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Niedersachsen HAZ-Glosse: Was ist schon wirklich?
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HAZ-Glosse Aus meinem Papierkorb: Was ist schon wirklich?

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13:00 28.11.2020
Michael B. Berger
Michael B. Berger Quelle: HAZ
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Es gibt Meldungen, die lassen einen aufschrecken. Etwa diese Polizeinotiz aus dem Schaumburgischen. Dort haben Diebe aus einer Drogerieauslage in Rodenberg 20 Rollen Toilettenpapier gestohlen. „Die Not der vier Diebe muss besonders groß gewesen sein“, erklärte ein Polizeisprecher dazu. Heißt es nicht richtig: Not lehrt beten? Die Täter hätten das Toilettenpapier aus einer Schaufensterauslage entwendet und in einen Kleinlaster gepackt. Sie seien allerdings aufgeflogen, weil sich Passanten das Kennzeichen des Kleinlasters notiert hätten. Wir fragen uns: Wie dumm muss man eigentlich sein, um wegen 20 Rollen Toilettenpapier die bürgerliche Existenz zu vernichten? Und wie groß muss die Not denn wirklich gewesen sein? Oder wollten die vier ihre Notdurft nur in gesitteter Weise verrichten, um nicht als Erregung öffentlichen Ärgernisses unter die scharfen Bestimmungen der jüngsten Corona-Verordnung zu fallen? Fragen über Fragen.

Unser guter Corona-Onkel Weil

Fragen über Fragen klärt in diesen Wochen auch unser Ministerpräsident Stephan Weil, der als guter Corona-Onkel durch die Talkshows zieht und von keinem Bildschirm mehr wegzudenken ist. Endlich hat die Politik mal ein Thema, das jeder versteht: die Aha-Regeln als Erweckungserlebnis. Dabei hat doch die Sprache des Maßregelvollzugs Eingang in die politische Diskussion gefunden, reden wir von neuen „Einschränkungen“ und träumen von „Lockerungen“ für die angebliche Mutter aller Feste, für Weihnachten. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – bald steht der Schutzmann vor der Tür ...

Endlich keine Betriebsfeiern zu Weihnachten

Aber wir wollen nicht klagen, sondern diese Corona-Tage in vollen Zügen genießen. Natürlich nur im übertragenen Sinn, denn nur die Fensterplätze im ICE sollen besetzt werden. Aber Corona bietet auch Vorteile: Endlich allein Fahrstuhl fahren im Pressehaus, ohne peinliche Gespräche im Lift, endlich durch entleerte Innenstädte schleichen dürfen ohne den Geruch von Bratwurst, Glühwein oder die Melodie von „Jingle bells“ in den Ohren – das ist doch herrlich. Und endlich die Adventszeit genießen ohne betriebliche Weihnachtsfeiern. Und Silvester ohne Böllerei. Was will der Mensch mehr?

Was wird aus Nostradamus Lauterbach?

Aber, ernste Frage, werden wir uns wirklich wieder gewöhnen können an ein Leben ohne Mund-Nasen-Bedeckung, Abstandsregeln und die täglichen Predigten von Nostradamus Lauterbach? Ohne den bangen Blick auf die neueste Bußgeldverordnung? Ohne den NDR-Livestream aus dem Corona-Krisenstab? Und was machen die angeblichen Querdenker (eigentlich ein schönes Wort) ohne ihren törichten „Widerstand“ gegen die bloße Vernunft? Fragen über Fragen. Ausgerechnet in derart fragilen Zeiten erreicht uns die frohe Kunde: Christian und Bettina W. seien wieder ein Paar. Wirklich? Aber was ist heute schon wirklich, wo wir alle des Wahnsinns fette Beute zu sein scheinen?

Ein fröhliches Wochenende!

Von Michael B. Berger