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Niedersachsen Ewa Klamt: Die spätberufene Politikerin
Nachrichten Politik Niedersachsen Ewa Klamt: Die spätberufene Politikerin
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19:09 15.09.2010
Von Michael Grüter
Ewa Klamt
Ewa Klamt Quelle: Handout
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Ewa Klamt ist eine lebhafte Frau. Wenn die Gifhorner CDU-Politikerin erzählt, gestikuliert sie heftig. Ihr Oberkörper schnellt vor und zurück und bringt das schwarze Haar zum Schwingen. Immer wieder streicht sie eine Strähne zurück. So lebhaft wie die Frau sind auch ihre Erinnerungen an jenen Abend Ende April, als der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff sie anrief.

Ob sie gut sitze, habe er gefragt und ihr dann gesagt: „Ab morgen bist du drin im Bundestag.“ Er werde sein Kabinett umbilden und die Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen nach Hannover holen. Sie, Klamt, sei als Nachrückerin der CDU-Landesliste an der Reihe. „Das war ein doppelter Salto rückwärts“, erinnert sich Klamt an den Schrecken, der ihr durch die Glieder fuhr. „Aber ich habe mich gefreut.“

Denn im Herbst 2009 hatte sie den Sprung in den Bundestag verfehlt. Der frühere SPD-Generalsekretär Hubertus Heil hatte für seine Partei den Wahlkreis gewonnen. Und die CDU-Landesliste „zog“ nur bis Listenplatz zwölf, sie hatte Platz 15. Klamt, die zuvor zehn Jahre als Abgeordnete des Europaparlamentes tätig war, begrub ihre Hoffnungen. Die Mutter von vier erwachsenen Kindern wähnte sich schon im Ruhestand. Eine vierwöchige Reise an die Ostsee mit dem Ehemann war geplant. „Hei, du kannst ja auch die Gartenbank hellblau streichen“, habe sie sich gesagt: „Du hast ja Zeit.“

Die Gartenbank muss warten. Klamt ist im Mai nach Berlin gekommen, als sich die Stimmung in der Regierungskoalition dem bisherigen Tiefpunkt genähert hatte. Die Gifhornerin brachte den Ärger der enttäuschten Wähler mit, den sie auch selbst empfand. „Hallo, was geht denn hier ab?“, habe sie gefragt. Warum denn jede Übereinkunft zerredet werde, ob es denn keine Absprachen gäbe? Mit ihren Fragen sei sie auf offene Ohren gestoßen.

Auf ihrer ersten Fraktionssitzung ging es um die Hilfe für Griechenland, eine Woche später sei das Euro-Rettungspaket geschnürt worden – eine Situation, für die es kein Vorbild gegeben habe. Selbst in solchen außerordentlichen Stresszeiten habe die Kanzlerin diszipliniert an jeder Fraktionssitzung teilgenommen, sagt Klamt, erkennbar beeindruckt. Geduldig stehe Merkel jedem Abgeordneten Rede und Antwort. Das laufe alles persönlicher und direkter ab, als sie es aus dem Europaparlament kenne.

Die Übersetzerin und Lehrerin ist erst im Alter von 40 Jahren politisch aktiv geworden, als die eigenen Kinder aus dem Gröbsten raus waren. Sie habe durch Vertretung eigener Interessen in einem Dozentenbeirat der Volkshochschule zur Kommunalpolitik gefunden und sich für die CDU entschieden. Dort legte sie sich mit dem damaligen Fraktionsvorsitzenden an und setzte sich durch. Ihre Lehre aus jenen Tagen lautet: „Die Wähler schätzen es, wenn man nicht strom­linienförmig ist, sondern zu unbequemen Einsichten steht, auch wenn man zeitweise alleine ist.“

In Berlin wurde Klamt von der Fraktion in den Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologie entsandt. Ihr sei aufgefallen, dass der Gifhorner Wahlkreis bei dem Forschungsetat nicht zum Zuge komme, anders als die Regionen in den Nachbarschaft. Auf ihrer Sommertour versäumte sie es nicht, Unternehmen auf die Fördertöpfe des Bundes aufmerksam zu machen. Sie wisse, welcher Papierkram damit verbunden sei. Doch der Aufwand lohne sich.