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Niedersachsen Die Castor-Halle wird noch 30 Jahre gebraucht
Nachrichten Politik Niedersachsen Die Castor-Halle wird noch 30 Jahre gebraucht
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16:47 09.11.2010
Von Karl Doeleke
Im Zwischenlager Gorleben stehen bereits 91 Behälter mit stark strahlenden Abfällen.
Im Zwischenlager Gorleben stehen bereits 91 Behälter mit stark strahlenden Abfällen. Quelle: dpa
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Es ist frisch in der Halle, ungefähr so kühl wie draußen vor der Tür. Etwas unter zehn Grad dürften es also in dem Betonkasten sein, obwohl darin 91 Behälter mit hochradioaktivem Abfall stehen. Bis zu 400 Grad heiß ist es in den Containern, die in Glas eingeschmolzenen Atommüll enthalten. An deren Außenhüllen messen die Techniker der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), das ist der Betreiber des Zwischenlagers in Gorleben, immerhin noch 60 bis 75 Grad. Und dennoch, sagt Hartmut Schulze, Fachbereichsleiter für den Strahlenschutz bei der GNS, ist es drinnen nicht wärmer als draußen. Ein Kühlsystem, dass die Luft in der 180 Meter langen und 40 Meter breiten Halle dauernd austauscht, sorgt dafür, dass die Hitze entweichen kann. Am ersten Novemberwochenende sollen elf weitere Castorbehälter aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague hinzukommen. Es wird das vorletzte Mal sein, dass Castoren aus Frankreich kommen.

Die Proteste dürften in diesem Jahr heißer denn je werden. Innenminister Uwe Schünemann rechnet damit, und auch die Bürgerinitiativen. Je kürzer die Entfernung zum geplanten Endlager, desto häufiger werden auf der Straße nach Gorleben die Zeichen des Protests gegen die Anlage. Die notorischen gelben Kreuze, die Atomkraftgegner an Bäume entlang der Transportstrecke genagelt haben und die gelben Fässer mit dem Warnzeichen für nukleare Strahlung in den Vorgärten der Fachwerkhäuser zeigen deutlich, was die Menschen davon halten, dass hier demnächst noch mehr Strahlenmüll landet. Noch existiert über dem alten Salzstock in Gorleben nur ein Zwischenlager, aber mit jedem weiteren Transport radioaktiven Abfalls dorthin werde das Endlager unter Tage wahrscheinlicher, sagen die Gegner des Projekts – die noch ausstehende Wiederaufnahme der Erforschung des Bergwerks auf seine Tauglichkeit als Endlager hin oder her.

Der Protest dagegen und gegen den anstehenden Castor-Transport ist an diesem Montag nicht das Thema von Lutz Oelschläger. Der Werksleiter der GNS lenkt den Blick auf die Logistik des Transportes, mit dem Strahlenmüll, der in Frankreich bei der Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe aus deutschen Kernkraftwerken entstanden ist, über etwa 1000 Kilometer Strecke zurück nach Deutschland gebracht wird. Und er will das Transportbehälterlager vorzeigen, das selbst dann nicht überflüssig werde, wenn der Müll unter Tage eingelagert werden könne. „Selbst wenn wir hier schon ein Endlager hätten, die Glaskokillen in den Transportbehältern dürften dort noch nicht hinein“, sagt der Atomtechniker. Sie müssen zunächst im Zwischenlager von 400 auf 200 Grad herabkühlen. „Ungefähr 30 Jahre dauert das.“

Während Oelschläger das erläutert, knattert zum dritten Mal ein Hubschrauber über das Gorleben-Informationszentrum hinweg – ein Polizeihubschrauber? Man sieht sie nicht, aber die Polizei versammelt ihre Kräfte im Wendland, das ist nicht zu übersehen. 16.500 Beamte sollen hier sein, wenn die Castoren im Verladebahnhof in Dannenberg ankommen, um für die letzten 19 Kilometer Transport auf der Straße vom Zug auf Tieflader umgewuchtet zu werden. Ein Polizeitransporter mit Göttinger Kennzeichen rollt über die Landstraße, durch die Bäume ist eine berittene Polizeistreife am Elbufer auszumachen. Noch sei nicht viel los, sagt Oelschläger. Erst in der nächsten Woche rechnet er mit dem Eintreffen der meisten Polizisten.

Dass sich die Staatsmacht auf eine größere Auseinandersetzung mit den Castor-Gegnern einrichtet, wird aber spätestens dann augenfällig, wenn man zum Verladebahnhof nach Dannenberg fährt. Das Gelände, auf dem ein Kran die jeweils rund 115 Tonnen schweren Castoren vom Zug heben soll, ist schon jetzt mit Absperrgittern umstellt, Stacheldraht rollt sich um die Barrieren, und noch mehr Gitter und noch mehr Stacheldraht liegt bereit. „Vorsicht Verletzungsgefahr“, steht auf den Warnschildern.

Auch wenn im nächsten Jahr der letzte Castor aus Frankreich kommen soll, der Verladebahnhof wird weiter gebraucht. Für die Zukunft sind Transporte aus der englischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield geplant. Die Transportbehälter übrigens, das ist eine der Botschaften, die Oelschläger an diesem Tag loswerden will, sind „1000-millionen-mal dichter als ein Fahrradschlauch“.