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Niedersachsen Für viele Angehörige bleibt die Ungewissheit
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19:07 06.06.2019
Sebastian Bührmann, Vorsitzender Richter im Prozess gegen Niels Högel, steht vor Prozessbeginn im Gerichtssaal. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Oldenburg

Frank Brinkers steht fassungslos vor den Weser-Ems-Hallen, umringt von Kameras. Er ist den Tränen nahe. Er habe zweieinhalb Jahre auf das Urteil gewartet, erzählt er. Und jetzt das: Der ehemaliger Krankenpfleger Niels Högel ist gerade vom Vorwurf, Brinkers Vater ermordet zu haben, freigesprochen worden – aus Mangel an Beweisen. „Das ist so bitter“, sagt der Sohn. Er habe sich doch einfach nur ein klares Urteil gewünscht. Jetzt bleibt für ihn und andere der nagende Zweifel, was wirklich damals in den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst passiert ist.

Das Landgericht Oldenburg hat den Serienmörder Högel am Donnerstag wegen 85 Morden an Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt: 54 in Delmenhorst, 31 in Oldenburg. Die Kammer hat die besondere Schwere der Schuld festgestellt, niedere Beweggründe ausgemacht, sieht auch das Tatmotiv der Heimtücke teilweise als gegeben an. Der Ex-Pfleger hat keine Chance nach 15 Jahren vorzeitig entlassen zu werden. In den USA hätte er eine Strafe von 1275 Jahren bekommen, rechnet der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann vor. Eine anschließende Sicherungsverwahrung nach der Haft ist nicht vorgesehen. Ein Urteil, mit dem die meisten im Saal zufrieden sind.

Bührmann: „Ich kam mir vor wie ein Buchhalter des Todes“

Und doch hinterlässt der letzte Verhandlungstag im Mammutprozess gegen den 42-jährigen Högel einen schalen Beigeschmack. In 15 Fällen wird der Todespfleger frei gesprochen, weil das Gericht seine Schuld nicht eindeutig nachweisen kann. Richter Bührmann entschuldigt sich dafür mehrfach bei den Angehörigen. „ Die Ungewissheit muss für sie quälend sein.“ Es habe im Prozess zu viel Nebel gegeben, „der uns die Sicht auf die Dinge erschwert hat“. Eine ältere Frau muss aus dem Saal geführt werden. Später fährt ein Krankenwagen vor.

Es ist eine Minute nach zehn, als Bührmann das Urteil verkündet. Der provisorische Gerichtssaal in der großen Halle ist prall gefüllt. „Herr Högel, das Verfahren und die Taten sprengen jegliche Grenzen und überschreiten jeglichen Rahmen“, sagt der Richter. „Ich kam mir vor wie ein Buchhalter des Todes.“ Der menschliche Verstand müsse da kapitulieren. Es sei nicht gelungen, alle Antworten zu finden.

In 15 Fällen Lücken in der Beweiskette

Högel sitzt wie fast immer in dem fast achtmonatigen Prozess teilnahmslos neben seinen Anwältinnen. 43 der 100 angeklagten Mordvorwürfe hat er gestanden, fünf vehement bestritten. An die anderen Taten kann er sich angeblich nicht erinnern. Die Staatsanwaltschaft hat 97 Schuldsprüche gefordert, die Verteidigung 31 Freisprüche. Das Gericht sieht in 14 Fällen Lücken in der Beweiskette, weil der Wirkstoff Lidocain, der in den Leichen nachgewiesen wurde, auch aus Gels oder Sprays stammen könnte – und nicht zweifelsfrei aus einer Todesspritze von Högel. In einem Fall, den der frühere Pfleger gestanden hat, geht das Gericht von einer Verwechselung aus.

Der Richter erklärt ausführlich den Prozess der Urteilsfindung. Er sprich von der Anklage als Dach und von Säulen, die dieses tragen müssten. „Säulen und Dach müssen so stabil sein, dass sie eine Revision beim Bundesgerichtshof aushalten.“ Als wichtigste Säulen nennt Bührmann die medizinischen und toxikologischen Gutachten. Risse in der Säule stehen für Zweifel. Bei Lidocain habe es diese Risse gegeben, anders als bei den Wirkstoffen Kalium, Ajmalin, Sotalol und Amiodaron, mit denen Högel ebenfalls Herzstillstände bei Patienten verursacht hatte, um sich anschließend als Retter aufspielen zu können.

Richter wirft Zeugen Lügen und Vertuschung vor

Die zweite Säule sind die Zeugen. An denen lässt Bührmann teilweise kein gutes Haar. Viele hätten geschwiegen oder gelogen. „Es gab auch Vertuschung.“ Mehrere ehemalige Angestellte der Kliniken müssen sich deshalb demnächst wegen Meineid vor Gericht verantworten. Andere Ärzte und Pfleger sind angeklagt, weil sie die Tötungen möglicherweise hätten verhindern können.

Dann knöpft sich Bührmann den Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg, Dirk Tenzer, vor. Der war zwar zu Högels Zeiten noch nicht im Amt, hat aber offenbar die Ermittlungen der Polizei behindert: weil er die Protokolle einer Befragung der Mitarbeiter 2014 nicht an die Staatsanwaltschaft übergeben habe, weil er eine eindeutige Liste mit den Todesfällen in der Dienstzeit von Högel zurückgehalten habe, weil er versucht habe, Zeugen zu beeinflussen. Angehörigen-Sprecher Christian Marbach fordert später den Rauswurf von Tenzer.

Gericht hat kein klares Bild beim Mordmotiv

Schließlich geht es um Högel selbst. „Sie haben nicht immer die Wahrheit gesagt, dass macht es äußerst schwierig“, sagt der Richter zum Angeklagten. Selbst unter Druck habe Högel „absolut abgeklärt“ reagiert und teilweise „cool gelogen“. Als Beispiel für die Lügen nennt der Richter den Prozess 2014/2015, bei dem Högel wegen fünf Taten im Klinikum Delmenhorst erstmals zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. „Sie haben nicht die Wahrheit gesagt, obwohl sie wussten, was die Wahrheit ist. Ich habe Sie gefragt, war etwas in Oldenburg? Sie haben gesagt: ,In Oldenburg war nichts.’ Wie Sie sich verhalten haben, fliegt Ihnen jetzt um die Ohren.“

Beim Mordmotiv ergibt sich für das Gericht kein klares Bild. Bei Högel wurde eine Persönlichkeitsstörung festgestellt, er ist laut Gutachten aber voll schuldfähig. Imponiergehabe, Selbstüberhöhung, Narzissmus – vieles kommt in diesem Fall zusammen. „Sie haben getötet, um ein Wohlgefühl zu erlangen“, sagt Bührmann. Gier nach Spannung, gepaart mit Empathiemangel und ethischer Verwahrlosung, stellt er fest.

Verteidigung: Erst mal sacken lassen

Nach eineinhalb Stunden schließt Bührmann die Sitzung. „Wir haben gekämpft und das Bestmögliche herausgeholt“ freut sich Nebenkläger-Anwältin Gaby Lübben. Das Verfahren sei wichtig gewesen – auch für das Vertrauen in den Rechtsstaat, erklärt der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme. „Ich empfinde Genugtuung“, sagt Marbach. „Erst mal sacken lassen“, meint Högels Verteidigerin Ulrike Baumann.

Einer kann sich nicht mitfreuen: Frank Brinkers. „Wir werden sehen, ob wir Revision einlegen“, sagt seine Anwältin kämpferisch.

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