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Niedersachsen Vom Söder zum Sünder
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HAZ-Glosse Aus meinem Papierkorb: Vom Söder zum Sünder

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17:12 15.08.2020
Michael B. Berger Quelle: HAZ
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Beim nächsten fränkischen Karneval wird Markus Söder wohl als reuiger Sünder auftreten müssen und sich mit genussvollem Lächeln selbst geißeln. Ausgerechnet ihm, dem Macho und Macher, dem scheinbar unbezwingbaren Fürst der Bajuwaren und selbst ernannten Bezwinger der Laschets und der Viren, musste das passieren. 900 Leute bei der Einreise nach Bayern positiv getestet und dann in alle Teile Deutschlands entlassen, weil die Behörden des Freistaates nicht nachkamen bei der Versendung der handschriftlich gemachten Notizen. (Hoffentlich nicht in Sütterlin.) Laptop und Lederhose, das war gestern. Luschig und Lederhose müsste es wohl heißen. Immerhin hat Söder, der Großartige, seiner Gesundheitsministerin tief in die Augen geblickt und dann versichert, sie habe die psychische Stärke, die man brauche, um eine Krise zu bewältigen. Vielleicht wird Erzherzog Markus, das Großmaul, jetzt aweng bescheidener. Noch gilt: Hochmut kommt vor dem Fall.

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Leere Kirchen, leuchtende Bildschirme

Apropos Laptop. Das ist jetzt der Übergang zur evangelischen Kirche, der ein gewaltiger Mitgliederschwund droht. Reine Onlinegemeinden, das wäre vielleicht die Lösung. Digitalisierung total. Leere Kirchen, aber leuchtende Bildschirme. „Dies ist mein Leib“ einmal anders. Anders Amen eben. So nennt sich der Kanal des munteren Lesben-Pastorinnenpaares Radtke aus dem Örtchen Eime bei Hildesheim, das mittlerweile 10 000 Abonnentinnen und Abonnenten auf youtube hat, und nicht nur in Talkshows, sondern auch auf Facebook gefeiert wird. Die beiden, Ellen und Stefanie, lassen sich eine ganze Menge einfallen, um junge Menschen zu begeistern, berichtet der evangelische Pressedienst. In ihren Videos „gehen die Radtkes etwa mit dem Ortsbürgermeister wandern, besuchen einen Drive-In-Gottesdienst oder diskutieren auch schon mal über Penis-Größen“. Aktivschaum vom Feinsten.

Das, ohne Frage, hebt sich doch merklich ab vom gewöhnlichen Verkündigungsdienst der Kirche. Von dem ganzen Gesumms um Tod und Auferstehung. Macht nur schlechte Laune. Und nichts ist so heilig in unserer verdammt unheiligen Welt wie die Jugendlichkeit. Jugendliche kriegen, egal wie – das ist die Zukunft. Für die Kirchen, die Parteien, die Medien. Und ein Endlager für Hölderlin oder die verdammt langen Sätze Thomas Manns wird auch noch gefunden ...

Hanseat aus Osnabrück

Und sonst? Hat die SPD doch tatsächlich einen Kanzlerkandidaten gefunden, dem nichts Messianisches anhaftet wie einst Martin Schulz, aber der doch ordentlich regieren kann und wie ein Hamburger Hanseat wirkt, obwohl er in Osnabrück geboren wurde. Von Schulz zu Scholz – das ist der Übergang von der Mondlandung zur Wattwanderung. Naja, bei der kann man mit etwas Glück und entsprechend Niedrigwasser auch den Mond sehen, wenn man nicht im Priel versinkt. Entscheidend wird sein, wie Scholz den Mond besingt, auf den ihn einige verdrossene SPD-Linke immer noch schießen wollen. Merke: Nicht der Kandidat ist das Problem, sondern eine Partei, die erst dann glücklich zu sein scheint, wenn sie an ihren Kandidaten leiden kann... Halleluja.

Von Michael B. Berger