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Niedersachsen Der kleinlaute Präsident
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15:58 05.01.2012
Bundespräsident Christian Wulff nach seinem Fernsehinterview in Berlin.
Bundespräsident Christian Wulff nach seinem Fernsehinterview in Berlin. Quelle: dpa
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Berlin

Es ist die Stimme. Vielleicht muss man es einmal sagen, dass die Stimme von Christian Wulff immer ein wenig belegt klingt, so als klebe ihm etwas am Gaumen. Das ist nichts Schlimmes, Veronica Ferres hat auch so eine Stimme. Mittwochabend, beim ersten Interview eines deutschen Präsidenten, in dem es um Häuslebauerfragen, um Familiengeschichten und um eine Botschaft auf einem Anrufbeantworter ging, da ist diese Stimme aber schon misslich gewesen.

Wer mit belegter Stimme spricht, klingt irgendwie auch kleinlaut. Aber kleinlaut hat der Präsident gewiss nicht erscheinen wollen, eher einsichtig und selbstkritisch. Soviel an Selbstentäußerung, so ist ihm in und von den Medien in den vergangenen Tagen weniger geraten als um die Ohren gehauen worden, sei jetzt schon angezeigt. Also hat Wulff solche Sätze gesagt wie diesen, dass Menschenrechte auch für Bundespräsidenten gelten müssten und dass derjenige doch den ersten Stein werfen solle, der ohne Schuld sei. An diesen Stellen ist das von den Hauptstadtstudioleitern Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF) recht flott geführte Interview dann schon mal umgekippt in eine Mitleidsshow. Überfallartig sei er damals ins Amt gekommen, gar nicht richtig vorbereitet. Und dann – auf einer Auslandsreise mit bis zu zehn Terminen am Tag – da sei ihm eröffnet worden, was „Bild“ am nächsten Tag in der Heimat für eine Enthüllungsgeschichte plane. Er habe sich als Opfer gesehen in dem Moment, sagt Wulff, dessen drei Stirnfalten sich partout nicht glätten wollen während des ganzen Gesprächs und die zusammen mit der belegten Stimme seine innere Anspannung verraten.

Dass Wulff zur Rettung der eigenen Ehre und des eigenen Amtes den Weg über ein Fernsehinterview gewählt hat, darf man ruhig ungewöhnlich nennen. Präsidenten halten Reden oder sie geben Erklärungen ab. Natürlich geben sie auch Fernsehinterviews, aber in eigener Sache eher nicht. Wenn es aber schon soweit ist, dass ein Präsident auf Augenhöhe mit einer Mailbox spricht, dann kann er auch zur Hauptsendezeit aufs Sünderbänkchen rutschen.

Wulffs entschlossene Botschaft

Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender überspielten die aufkeimende Kritik unter den anderen Hauptstadtsendern, weshalb ausgerechnet ARD und ZDF ausgewählt worden waren, mit dem Hinweis, sie hätten schon vor Wochen beim Präsidialamt um ein Interview angefragt. Alles hat sich also auf das Vorzüglichste gefügt, so dass aufgezeichnet werden konnte, „live-on-tape“ wie es in der Fernsehsprache heißt, also an einem Stück, ohne Zwischenschnitte.

Nein, er habe nicht an Rücktritt gedacht, lautet die entschlossene Botschaft. Der Präsident ist sichtlich bemüht, keine Empörung in seine Stimme zu legen über eine solche Frage, er möchte gern einsichtig wirken, aber eben nicht kleinmütig: „Ich weiß, dass ich nichts Unrechtes getan, aber nicht alles richtig gemacht habe.“ Zeit für Eingeständnisse also: Der Anruf beim Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, „das war ein schwerer Fehler“. Er wisse schon, wie ein Bundespräsident zu sein habe, nämlich „besonnen, objektiv, neutral, mit Distanz“, aber eben das sei ihm an diesem Tag nicht gelungen.

„Da hat man eine Schutzfunktion“

Wulffs Verhältnis mit den Medien ist eigentlich immer ganz gut gewesen solange sie ihm dienlich waren, insbesondere auch mit dem fraglichen Boulevardblatt. Aber dann seien „privateste Dinge, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen“, an die Öffentlichkeit gezerrt worden. Er meinte damit eine Geschichte über sein Verhältnis zu einer jüngeren Stiefschwester, das offenbar nicht zum Besten bestellt ist, und, ein kurzes Zögern, „im Internet, wenn ich da sehe, was da über meine Frau verbreitet wird an Fantasien“, da müsse man sich wehren, auch vor seine Familie stellen: „Da hat man eine Schutzfunktion.“ Überhaupt sagt der Präsident auffallend häufig jetzt „man“, wenn er über sich selbst spricht, so als stehe er neben oder über sich: „Durch den Umgang mit den Dingen hat man dem Amt sicher nicht gedient.“

Seine einstige moralische Schärfe im Urteil über Verfehlungen seines Vorvorgängers würde er heute nicht mehr an den Tag legen, „denn man wird lebensklüger, man wird demütiger. Ich kann Johannes Rau heute besser verstehen.“ Um die 400 Fragen hat Wulff seine Anwälte beantworten lassen, bis hin zu solchen nach der Herkunft der Garderobe seiner Frau. Nach menschlichem Ermessen erwartet der Präsident nun, dass alles auf dem Tisch liegt. Nun solle man sich doch bitte wieder den Fragen der Zeit zuwenden. Er selbst will am Ende von fünf Jahren erster Amtszeit als guter Bundespräsident gesehen werden: „Ich nehme meine Verantwortung wahr.“

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