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Niedersachsen Käßmann soll Mittwoch zur ersten EKD-Ratsvorsitzenden gewählt werden
Nachrichten Politik Niedersachsen Käßmann soll Mittwoch zur ersten EKD-Ratsvorsitzenden gewählt werden
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10:34 28.10.2009
Von Michael B. Berger
„Sie ist das absolute Alphatier“: Landesbischöfin Margot Käßmann steht vor einem weiteren großen Schritt in einer beeindruckenden Kirchenkarriere.
„Sie ist das absolute Alphatier“: Landesbischöfin Margot Käßmann steht vor einem weiteren großen Schritt in einer beeindruckenden Kirchenkarriere. Quelle: Christian Behrens
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„Befiehl Du Deine Wege“, das alte, etwas melancholische Kirchenlied von Paul Gerhardt, hat der Posaunenchor gerade gespielt. Da wird es still im großen Saal des Ulmer Konferenzzentrums. Günther Beckstein, der frühere bayerische Ministerpräsident, verkündet gerade das erste Wahlergebnis der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es macht allen klar, dass es mit dem Teufel zugehen müsste, wenn nicht Margot Käßmann am Mittwoch zur Hauptfrau des deutschen Protestantismus gekürt würde. Alle, die noch vor Tagen als mögliche Konkurrenten der 51-jährigen Hannoveranerin gehandelt worden sind, verpassen die erforderliche Zweidrittelmehrheit um fast schon peinliche Weiten: Nur 28 Stimmen für den sächsischen Bischof Jochen Bohl, nur 21 für den Karlsruher Ulrich Fischer, nur 22 für den Stuttgarter Frank Otfried July, aber 103 Stimmen für Margot Käßmann. Die Delegierten klatschen, die Bischöfin lacht, es ist vollbracht. Sie ist die einzige, die es im ersten Wahlgang in den Rat der EKD schafft, der am Mittwoch aus seiner Mitte eine Vorsitzende wählt, die nach diesem eindeutigen Signal der Synode nur Margot Käßmann heißen kann.

Die Wahl der Hannoverschen Landesbischöfin zur Nachfolgerin des Berliner Bischofs Wolfgang Huber (67) zeigt, welchem Kulturwandel auch die evangelischen Kirchen unterworfen sind. In Bayern etwa können erst seit 1975 Frauen Pastorinnen werden, in Schaumburg wurde dieser Schritt erst 1991 vollzogen. „Als Maria Jepsen vor zwölf Jahren nach heißen Diskussionen in den Rat gewählt worden ist, blies ein Synodaler noch auf der Posaune: Maria durch den Dornwald ging“, erinnert sich der frühere EKD-Ratsvorsitzende Klaus Engelhardt, der oben auf der Empore die Wahlen verfolgt. Nun stehen mit Käßmann und der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt, die Präses der Synode ist, zwei Frauen an der Spitze der EKD. Es sind zwei Frauen, die sich mögen und auch politisch ähnlich ticken, Wertkonservative mit ökologisch, feministisch-friedensbewegten Akzenten. Das Vertrauen der beiden geht so weit, dass Göring-Eckhardt Käßmann vor der eigenen Wahl fragte, ob nicht ihre eigene Wahl zur Präses die Chancen Käßmanns schmälern würde.

Für Margot Käßmann ist die am Mittwoch bevorstehende Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden der Höhepunkt einer erstaunlichen Karriere, die die Bischöfin bundesweit zu dem Gesicht des Protestantismus gemacht hat: aus den sogenannten kleinen Verhältnissen nach oben. „Du bist einen weiten Weg gegangen von hier bis ins Bischofsamt“, hat kürzlich ein Kollege zu Käßmann gesagt, als die beiden auf dem Gelände der alten Autowerkstatt ihres Vaters in Marburg standen, wo die kleine Margot zwischen Akazien, alten Autoreifen und Hundezwinger gespielt hat. In ihrem Buch „In der Mitte des Lebens“ beschreibt sie, das Vaterkind, selbst ihre Kindheit als schöne, sehr freiheitliche Zeit: „Die Erwachsenen hatten zu tun, sie waren beschäftigt mit Aufbau, Arbeit, Geld verdienen“, schreibt die 1958 geborene Bischöfin. Aber die Eltern hätten „alles“ daran gesetzt, dass ihre drei Töchter Abitur machen konnten.

Auch wenn sie den hessischen Urklang ihrer Sprache längst abgelegt hat, ist Margot Käßmann eine gewisse Bodenständigkeit geblieben, wie die Fähigkeit, konkret zu predigen, anschaulich, mit genauer Beobachtungsgabe. Den ungeheuren Ehrgeiz, den diese junge, attraktive Frau aus Nordhessen mitbrachte, spürten bereits die Studienkollegen, die sie in theologischen Seminaren in Göttingen, Tübingen oder im Evangelischen Studienwerk Villigst erlebten, einem Förderinstitut für besonders Begabte. Als sie 1981 als junge Frau die Evangelische Kirche bei einem Ökumenischen Kongress im kanadischen Vancouver vertreten sollte, fiel sie durch ihre Frische bereits auf, obwohl ihr innerlich manchmal recht mulmig zumute war. Käßmann erinnerte vor der Ulmer Synode selbst an das erste Anschreiben von der EKD, in dem sie aufgefordert wurde, Deutschlands Protestanten auf diesem Weltkongress in Vancouver zu vertreten: „Ich war wahnsinnig beeindruckt und bekam eine Chance, für die ich der Kirche dankbar bin.“ Fünf Jahre Gemeindepfarrerin in Nordhessen, Studienleiterin an einer Evangelischen Akademie, Generalsekretärin des Kirchentages, Bischöfin in Hannover – trotz der erheblichen Widerstände, die sie zu überwinden hatte, ging es stets steil voran auf den Wegen, die der Herr befohlen hat. Daneben hat sie mit Eckhard Käßmann noch vier Töchter großgezogen, von denen die jüngste jetzt kurz vor dem Abitur steht. Und aus jeder Krise, sei es der Krebs, sei es die Scheidung nach 26 Jahren Ehe, ging die Bischöfin gestärkt hervor. „Sie ist das absolute Alphatier“, sagt ein Kollege, der ebenfalls zu dieser Art zählt, von denen es in der evangelischen Kirche aber weniger als Bischöfe gibt. Dass sie mit anderen „Alphatieren“ durchaus in Streit geraten kann, bis sich manchem die Nackenhaare sträuben, ist da kein Wunder. In Hannover, wo sie das halbe Landeskirchenamt duzt, wird sie denn auch schlicht „Die Chefin“ genannt – ein für protestantische Verhältnisse erstaunlicher Kosename.

Zum Schluss eines langen Gesprächs über ökumenische Fragen mit mehreren Bischöfen habe Frau Käßmann einmal alles kurz zusammengefasst und dann die Arbeitsaufträge verteilt („Sie machen dies, Sie das“), berichtet ein katholischer Kollege, der die „patent-zupackende“ Art der Bischöfin schätzt. Sie ist eine Meisterin der klaren Ansage, was die einen als prima, andere als unangenehm empfinden können. Sie, die sich früher gut vorstellen konnte, als Journalistin zu arbeiten, ist bei Medienleuten beliebt, weil sie stets ansprechbar erscheint. Bis zur Wahl am Mittwoch hat sie sich allerdings eine Art Schweigegelübde auferlegt: „Keine Interviews bis Mittwoch.“ Dann wird sie reden, bundesweit versendet und beschrieben. Den Punkt „Einsamkeitsfähigkeit“, den ihr ein Theologieprofessor als Grundvoraussetzung fürs Bischofsamt nannte, habe sie gestrichen, hat Käßmann einmal gesagt. Sie ist gern mit anderen Menschen zusammen ist, lacht mit ihnen, feiert und kann auch lästern.

Ihre Popularität nutzt sie, die wie Martin Luther dem Volk aufs Maul schaut, ausgiebig. Selbst für ein im Internet aufgezeichnetes Gespräch mit dem eigenen Friseur ist sie sich nicht zu schade, weil sie kirchliche Botschaften auch an entfernte Orte bringen will. „Wir haben mit Frau Käßmann jemanden, der in ganz besonderer Weise auch Kirchenfremde ansprechen kann“, sagt der Braunschweiger Bischof Friedrich Weber.

Den Reformprozess, den Wolfgang Huber angestoßen hat, wird sie fortsetzen wie auch den Dialog mit dem Islam. Hier setzt sie sich dafür ein, dass Muslime in Deutschland Moscheen bauen dürfen, erwartet aber auch Toleranz für Christen in islamischen Ländern. Ihre Wahl wirkt selbst wie die vitale Ausgestaltung der „Ökumene der Profile“, von der Huber sprach. Zwei Frauen an der Spitze der EKD, das schafft im Vergleich zu Katholizismus und Orthodoxie ein Alleinstellungsmerkmal. In der Ökumene gehe es schließlich auch darum zusammenzuarbeiten, trotz klarer Differenzen, die man aushalten müsse, hat Käßmann in einem Interview gesagt. „Ich muss doch auch aushalten, wenn sich jemand Seine Heiligkeit nennt.“
Der Titel „Ihre Heiligkeit“ steht in der EKD noch aus.

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