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Niedersachsen Vier Vorbilder für Christian Wulff
Nachrichten Politik Niedersachsen Vier Vorbilder für Christian Wulff
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15:28 06.03.2012
Von Alexander Dahl
Foto: Altbundespräsident Walter Scheel.
Altbundespräsident Walter Scheel. Quelle: dpa
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Hannover

Es war einer der großen Hits kurz vor Weihnachten 1973. In der ZDF-Fernsehshow „Drei mal Neun“ sang der damalige Bundesaußenminister (FDP) und spätere Bundespräsident Walter Scheel zugunsten wohltätiger Zwecke das alte Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“. 15 Wochen hielt sich das Lied in den deutschen Charts; mehr als 300.000 Platten wurden verkauft. Jetzt ist die Scheel’sche Version wieder am Markt, auf CD natürlich und digital bearbeitet. Und der Sänger, mittlerweile 92 Jahre alt, muss wieder Fanpost beantworten. „Hier treffen viele Autogrammwünsche ein, aber auch Anfragen von Chören und Bitten um Interviews“, sagt Christoph Höppel, der persönliche Referent des Altbundespräsidenten.

Von 1974 bis 1979 war Scheel Staatsoberhaupt der Bundesrepublik; seither bezieht er den Ehrensold, den nun auch Christian Wulff nach 20 Monaten Amtszeit bekommen wird. Der ist vor allem gedacht zur finanziellen Absicherung des Ruhestands und zur Sicherung der Unabhängigkeit von Altpräsidenten. Dazu kommen noch mindestens 200.000 Euro für ein Büro und einen kleinen Mitarbeiterstab. Denn die noch lebenden Altbundespräsidenten Scheel, Richard von Weizsäcker (1984 bis 1994), Roman Herzog (1994 bis 1999) und Horst Köhler (2004 bis 2010) setzen sich alle auf die eine oder andere Art weiter fürs Gemeinwohl ein. Weizsäckers Büro in Berlin bearbeitet noch heute einen Posteingang „wie zu seiner Amtszeit“, sagt seine Büroleiterin Katharina Boß. Sie und einen Fahrer hat der 91-Jährige, beide finanziert vom Bundespräsidialamt. Eine weitere Hilfskraft hat von Weizsäcker gerade eingestellt, die er selbst bezahlt.

Der deutsche Präsident, der Geschichte machte, als er 1985 in einer öffentlichen Rede den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ bezeichnete, hat einen dicht gedrängten Terminkalender. Gerade in außenpolitischen Fragen ist von Weizsäcker bis heute in Europa wie in Übersee ein gefragter Gesprächspartner und ein unabhängiger dazu. Im Gegensatz zum Liberalen Scheel hat er seine Parteimitgliedschaft – in der CDU – auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt ruhen lassen. Scheel ist nicht mehr unterwegs; nach einer Blutvergiftung 2008 sind Reisen kaum möglich. Dennoch: Er ist täglich von 9.30 bis 15 Uhr in seinem Büro im badischen Bad Krozingen zu finden. Dort empfängt er Gäste und arbeitet die Post ab – „einen Eimer voll täglich“, wie Höppel sagt. Etwa 70 Schirmherrschaften hat Scheel, darunter die von „Plan International“, der größten weltweit tätigen deutschen Kinderhilfsorganisation, die er mitgegründet hat. Auch neues Engagement kommt hinzu – etwa das für den Erhalt der Beethovenhalle in Bonn, für deren Sanierung sich der Freizeitsänger einsetzt.

In der Diskussion um den Ehrensold war Scheel der erste, der Christian Wulff am 19. Februar öffentlich den Rat erteilte, auf das Ruhegeld zu verzichten. „Er wollte ihm eine Brücke bauen sich beruflich weiterzuentwickeln, um der Familie einen Arbeit schaffenden Vater zu geben“, sagt Höppel. Horst Köhler hat bereits verzichtet. Aus seinen Ämtern als Staatssekretär, als Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und als Direktor des Internationalen Währungsfonds hat er derart hohe Pensionsansprüche erworben, dass diese den Ehrensold übersteigen. Nach seinem Rücktritt 2010 hat sich Köhler betont von der Öffentlichkeit ferngehalten; die meisten Termine, die er wahrnimmt, haben mit Afrika zu tun, einem Kontinent, dem er schon als Präsident mit seiner Initiative „Partnerschaft für Afrika“ große Aufmerksamkeit widmete. So reist Köhler etwa als Referent für die Konrad-Adenauer-Stiftung durch Afrika – und wirbt dort für die Einführung der sozialen Marktwirtschaft als Modell für die Entwicklung des Kontinents.

Roman Herzog indes beschränkt sich bei seinen Reisen auf Ziele, „die man mit dem Auto erreichen kann“, sagt seine Büroleiterin Irene Schacht in Heilbronn. Die Terminflut ist dennoch gewaltig: Von 30 Anfragen kann der 77-Jährige nur eine annehmen; wer Herzog als Redner gewinnen will, muss mindestens sechs Monate vorher anfragen. Kurzfristig geht nichts – nicht einmal, wenn das Büro des früheren Außenministers Hans-Dietrich Genscher darum bittet. Der musste ins Krankenhaus; „aber der Terminkalender von Roman Herzog ist einfach zu dicht gepackt, um irgendwo einzuspringen“, sagt seine Büroleiterin. Dabei engagiert sich Herzog auf vielfältige Weise: Reden in Universitäten und Firmen, Zeitschriftenaufsätze, Buchvorworte, und Arbeit für das von ihm gegründete Roman-Herzog-Institut für ein „freies Nach-, Vor- und Querdenken zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands“.

Demnächst will er nach Dresden reisen und eine Gymnasialklasse besuchen – weil diese seine „Ruckrede“ („Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen!“) im Unterricht behandelt hat. Sie müsse schon aufpassen, dass ihr Chef wenigstens einen Tag in der Woche eine Verschnaufpause einschiebe, sagt Schacht. Für einen Termin am 8. März indes hat keiner der vier Altpräsidenten Zeit. Dann soll Christian Wulff, das Staatsoberhaupt mit der kürzesten Amtszeit aller bundesdeutschen Präsidenten, mit dem Großen Zapfenstreich der Bundeswehr in Berlin verabschiedet werden. Scheel, Weizsäcker, Herzog und Köhler wollten nicht teilnehmen, hieß es gestern. Einen Grund nannte keiner.

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