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Niedersachsen Hoher Preis für nazifreie Zone
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22:05 19.12.2011
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Delmenhorst

Tausende Bürger aus der Region hatten zuvor Spenden gesammelt, damit sich die finanzschwache Kommune den Erwerb überhaupt leisten konnte. Heute erinnert in der 75.000-Einwohner-Stadt nichts mehr an diesen bundesweit beachteten Aufstand der Anständigen. Rieger ist inzwischen tot, und dort, wo das umkämpfte Innenstadthotel stand, herrscht gähnende Leere: Im Frühjahr 2009 kamen die Abrissbagger, weil sich kein von der Ratsmehrheit akzeptierter neuer Nutzer finden ließ. Übrig geblieben ist eine simple Wiese. Daran wird sich auch so bald nichts ändern, wie die Stadtverwaltung bestätigt.

Was war das damals für eine Aufregung, als der verschuldete Hotelbesitzer androhte, das 200-Betten-Haus an Rieger zu verkaufen. Der wollte daraus angeblich ein rechtes Schulungszentrum machen. Um das zu verhindern, legten sich Bürger und Politiker mächtig ins Zeug: Fünf Monate lang wurde in der ganzen Region Geld für einen Abwehrkauf gesammelt. Ein Gärtner verkaufte „Biotomaten gegen rechts“, einmal dröhnte rund um die Uhr „Rock gegen rechts“, sogar die CDU lud zu einem „Grillen gegen rechts“.

Am Ende kamen genau 937 607,03 Euro zusammen – eine ansehnliche Summe zwar, aber nicht genug für den geforderten Kaufpreis von drei Millionen Euro. Um trotzdem den Zuschlag zu bekommen, legten die Stadt und ihre Wohnungsgesellschaft GSG zähneknirschend die fehlenden zwei Millionen drauf. Hinterher ließ sich der Preis allerdings noch drücken. So kamen die Delmenhorster mit insgesamt 2,4 Millionen davon – immer noch ein stolzer Preis, verglichen mit dem Verkehrswert von 1,3 Millionen Euro.

Da gehörte der GSG nun plötzlich eine knapp 30 Jahre alte, heruntergekommene Betonburg – aber das Stadtparlament konnte sich trotz eines Ideenwettbewerbs mit 900 Bürgervorschlägen auf keine neue, finanzierbare Nutzung einigen und fand auch keinen allseits akzeptierten Investor, trotz internationaler Ausschreibung. Damit war das Ende des Hotels besiegelt.

Bevor die Abrissbagger kamen, durften sich noch gemeinnützige Einrichtungen bedienen: Waldorf-Kindergärtnerinnen freuten sich über Handtücher und Klapptische, Pfadfinder über Bettdecken und Nachttischbibeln. Auch Polizei und Feuerwehr kamen nicht zu kurz: Sie nutzten das leere Gemäuer für SEK- und Brandübungen.

Der Architekt Günther Feith war einer der Initiatoren der Spendenaktion von 2006. Dass sich der Hotelkauf jetzt zum fünften Mal jährt, ist ihm wie den meisten Delmenhorstern völlig entgangen. „Viel zu feiern gibt es ja auch nicht“, meint der 63-Jährige. Er findet es schade, dass das Objekt der Begierde „so sang- und klanglos abgerissen wurde, ohne etwas daraus zu machen“. Bereut er sein damaliges Engagement etwa? „Um Gottes willen, nein!“

Feith ist auch immer noch davon überzeugt, dass Rieger das Gebäude ernsthaft kaufen wollte und nicht nur vom Hotelbesitzer vorgeschoben wurde, um den Preis in die Höhe zu treiben. „Ich glaube nicht, dass das eine Finte war. Das hatten wir schon damals ziemlich ausgeschlossen.“
Auch Timo Frers, der Sprecher der Stadtverwaltung, hält den Abwehrkauf weiterhin für sinnvoll. „Wir haben damals eng mit dem Verfassungsschutz, der Polizei und dem niedersächsischen Innenministerium zusammengearbeitet und wussten daher, dass wir aktiv handeln mussten.“ Für viele Bürger sei es immer noch „ein positiv besetztes Thema, dass man die Nazis fernhalten konnte“. Frers: „Das hat die Delmenhorster zusammengeschweißt und ein wichtiges Zeichen gesetzt.“

Eckhard Stengel