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Niedersachsen Claudia Roth surft auf grünem Candy-Storm
Nachrichten Politik Niedersachsen Claudia Roth surft auf grünem Candy-Storm
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06:15 20.11.2012
Claudia Roth beim Parteitag in Hannover.
Freude über Wiederwahl: Claudia Roth beim Parteitag in Hannover. Quelle: dpa
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Hannover

Mit einer gehörigen Portion Chuzpe, mit Leidenschaft und dem Versprechen: „Kämpfen kann ich. Und das Nerven gewöhn ich mir auch nicht mehr ab!“ bewarb sich Claudia Roth gestern um die Wiederwahl als Grünen-Vorsitzende. Platinblond gefärbte Haare, in hellgrauen Blazer mit grünem Kragen und grünem T-Shirt trat die Augsburgerin um kurz vor 16 Uhr ans Mikrofon in der Eilenriedehalle des Congress Centrums von Hannover. Eine Woche zuvor noch war die 57-Jährige am Boden zerstört. Bei der Urwahl der Grünen war Roth empfindlich abgestraft worden und nur auf Platz drei hinter Katrin Göring Eckardt und Renate Künast eingekommen. Es gab Rückzugsgerüchte. Am ersten Tag der Parteikonferenz trug Roth Schwarz. Nach vielen Tränen, bohrenden Selbstzweifeln und langem Grübeln war Roth gestern wieder die Kämpferische. War die tagelange Niedergeschlagenheit also nur eine geschickte Inszenierung der ehemalig Musik-Managerin? Nicht unwesentlich zum Meinungsumschwung beigetragen hatten Tausende Grüne und Sympathisanten, die mutmachende E-Mails geschickt oder per Twitter und Facebook, aber auch Anrufe und Briefe Unterstützung bekundet hatten. „Candy-Storm“ heißen solche Ermutigungen via Internet auf Neudeutsch.

Claudia Roth surfte regelrecht auf dieser Welle der Zustimmung. Schon bevor das für grüne Verhältnisse grandiose Wahlergebnis von 88,5 Prozent verkündet wurde, regnete es Bonbons auf die alte und neue Vorsitzende. Einige der 800 Grünen-Delegierten in Hannover hatten Candy-Storm offenbar ganz wörtlich genommen. Es gab Küsschen von Fraktionschefin Renate Künast und von den beiden Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin. Und natürlich einen Strauß mit sattgelben Sonnenblumen.

Mit ihrer persönlichen Gemütslage hatte sich Roth in ihrer Bewerbungsrede jedoch nicht lange aufgehalten. „Die Trauerzeit ist vorbei!“, rief sie ins Mikrofon und wechselte flott in die Abteilung Attacke. Schwarz-Gelb müsse abgelöst werden, „weil es sonst zappenduster um die Zukunft bestellt ist“. Der politischen Konkurrenz kreidete sie an, „in der Defensive, mit viel Hinterzimmer und viel hohem Ross“ zu sein. Gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück gab es die „Spitze“, der habe sich „selbst ausgewählt“. Die CSU nehme die Studiengebühren in Bayern aus Angst vor den Wählern selbst zurück. Linke und Piraten würden sich vor einer Urwahl fürchten, weil sie davon glatt zerrissen würden. Die vorhergehende Urwahl der Grünen nannte Roth dagegen „absolut gut und richtig“. Auch wenn sie dabei verloren habe: „So ist Demokratie.“

Danach ging der ebenfalls wiedergewählte Co-Vorsitzende Cem Özdemir ein wenig unter. Er erhielt ebenfalls stattliche 83,3 Prozent und versuchte mit dem Klischee aufzuräumen, Roth sei die Linke und der Realo. Roth sei eigentlich fürs „Einbinden und Erweitern“ zu ständig. Sie bekommen Lob von der Grünen Jugend bis hin zum ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günter Beckstein (CSU).

Zuvor hatten die Grünen ein milliardenschweres Sozialprogramm zur Korrektur der Agenda 2010 verabschiedet. Damit wollen sie sich als Partei der Gerechtigkeit profilieren. Nach leidenschaftlicher Debatte setzte sich die Führung bei sechs kritischen Abstimmungen gegen weitergehende Forderungen durch. Energisch wurde über Sanktionen für Langzeitarbeitslose und über die Rente mit 67 debattiert. Am Ende wurde die Forderung nach einer befristeten Aussetzung der durch Arbeitsagenturen ausgesprochene Sanktionen für Hartz-IV-Bezieher beschlossen. Beim Anstieg des Rentenalters auf 67 soll es flexible Übergänge geben - einer Abkehr von der Rente mit 67 wurde jedoch eine Absage. Eine steuerfinanzierte Garantierente von rund 850 Euro soll es für alle geben, die mehr als 30 Jahre gearbeitet oder Kinder erzogen haben.

Die Grünen haben sich mit Göring-Eckardt und Claudia Roth für zwei starke Frauen an der Spitze entschieden. Sie „flankieren“ damit gewissermaßen den linken „Obergrünen“ Jürgen Trittin. Der einstige Ober-Grüne und lange Zeit „heimliche Vorsitzende“ Joschka Fischer saß zur gleichen Zeit übrigens in einem feinen Cafe in Berlin-Wilmersdorf. Gefehlt hat er keinem in Hannover.  

 Von Reinhard Zweigler