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Niedersachsen Ein Dorf ganz ohne Handyempfang – wie kann das sein?
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19:00 01.01.2020
Leben im Funkloch: Touristen schätzen die Ruhe im kleinen Ort Lage in der Grafschaft Bentheim – und vermissten doch bald den Handyempfang. Quelle: Julia Rathcke
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Lage

Dass sie ihr Handy gleich wieder wegstecken können, ist das erste, was Horst Dudeck seinen Gästen verklickert. Wenn sie ihm endlich gegenüberstehen. Die meisten Touristen, erzählt der Gastwirt, kämen zwar durchaus geplant nach Lage, in diesen kleinen, malerischen Ort im äußersten Westen Niedersachsens nahe der niederländischen Grenze, aber nicht unbedingt zu einer geplanten Uhrzeit. So stehen sie meist vor seinem Ferienhaus, ohne Handyempfang, ohne Plan, klingeln irgendwann bei den Nachbarn, die Dudeck dann mit dem Festnetztelefon anrufen, ihn aber nur erreichen, wenn er nicht gerade unterwegs ist.

„Das Smartphone kann man hier vergessen“: Horst Dudeck erklärt seinen Gästen im Fiets Inn in Lage als Erstes, dass sie ihr Mobiltelefon in der Tasche stecken lassen können. Quelle: Julia Rathcke

Lage lebt ohne Handynetz. Die 1000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Grafschaft Bentheim ist ein weißer Fleck auf der Mobilfunkkarte, ein Ort ohne Anschluss. Das weiß das Breitband-Kompetenzzentrum, eine vom Land finanzierte Einrichtung, die seit 2008 den Ausbau von schnellem Internet und Mobilfunk begleitet. Das weiß auch der Landkreis, der die Gemeinde in ihren Bemühungen politisch unterstützt, dass in Lage endlich Funkmasten errichtet werden. Und das weiß jeder, der Lage besucht.

Während die einen endlich ein flächendeckendes 5G-Netz fordern, gibt es in Deutschland nach wie vor Gebiete, in denen mobiles Telefonieren und Surfen nicht möglich ist. Allein in Niedersachsen sind es etwa 100, darunter Autobahnen, Zugstrecken und Wälder, aber auch besiedelte Gebiete. Das eine Milliarde Euro teure Mobilfunkpaket, das die Bundesregierung Mitte November auf dem Digitalgipfel in Meseburg beschlossen hat, verspricht Besserung. Warum aber gibt es noch Orte ohne jeden Empfang? Wie schnell geht der Ausbau voran? Und: Wie lebt es sich im Funkloch?

„Entdecke die Langsamkeit“

Nur 500 Meter sind es am Ortsrand von Lage bis in die Niederlande. In der Grafschaft Bentheim, dem südwestlichsten Zipfel Niedersachsens, ist Lage umgeben von 25 Gemeinden – die Kreisstadt Nordhorn mit ihren 53.000 Einwohnern erreicht man mit dem Auto in einer guten Viertelstunde. Naturschutz-, Moor- und Heidegebiete erstrecken sich hier, große Teile sind landwirtschaftlich geprägt. Die Dinkel und die Vechte dümpeln vor sich hin Richtung Ijsselmeer. „Erholung mit Erlebniswert“, so vermarktet die Tourismusbranche die Grafschaft, „Entdecke die Langsamkeit“. Lage ist Grenzgebiet, aber keineswegs Hinterland.

Für Touristen nämlich kann es nicht schnell genug gehen mit dem Wlan-Zugang, sagt Gastwirt Horst Dudeck. 1000 bis 1500 Übernachtungen pro Jahr verzeichnet er im „Fiets Inn“, seinem 300 Jahre alten, top modernisierten Fünf-Sterne-Ferienhaus. Radfahrer, Wanderer, Kegelclubs, Familien kehren ein. „Gibt es hier kein Netz?“, fragten sie entsetzt, „nicht mal ein bisschen?!“ Dudeck lebt vom Tourismus und er lebt von Internet und Mobiltelefon. Wer ihn nicht findet, bucht ihn nicht, und wem er zu spät antwortet, der bucht woanders. „Das Smartphone kann man hier vergessen“, sagt Dudeck. „Endlich mal ohne Handy“, das höre er schon manchmal, „und dann dauert es keine Stunde, bis sie auf die Dinger schauen und enttäuscht sind, weil sie keine Nachrichten bekommen haben“.

Trotz allem ein lebendiges Dorf

„Die Gemeinden müssen mithalten“: Bürgermeister Hindrik Bosch. Quelle: Julia Rathcke

Früher gab es hier mehr Kneipen als Leute. Heute gibt es nicht einmal mehr ein Restaurant im Ort, die einzige Imbissbude schließt bald altersbedingt. Trotzdem spricht Bürgermeister Hindrik Bosch von einem „lebendigem Dorf“. Es gibt eine Grundschule, einen Kindergarten, eine eigene Feuerwehr, einen Fußball- und einen Schützenverein. Die Burgruine, die alte Wassermühle und die historische Eichenallee sind Hotspots in Lage. Noch lieber hätte Lage Wlan-Hotspots. Und eben Mobilfunknetz.

Wenigstens zu Hause schnelles Internet

Angeschlossen an das superschnelle Internet werden die meisten Häuser hier immerhin. Orangefarbene Kabel ragen vor fast jedem Gebäude aus dem Boden, in den Buchsbäumen der Vorgärten stecken blaue Schilder: „Wir sind dabei – Deutsche Glasfaser“. Dafür hat die Gemeinde nicht nur einige Millionen Euro investiert, sondern auch viel Zeit und Mühe. Die Verwaltung verhandelte mit Deutsche Glasfaser, ein Telekommunikationsunternehmen, das sich auf den Ausbau ländlicher Gebiete spezialisiert hat. Da Lage kein Gewerbestandort ist, war die Bedingung, dass mindestens 40 Prozent aller Privathaushalte einen Zweijahresvertrag für einen Internet- und Festnetzanschluss abschließen. Es wurden mehr als 70 Prozent.

„Wir sind dabei!“: Viele Lager haben wenigstens zu Hause schnelles Internet. Weitere Häuser werden angeschlossen. Quelle: Julia Rathcke

Die Digitalisierung als Komfortversprechen, das wissen auch ländliche Gemeinden, ist unaufhaltsam. Das gilt für das bequeme Streamen der Lieblingsfilme genauso wie für den entbürokratisierten Online-Bürgerservice der Rathäuser. „Die Gemeinden müssen mithalten“, sagt Bürgermeister Bosch. Sie dürfen nicht untergehen, sie müssen mit der Masse schwimmen. Gerade im Kampf gegen die Landflucht.

Der Traum vom Einfamilienhaus ist in Orten wie Lage noch bezahlbar, ein Rückzug für junge Menschen aus den Ballungsgebieten zwischen Münster und Osnabrück attraktiv. „Aber was nützt es, wenn man sich hier nicht vernetzen kann?“, sagt Holger Speeth. Er ist Architekt, junger Familienvater und selbst vor ein paar Jahren hergezogen. Um von seinem Büro im Haus aus arbeiten zu können, war er einer der ersten, die sich für einen Glasfaseranschluss meldeten. Er zahlt dafür 79 Euro im Monat. Kundengespräche außerhalb des Hauses? Nicht möglich. Wenn er mal Netz habe, dann niederländisches.

Kein Empfang – keine jungen Menschen

„Wo es keinen Empfang gibt, gibt es keine jungen Menschen“: Lage ist schön, Touristen schätzen die Ruhe. Aber es fehlt der Handyempfang. Quelle: Julia Rathcke

„Wo es keinen Empfang gibt, gibt es keine jungen Menschen“, sagt Gastwirt Dudeck. Früher habe man sich zum Mopedfahren verabredet oder zum Angeln. „Heute treffen sich Teenager da, wo Wlan ist.“ Der Sohn seiner Angestellten hat sich kürzlich ein teures, neues Hand gekauft, weil er glaubte, der schlechte Empfang liege am Gerät. Er trifft seine Freunde fast ausschließlich im Gartenhaus – wo ein extra Router installiert ist. „Und selbst die Älteren, die immer sagen ‚ich brauche kein Handy‘ haben ja mittlerweile ein Handy“, meint Dudeck.

Am Ortseingang gibt es eine moderne 24-Stunden-Tankstelle mit Selbstbedienung. Nur nutzen kann sie kaum jemand, weil die Kartenzahlung von der Internetverbindung abhängig ist. Am Tante-Emma-Laden im Ortskern hängt eine Stellenausschreibung. Die „Backbar“ sucht Konditor/innen, Verkäufer/innen und Fahrer/innen, „jetzt bewerben“, steht da, „der QR-Code generiert Ihre Bewerbungsemail“. Sehr innovativ, nur funktioniert auch das nicht ohne Empfang. Ebenso die QR-Codes auf den Radwegen, wo sich Touristen die Routen direkt aufs Handy laden könnten – gäbe es Netz.

Drei Anbieter in Deutschland

Der Markt

Den Mobilfunkmarkt teilen sich die drei großen Telekommunikationsanbieter: Vodafone, Telekom und Telefónica Deutschland. Letzterer entstand 2014 durch die Übernahme von E-Plus durch O2. Insgesamt verwalten sie mehr als 140 Millionen Mobilfunkverträge in Deutschland. Beim Mobilfunkgipfel im Sommer 2018 haben die Anbieter mit der Bundesregierung vereinbart, bis zum 1. Januar 2020 98 Prozent aller Haushalte mit 4G zu versorgen und damit Versorgungslücken zu schließen. Außerdem wurde in Zusammenarbeit mit der Bundesnetzagentur eine Funklochkarte entwickelt, die Anfang November 2019 veröffentlicht wurde. Mehr als 160.000 Nutzer haben dafür über ein Jahr lang per App ihre jeweilige Netzqualität bewertet. Kommunen kritisierten die „Funklochkarte“ als ungenau und fehlerhaft, da sie ausschließlich auf Daten von Nutzern mit völlig unterschiedlichen Mobilverträgen basiert.

Die Lizenzen

Die Bundesnetzagentur reguliert den Mobilfunkmarkt in Deutschland. Die Behörde soll Chancengleichheit und Wettbewerb sichern. Dazu gehört auch die Vergabe von Mobilfunkfrequenzen. Im vergangenen Sommer wurden die Lizenzen für die leistungsstarken 5-G-Frequenzen vergeben – die Auktion erstreckte sich über 497 Runden in 12 Wochen. Vier Bieter sicherten sich die Frequenzen für knapp 6,6 Milliarden Euro. Am meisten zahlte die Deutsche Telekom mit rund 2,17 Milliarden Euro, gefolgt von Vodafone mit 1,88 Milliarden Euro und Telefónica mit 1,42 Milliarden Euro. Neueinsteiger Drillisch zahlte 1,07 Milliarden Euro, hat bisher kein eigenes Netz und nutzt die Antennen der Konkurrenz.

Der Ausbau

Die Entscheidungsfindung, wo und wann Funkmasten aufgebaut werden, liegt allein bei den Netzbetreibern. Es gibt keine staatlichen Vorgaben. Die Anbieter könnten zwar Standortfindungsprozesse erleichtern, heißt es aus dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium, „die Entscheidung zur Versorgung trifft letztlich immer der Netzbetreiber selbst“. Ein Mobilfunkmast kostet um die 250.000 Euro, der Preis variiert je nach Standort. Nicht immer muss ein Funkmast gebaut werden, häufig werden hohe Gebäude genutzt, Aussichtspunkte oder auch Silos in ländlichen Gebieten. Vodafone hat nach eigenen Angaben 25.000 Standorte in Deutschland, nur zehn Prozent davon seien Funkmasten. Die Telekom investiert nach eigenen Angaben jährlich bis zu 5 Milliarden in den Netzausbau. Zahlen zu einzelnen Standorten oder Umsätzen veröffentlichen sie „aus wettbewerbsrechtlichen Gründen“ nicht.

Es ist nicht so, als hätte Bürgermeister Bosch nicht selbst genug Grund, sich dafür einzusetzen. Auch als Landwirt hinkt man hinterher. „Ab 50 Kühen läuft auf Bauernhöfen alles nur noch digital“, sagt Bosch. Mithilfe eines speziellen Halsbandes werten Landwirte heute aus: War die Kuh an der Futterbox? Hat sie wiedergekäut und wenn ja wie lange? Wie viel Milch hat sie produziert? Selbst wann eine Kuh brunftig ist, kann per App aufs Handy gemeldet werden. „Kühe haben keine Namen mehr, sondern Transpondernummern“, sagt Bosch. Auch deshalb brauchen sie hier Anschluss. Bosch hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder an die Samtgemeinde gewendet, an den Deutschen Städtetag, an den Städte- und Gemeindebund, an das Breitbandkompetenzzentrum, an das Landeswirtschaftsministerium und an Mobilfunkanbieter. Zwei konkrete Standorte für Funkmasten haben sie geprüft und dem Kompetenzzentrum vorgeschlagen. „Es mangelt an Betreibern, die bereit sind zu investieren“, glaubt Bosch.

Die Grenznähe ist ein Problem

Peer Beyersdorff, Geschäftsführer des Breitbandkompetenzzentrums, weiß um die Not der Gemeinde. Die gemeldeten Standorte für einen Funkmast würden von den drei großen Netzbetreibern (Telekom, Vodafone und Telefónica) noch geprüft. Allerdings sei die Grenznähe ein großes Problem für die Mobilfunkanbieter. „Die Bundesnetzagentur gibt vor, wie weit Funkmasten an Nachbarländer ausgerichtet werden dürfen“, sagt Beyersdorff. „Das wurde bis vor Kurzem sehr restriktiv gehandhabt.“ Das sagt auch die Telekom auf Anfrage. Der Aufbau eines Mobilfunkstandorts in Lage wäre außerdem eigentlich nicht wirtschaftlich, heißt es. Es gebe aber die Aktion „Wir jagen Funklöcher“, an der sich Lage beteiligt. 50 Gemeinden können eine Mobilfunkantenne der Telekom gewinnen, Einsendeschluss war der 30.11.2019.

Finden Sie hier: Alle Funklöcher in Niedersachsen

Telefónica Deutschland weist darauf hin, dass man Lage über einen Funkmasten in der Nachbargemeinde mitversorge – mit dem veralteten 2G-Netz. In Nordhorn und Wietmarschen (je 20 Kilometer entfernt) gebe es außerdem LTE-Stationen. Weitere seien „in Planung“. Vodafone erklärt: „Wir sehen die gesamte Grafschaft Bentheim gut versorgt.“ Auch die Grenznähe sei kein Problem, es gebe bilaterale Absprachen mit den Niederlanden. 99 Prozent der Vodafone-Kunden in Lage hätten Mobilfunknetz über drei Stationen der Nachbarorte. Es gebe bloß eine andere Wahrnehmung. „Das kann daran liegen, dass Kunden gar keinen LTE-Vertrag haben“, sagt ein Vodafone-Sprecher.

5000 neue Funkmasten hat die Bundesregierung bis 2024 versprochen. Welche und wie viele Orte in Niedersachsen damit rechnen können, ist noch unklar. Bis zu zwei Jahre kann der Bau eines Funkmasten dauern. Horst Dudeck druckt die Radrouten seinen Feriengästen also weiterhin auf Papier aus. Bürgermeister Hindrik Bosch kümmert sich vorerst persönlich um seine Kühe. Und die ganze Gemeinde jagt Funklöcher fürs Gewinnspiel der Telekom. Ob einer von 50 oder einer aus 5000, „ein einziger Funkmast würde uns ja reichen“, sagt Bosch.

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