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Niedersachsen Streit nach ICE-Unglück schwelt weiter
Nachrichten Politik Niedersachsen Streit nach ICE-Unglück schwelt weiter
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20:26 02.06.2009
Bei dem Unglück in Eschede am 3. Juni 1998 kamen 101 Menschen ums Leben.
Bei dem Unglück in Eschede am 3. Juni 1998 kamen 101 Menschen ums Leben. Quelle: Michael Plümer
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„Uns enttäuscht sehr, dass das Versprechen, das uns Lutz Bücken als Generalbevollmächtigter der Bahn voriges Jahr gegeben hat, bisher folgenlos geblieben ist“, sagte Verbandssprecher Heinrich Löwen dieser Zeitung. Dass Bücken inzwischen sogar seine in Eschede vor einem Jahr abgegebenen Erklärungen als „Privatmeinung“ deklariert, verärgert Löwen: „Dann wäre es besser gewesen, Bücken hätte sich seinen Auftritt geschenkt.“

Während der Gedenkfeier 2008 zum zehnten Jahrestag des ICE-Unglücks, bei der unter anderem Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff gesprochen hatte, war der Generalbevollbemächtigte der Bahn auf Löwen zugegangen. Bücken übergab Heinrich Löwen seine Visitenkarte und erklärte, sich bei dem Opferverband für die Bahn entschuldigen zu wollen. Die Bahn habe bei der Aufarbeitung des Unglücks „viel falsch gemacht“. Außerdem habe die Bahn während des Eschede-Prozesses vor dem Landgericht in Hannover „nur die juristische Seite im Blick gehabt“.

Bücken machte dem Sprecher der Selbsthilfe Eschede das Angebot, noch offene Fragen „aus der Welt zu schaffen“. Seine Tür im Berliner Bahntower stehe Löwen jederzeit offen.

Bücken war bei der Trauerfeier 2008 in Eschede der ranghöchste Vertreter der Bahn. Obwohl auch die Bahn den Tod von sieben eigenen Mitarbeitern zu beklagen hatte, war es ihr nicht gelungen, offiziell an der Zeremonie mitzuwirken. Die Angehörigen der Opfer wollten der Bahn auch kein Rederecht bei der Veranstaltung einräumen, weil sie befürchteten, die Bahn drücke sich abermals um ein Bekenntnis ihrer eigenen Verantwortung. „Noch immer fehlt eine öffentliche Entschuldigung der Bahn für eigene Versäumnisse und Fehler“, sagte Löwen.

Einer der Streitpunkte 2008 war die Weigerung der Bahn, den ICE, der täglich nach wie vor um 10.59 Uhr am Unglücksort vorbeirast, während der Gedenkfeier symbolisch anhalten zu lassen. Die Bahn pochte damals auf Einhaltung des Fahrplans. Das damals von Bücken angebotene Gespräch in Berlin hat bis heute nicht stattgefunden. Vielmehr verwies die Bahn Löwen an Udo Steiner, Ombudsmann der Bahn für Betroffene großer Eisenbahnunglücke. Steiner, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, erklärte dieser Zeitung, dass er den Ärger des Opferverbands ernst nehme. Deswegen auch habe er Heinrich Löwen persönlich in Vilshofen besucht. Steiners eigene Versuche, mit dem Generalbevollmächtigten in Kontakt zu treten, seien bisher ohne Antwort geblieben. Steiner: „Ich habe mich schriftlich an den neuen Bahnchef Rüdiger Grube gewandt.“ Demgegenüber betonte Bücken, er habe sich mit Löwen „vertraulich ausgetauscht“.

In Eschede war am 3. Juni 1998 der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ nach dem Bruch eines Radreifens entgleist und mit 200 Stundenkilometern Geschwindigkeit gegen eine Brücke geprallt. Bei dem bisher schwersten Zugunglück in der deutschen Nachkriegsgeschichte starben 101 Menschen, darunter Frau und Tochter von Heinrich Löwen.

von Hartmut Reichardt