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Niedersachsen Land wusste von Lohmann-Affäre
Nachrichten Politik Niedersachsen Land wusste von Lohmann-Affäre
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16:30 17.02.2011
Von Karl Doeleke
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Das Agrarministerium in Hannover wusste spätestens seit 2008, dass beim Cuxhavener Geflügelkonzern Lohmann Tierzucht (LTZ) männlichen Zuchtküken routinemäßig der Kamm und weiblichen Küken die Zehen amputiert wurden. Die Tiere sollten in der Enge von Mastställen so weniger anfällig für Verletzungen gemacht werden. Seit 2008 muss der Tierschutzabteilung im Ministerium auch bekannt gewesen sein, dass das untergeordnete Landesamt für Verbraucherschutz (Laves) die Amputationen klar als Tierquälerei und damit als Straftat wertet. Entsprechende Gutachten des Tierschutzdienstes des Laves von September 2008 und Juni 2009, die der HAZ vorliegen, wurden dem Ministerium mitgeteilt.

Die Gutachten hatte die Staatsanwaltschaft Stade angefordert. Sie sind Grundlage für ein Strafverfahren wegen des Verdachts der Tierquälerei gegen zwei Geschäftsführer der LTZ, das kommende Woche vor dem Amtsgericht Cuxhaven verhandelt wird. Die Tierschutzorganisation Peta hatte sie angezeigt.

Unklar ist, wie das für den Tierschutz zuständige Agrarministerium auf die klare Bewertung seiner Fachbehörde reagiert hat. Eine Auskunft wurde am Mittwoch auf Anfrage verweigert, da Agrarminister Gert Lindemann (CDU) dazu heute im Landtag Stellung beziehen will. Bei Lohmann selbst jedenfalls war man sich der tierschutzrechtlichen Problematik schon seit Jahren bewusst: „Kämme und Zehen bleiben im Prinzip illegal, wurden bisher jedoch noch nicht kontrolliert – dieser Bereich bleibt sehr gefährlich“, heißt es in einem Protokoll der „Ethik-Arbeitsgruppe“ des Konzerns von 2006, das dieser Zeitung vorliegt. Die Praxis wird im Laves-Gutachten als klar „verboten“ gewertet, insbesondere könne es keine Rechtfertigung geben, wenn mit den Amputationen „hauptsächlich Erleichterungen für die Haltung“ angestrebt würden.

Seltsam ist ein Bewusstseinswandel bei dem für die Kontrolle der LTZ zuständigen Veterinärdirektors des Landkreises Cuxhavens: In einer Stellungnahme aus dem Januar 2009 für die Staatsanwaltschaft schreibt er: Das Herausschneiden der Kammanlagen bei den Hahnenküken sei „tierschutzkonform“. Einen Monat zuvor hatte der Leitende Veterinärdirektor noch mitgeteilt, die LTZ sei über die Unzulässigkeit des Kürzens von Kämmen und Zehen „mehrfach unterrichtet“ worden. „Diese Aussage muss ich korrigieren“, nimmt der Amtsveterinär seine Ausführungen zur Rechtmäßigkeit des Amputierens im zweiten Schreiben zurück.

Die Grünen im Landtag machen dem Agrarministerium schwere Vorwürfe: „Das Ministerium hat mal wieder die wirtschaftlichen Interesse der Agrarlobby über das Wohl der Tiere gestellt“, sagt Fraktionsvize Christian Meyer. Er verlangt in einer dringlichen Anfrage Auskunft, die Minister Lindemann heute im Plenum beantworten muss. „Das Land hat bewusst nicht eingegriffen“, ist Agrarexperte Meyer sicher.