Protest. Ganz freiwillig. Da hat sich grundsätzlich etwas geändert.“

Vielleicht ist es die Bevölkerung, die gerade eine neue Widerspenstigkeit entdeckt, vielleicht sind es die teils schwer nachvollziehbaren Entscheidungen der Politik in der Vergangenheit, die die Leute auf die Straße bringen. Vielleicht ist es aber auch der Protest selbst, der sich geändert hat. „Man ist natürlich ein bisschen gesetzter geworden“, sagt beispielsweise Hans-Werner Zachow. Der Landwirt aus Zernien sitzt auf seiner Terrasse, blickt auf die weiten Felder, im Blumenbeet steckt neben einer Blüte wie selbstverständlich ein gelbes X aus Ton. „Eigentlich“, sagt er und grinst etwas müde aus seinem Bart heraus, „haben wir im Moment gar keine Zeit. Absolute Arbeitsspitze für Landwirte.“ Die Kartoffeln müssten dringend geerntet werden, auch der Mais und die Zuckerrüben seien reif. Und dann müsse noch das Wintergetreide ausgesät werden. „Ich weiß gar nicht, wie wir das alles noch schaffen sollen“, sagt er. Schließlich ist Ernten nicht seine einzige Aufgabe. Er muss er sich ja auch noch um den Castor kümmern.

Zachow ist 55 Jahre alt, Landwirt in x-ter Generation und Mitglied der Bäuerlichen Notgemeinschaft der ersten Stunde. Für ihn ist es längst nichts Besonderes mehr, dass er sich zwischen Kühen und Kartoffeln beim Bauernstammtisch auch mit Straßensperren und Demonstrationen beschäftigt. „In 30 Jahren Widerstand ist hier etwas ganz Besonderes passiert“, sagt Zachow und blickt versonnen auf die Felder. „Wir haben hier eine ganz neue Art der Gemeinschaft entdeckt, eine neue Lebenskultur.“

Was das genau ist, diese andere Lebenskultur, dafür gibt es keine einheitliche Antwort. Für Zachow ist es die „Extraportion demokratische Schulung“, die man im Wendland bekomme. „Gerade meine Kinder und deren Generation haben von Anfang an mitbekommen, dass man sich mit demokratischen Mitteln wehren kann.“ Für manche besteht das andere in den vielen Kunstinitiativen, die sich im Wendland niedergelassen haben. Einige schwärmen von den niveauvollen Buchläden, für die es „sonst auf dem Land gar kein Publikum“ gebe. Und einen gewissen Zusammenhalt, den spüren die meisten im Wendland auch. Es verbindet Kinder mit ihren Eltern, Landwirte mit Künstlern und Linke mit Konservativen. „Gerade bei uns Landwirten gibt es viele, die eher konservativ sind, aber hier trotzdem nie die CDU wählen würden.“ Es sei schon eigenartig, meint Zachow, der die meisten seiner Berufskollegen aus dem Wendland mit dem, was er macht, hinter sich weiß. „Ohne die Atomfrage wären die Menschen hier sicherlich nicht so stark zusammengerückt.“

Zachow war nicht immer so zufrieden. Als er ein junger Mann war, erzählt er, habe er sich vorgenommen, wenn in seiner Heimat wirklich Atomlager entstehen sollten, werde er sich aus dem Staub machen – ohne Rücksicht auf den Hof seiner Eltern. Wenn es die Atomfässer waren, die ihn fast verscheucht hätten, war es vielleicht der Protest, der ihn am Ende doch im Wendland hielt. „Es ist unser Leben geworden. Und das ist auch der Grund, warum wir ein Endlager Gorleben niemals akzeptieren werden“, sagt er.

Sogar vor Körpereinsatz schreckt er nicht zurück, wenn es um die Sache geht. Als die Bauerninitiative vor ein paar Jahren Geld brauchte, um Prozesskosten zu bezahlen, stellten sie einen Kalender mit Aktaufnahmen her und verkauften ihn. Zachow hängt seitdem als Januar-Motiv in hunderten Küchen. Nackt. Auch dafür ist gewissermaßen die Bundesregierung verantwortlich. Zachow sieht das zumindest so. „Ich, nackt im Kalender, das hätte ich mir ja auch nie träumen lassen.“