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Niedersachsen Peta: Neue Vorwürfe gegen Grotelüschen
Nachrichten Politik Niedersachsen Peta: Neue Vorwürfe gegen Grotelüschen
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16:06 23.09.2010
Steht seit längerem wegen der familieneigenen Mastputenbrüterei in der Kritik: Astrid Grotelüschen.
Steht seit längerem wegen der familieneigenen Mastputenbrüterei in der Kritik: Astrid Grotelüschen. Quelle: dpa
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Die Tierschutzorganisation Peta hat neue Vorwürfe wegen Tierquälerei gegen Niedersachsens Agrarministerin Astrid Grotelüschen (CDU) erhoben. Mitglieder der Organisation präsentierten am Donnerstag in Hannover neue Filmaufnahmen von verendenden und toten Mastputen. „Als Lobbyistin der Massentierhaltung hat Frau Grotelüschen nichts auf dem Posten verloren“, sagte Peta-Mitglied Stefan Bröckling. Bundespräsident Christian Wulff hatte Grotelüschen im April 2010, damals noch als niedersächsischer Ministerpräsident, in sein Kabinett geholt.

Die Videos sollen Anfang September in Mastbetrieben im Landkreis Cloppenburg aufgenommen worden sein, die von der Putenbrüterei der Familie Grotelüschen beliefert werden. Die gefilmten Ställe gehören zu einem Mastbetrieb aus der Putenerzeugergemeinschaft Ahlhorn, an der die Putenbrüterei der Familie Grotelüschen 7,5 Prozent hält. Darüber hinaus werben die Mastbetriebe der Erzeugergemeinschaft offen damit, ihre Küken ausschließlich bei Grotelüschen zu beziehen und über die Marke Wiesenhof zu verkaufen. Die Ministerin war am Donnerstag zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Nach der Mast würden die Puten zudem in einem Schlachthof weiterverarbeitet, an dem Grotelüschen ebenfalls beteiligt ist. „Das ist ein geschlossenes System“, betonte Edmund Haferbeck, wissenschaftlicher Berater von Peta. Mittels eines tragbaren Navigationsgerätes zeigen die Peta-Filmer in ihrem Video, dass die Aufnahmen tatsächlich von den Höfen in Cloppenburg stammen.

„Wie Wiesenhof mit Tieren umgeht, ist ja bekannt“, sagte Haferbeck. Anfang des Jahres hatte Peta Bilder veröffentlicht, die zeigten, wie Wiesenhof-Arbeiter Geflügel ohne Betäubung den Hals umdrehen und Tiere brutal in Transportkisten stopfen. „Wir werden uns zu Kampagnen dieser Organisation grundsätzlich nicht mehr äußern“, sagte ein Sprecher von Wiesenhof auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. Er kündigte aber an, das das Unternehmen prüfen werde, in welcher Beziehung die gefilmten Betriebe zu Wiesenhof stünden.

„Auslöser für die jetzige Recherche in Cloppenburg war die Aussage von Frau Grotelüschen „solche Tierschützer wie Peta brauchen wir nicht““, sagte Bröckling. Das Rohmaterial habe Peta bereits am Dienstag mitsamt Strafanzeigen gegen Astrid Grotelüschen und ihren Ehemann Garlich an die Staatsanwaltschaft Oldenburg weitergeleitet. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft bestätigte am Donnerstag, dass entsprechende Anzeigen eingegangen seien. Das Material müsse vor einer inhaltlichen Bewertung aber eingehend geprüft werden.

„Als ich heute Mittag die Namen der Landwirte erfahren habe, habe ich umgehend und persönlich das zuständige Veterinäramt eingeschaltet“, erklärte Garlich Grotelüschen, Geschäftsführer der Mastputen-Brüterei Ahlhorn. „Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, so werden wir die betreffenden Betriebe nicht mehr mit Küken beliefern.“ Unabhängig davon bat er bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg um Akteneinsicht.

Die zuständige Veterinärbehörde in Cloppenburg nahm die beschuldigten Betriebe in Schutz. Bei den am 11. und 16. September durchgeführten, angekündigten Untersuchungen seien keine tierschutzrelevanten Verstöße festgestellt worden, erklärte der Leiter Karl-Wilhelm Paschertz. „Das Anfang September vielleicht vereinzelt kranke Tiere in den Beständen gewesen sein könnten, kann das Veterinäramt jedoch nicht gänzlich ausschließen“, hieß es weiter.

Die Vorwürfe von Peta beziehen sich aber nicht nur auf die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Grotelüschen und den gefilmten Betrieben. „Die Kontrollbehörden machen doch die Augen zu“, sagte Bröckling. „Zudem ist es hochgradig verwerflich, wenn die Brüterei der Land- und Tierschutzministerin Qualzuchten im Sinne des Tierschutzgesetzes vertreibt.“ So würde den Küken aus der Brüterei von Grotelüschen der Schnabel amputiert, um zu verhindern, dass sich die Tiere später in der Massenhaltung gegenseitig zu verletzen.

Zudem seien die bereits im August abgegebenen Dementis von Grotelüschen, von den tierquälerischen Zuständen in den Mastbetrieben nicht zu wissen, falsch. „Diese Zustände sind in allen Putenmasten gang und gebe. Viereinhalb Tiere leben dort auf einem Quadratmeter, pro Stall bis zu 7000, das gibt es in der Natur nicht und es ist klar, dass die Tiere sich dort verletzen. Frau Grotelüschen muss das als ehemalige Mitarbeiterin wissen“, betonte Bröckling.

Die Opposition im niedersächsischen Landtag reagierte empört auf die erneuten Vorwürfe und forderte Konsequenzen bis hin zum Rücktritt.

Bis zum 31. Januar 2010 war Astrid Grotelüschen im Unternehmen ihres Mannes beschäftigt. Die CDU-Ministerin steht seit längerem wegen der familieneigenen Mastkükenbrüterei in der Kritik. Auslöser war ein Anfang August ausgestrahlter Fernsehbericht von „Report Mainz“ über mögliche Tierschutz-Verstöße bei zwei Putenmästern in Mecklenburg-Vorpommern, zu denen der Betrieb von Grotelüschens Ehemann ebenfalls geschäftliche Beziehungen hat. Peta hat auch wegen dieser Vorwürfe Strafanzeige gegen die Beteiligten gestellt.

dpa

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