Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Niedersachsen Grotelüschen immer stärker unter Druck
Nachrichten Politik Niedersachsen Grotelüschen immer stärker unter Druck
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:30 18.08.2010
Von Michael B. Berger
Verteidigungsbereit: Niedersachsens Agrarministerin Astrid Grotelüschen bei der Landtagsdebatte am Mittwoch in Hannover.
Verteidigungsbereit: Niedersachsens Agrarministerin Astrid Grotelüschen bei der Landtagsdebatte am Mittwoch in Hannover. Quelle: dpa
Anzeige

„Sie haben“, ruft der neue SPD-Fraktionsvorsitzende Stefan Schostok mit schneidiger Stimme, „einen wirklich fatalen Schlusssatz gesprochen.“ Und als Schostok den angeblich verräterischen Satz fortführt, heulen die versammelten Vertreter der Regierungsparteien im Niedersächsichen Landtag geradezu auf: „Wir brauchen keinen Tierschutz.“ Das Aufheulen der Regierung ist an diesem Mittwoch verständlich, denn der zitierte Satz ist unvollständig. „Wir brauchen keine sogenannten Tierschützer wie Peta“, hatte zuvor Ministerin Astrid Grotelüschen gesagt. Da indes hatten die versammelten Vertreter der Oppositionsparteien aufgeheult.

Obwohl das wechselseitige Aufheulen der Parteien zur festen parlamentarischen Gewohnheit gehört, hat es Astrid Katharina Josefine Grotelüschen wirklich schwer. Die Nachrichtenagenturen veröffentlichen am 114. Tag ihrer Amtszeit im Niedersächsischen Landeswirtschaftsministerium Fotos, in denen die erste Frau in diesem Amt sich kratzt, ans Auge fasst oder gequält guckt, um den Druck deutlich zu machen, unter dem die verhältnismäßig unerfahrene Politikerin seit zehn Tagen steht – ein Nervenkrieg mit Puten und Faxen.

Die 45-Jährige befindet sich im Zentrum einer Kampagne, entfacht durch nächtliche Aktionen der Tierrechtler von Peta in zwei mecklenburgischen Tierställen, die im April wie auch im Juli dieses Jahres stattfanden. Peta steht für „People for the Ethical Treatment of Animals“ und fordert, Tiere genauso zu behandeln wie Menschen – sie also nicht zu essen, zu quälen oder in Massen zu halten.

Für die Massentierhaltung bei gleichzeitiger Einhaltung des Tierschutzes ist seit dem 27. April dieses Jahres Grotelüschen zuständig. Doch seitdem Peta Bilder von verwesten, sterbenden oder stark ramponierten Puten veröffentlicht hat, die in zwei Ställen aufgenommen worden sein sollen, die mit der Firma von Astrid Grotelüschens Mann eng zusammenarbeiten, hat die Ministerin ein Problem – ein Darstellungsproblem. Schon wenn sie das Wort „Tierschutz“ in den Mund nimmt, fühlen sich Oppositionspolitiker zum Aufschrei ermuntert. Für die Regierung ist das, keine Frage, zum Heulen.

Mittwoch im Landtag hatte der Grünen- Abgeordnete Christian Meyer seinen Auftritt – als eine Art Enthüller. „Ich habe hier drei Faxe mit den eidesstattlichen Versicherungen von drei Ministern“, sagte Meyer. Sein Versprecher war symptomatisch, denn er sagte „Minister“, meinte aber „Mäster“. Das Interessante war weniger der Gehalt der eidesstattlichen Erklärungen, in denen die Putenmäster versicherten, nichts mit verwesten oder „massenhaft verletzten“ Tieren zu tun zu haben, sondern eine der Faxnummern, die sich auf den Schreiben befanden: „Das ist die persönliche Faxnummer der Ministerin.“

Sollte dies zutreffen, dann sei der Verdacht bestätigt, dass die Ministerin an einer „Vertuschungsaktion“ beteiligt sei, folgerte der Grüne und tat so, als redete er Grotelüschen ins Gewissen: „Sind sie die Cheflobbyistin ihres Mannes oder Ministerin dieses Landes?“, fragte Meyer: „Wir erwarten eine Erklärung, hier und heute.“

Die Ministerin, die seit Tagen erklärt, seit April überhaupt nichts mit der Firma ihres Mannes zu tun zu haben, verzichtete auf eine konkrete Erwiderung zu den Faxen. Dafür versuchte sich der Abgeordnete Hartmut Möllring (CDU), im Hauptberuf Finanzminister, an einer: „Ist ihnen bekannt, dass mehrere Familienmitglieder mitunter dasselbe Faxgerät benutzen?“, fragte Möllring, dessen Sohn ein Grüner ist, „ohne dass Sie mir vorwerfen müssten, mich in die grüne Jugendpolitik eingemischt zu haben.“

Doch für derart feine Ironie ist Niedersachsens Landtag an diesem Mittwoch nicht der Ort. In der Lobby bietet ein Cateringservice wahlweise Würstchen oder „Omas Buletten“ mit Kartoffelsalat an, im Plenarsaal wollen Grüne, Linke und die SPD – um im Terminus der Nutztierhaltung zu sprechen – die Ministerin schlachten. Sie wetzen jedenfalls rhetorisch weiter die Messer. „Woher kommen die Faxe?“, rufen sie, als die Ministerin mit fester Stimme betont, sie habe sich überhaupt nichts vorzuwerfen.

Nachdem sie von Fernsehreportern die Bilder mit den verletzten Puten gezeigt bekam, habe sie umgehend das Landwirtschaftsministerium in Schwerin über die angeblichen Missstände informiert – am 4. August, fünf Tage bevor „Report Mainz“ die Bilder ausstrahlte. Die Schweriner Behörden hätten bei Stallkontrollen jedoch nichts gefunden. Zudem habe ein Tierarzt der Tierärztekammer, der in der Sendung als eine Art Kronzeuge gegen Grotelüschen erschien, wenig später erklärt, er sei da „über den Tisch gezogen worden“. Er habe nur etwas Grundsätzliches über die gezeigten Bilder gesagt, jedoch nichts über die Ministerin Grotelüschen.

„Und wenn Sie, meine Damen und Herren von der Opposition, schon von Moral und Ethik sprechen, dann richten Sie ihr Augenmerk doch einmal auf Peta selbst“, forderte die Ministerin. So seien einige der aufwühlenden Bilder bereits im April aufgenommen worden. Warum hätten „die sogenannten Tierschützer“ sich dann nicht früher an die Behörden oder an die Polizei gewandt?

Auch die Vertreter der Regierungsparteien, in der Sorge um die moralische Lufthoheit in dieser Frage, stellen am Mittwoch immer wieder die Integrität der Tierrechtler von Peta infrage. „Das, was hier gemacht wird, kann ich nur mit einem Wort bezeichnen: Das ist eine Schmutzkampagne“, donnert der junge FDP-Abgeordnete Jan-Christoph Oetjen: „Frau Grotelüschen ist für die Zustände in Mecklenburg-Vorpommern gar nicht zuständig, sondern ihr SPD-Kollege Till Backhaus.“ Als Oetjen, von Beruf selbst Bauer, sich über die Fachkompetenz der SPD-Agrarpolitiker lustig macht, die nichts von selbstständigen Landwirten und dem Sinn von Erzeugergemeinschaften verstünden, bekommt er von den Regierungsparteien donnernden Applaus. „Ich bin erschüttert, mit welchem Stil hier agiert wird“, sekundiert der CDU-Abgeordnete Karl-Heinrich Langspecht: „Wo sind konkret die Rechtsverletzungen? Ist doch völlig belanglos, von wo etwas gefaxt wird. In welcher Welt leben wir denn?“

Da die gesamte „Affäre“ sich in der politischen Welt abspielt, hat am Mittwoch niemand dem Abgeordneten Langspecht geantwortet. Grotelüschen selbst, die sich am Mittwoch ausgesprochen kampfeslustig zeigte, ist entnervt, dass ihre Familie und der Betrieb ihres Mannes in die allgemeine Auseinandersetzung um die Massentierhaltung gezogen werden, die nicht nur die Tierrechtler von Peta immer wieder entfachen. Aber dass diese Debatte immer unduldsamer geführt wird, zeigt auch die Morddrohung, die am Dienstag bei der CDU-Fraktion eintrudelte. „Weg“ müsse die Ministerin, schrieb da ein Anonymus und setzte die Politikerin in ein Fadenkreuz. Auch wegen dieser Drohung haben sich die Reihen der CDU-Fraktion um die 45-jährige Ernährungswissenschaftlerin aus Großenkneten geschlossen, obwohl sie mit einigen ungeschickten Äußerungen selbst zu dem Wirbel beigetragen hat.

Die Sprache des Tierschutzes, so viel wird deutlich, spricht sie noch nicht, auch wenn sie am Mittwoch beteuert hat, wie ernst ihr Ministerium konsequente Kontrollen in den Betrieben nehme. Aber leichter gehen ihr Worte wie das von der „Veredelung“ über die Lippen, „die Wertschöpfung, Arbeitsplätze und die Rohstoffversorgung der stärksten Ernährungswirtschaft Deutschlands“ garantiere. Gesunde Lebensmittel dem Verbraucher preiswert zu liefern – das war jahrelang Grotelüschens Job als Geschäftsführerin der familieneigenen Putenkükenbrüterei. Nun steht sie vor ganz anderen Aufgaben. „Sie müssen endlich ankommen in ihrem Amt, dass Sie für vieles andere mehr in die Pflicht nimmt“, sagte am Mittwoch die SPD-Abgeordnete Andrea Schröder-Ehlers. Und das klang, trotz aller Kontroversen, für einen Moment sogar ehrlich gemeint.

Mehr zum Thema

Gegen die niedersächsische Agrarministerin Astrid Grotelüschen ist eine Morddrohung per Post bei der CDU-Landtagsfraktion eingegangen. Seit Tagen gibt es heftigen Streit um die familieneigene Mastputen-Brüterei der Agrarministerin.

18.08.2010

Grotelüschens familieneigene Mastkükenbrüterei steht unter heftiger Kritik: Tierschützer kritisieren Geschäftsbeziehungen des Unternehmens zu Putenmast-Betrieben in denen Tiere gequält worden sein sollen. Die Opposition wirft den Koalitionsfraktionen „Ablenkungsmanöver" im Fall Grotelüschen vor.

17.08.2010

Befangen in ihrem Amt als Landwirtschaftsministerin - diese Auffassung hat die niedersächsische SPD von Astrid Grotelüschen. Die Linke fordert gar den Rücktritt der Ministerin. Ministerpräsident McAllister hegt hingegen keinen Zweifel an der Kompetenz seiner Parteikollegin.

13.08.2010