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Niedersachsen Wie Robert Habeck dem Bauerntag in Lüchow die Agrarwende schmackhaft macht
Nachrichten Politik Niedersachsen Wie Robert Habeck dem Bauerntag in Lüchow die Agrarwende schmackhaft macht
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19:59 03.12.2019
Predigt einen Systemwandel in der Landwirtschaft – und das mitten auf dem Bauerntag: Robert Habeck, Grünen-Chef. Quelle: Michael B. Berger
Lüchow

Sie spüren, dass es so nicht mehr weitergeht. Sie protestieren derzeit mit ihren Traktoren überall, sie wehren sich und rebellieren gegen immer strengere staatliche Vorgaben. Sie fühlen sich und ihren ganzen Berufsstand missachtet. Und: Sie applaudieren einem Gastredner, der aus einem ganz anderen Milieu kommt und ihnen klipp und klar sagt, dass es so nicht weitergehen kann. Robert Habeck, männlicher Bundesvorsitzender der Grünen, macht den Bauerntag im Lüchow zu seinem Heimspiel.

Eine Rede ohne Floskeln

Habeck war von 2012 bis 2018 in Schleswig-Holstein Landwirtschaftsminister. Er zeigt den mehr als 400 versammelten Landwirten in der ausgebuchten Gildehalle, dass er zwar keiner der Ihren, aber ohne Zweifel ein Mann vom Fach ist. Das nebenstehende Rednerpult ignoriert er. Mit Headset parliert er, einfach und ohne Floskeln („Ich will hier nicht allzu lange sabbeln“) über die bestehende Agrarförderung. Auch die Zwänge des Produktionssystems, das die Bauern zu immer größer werdender Effizienz bei gleichzeitig sinkenden Preisen zwingt, sind ein Thema. Aber Robert Habeck spricht – was an diesem Tag viel wichtiger ist – zu den Herzen derjenigen, die vermutlich in ihrer Mehrzahl noch nie einen Grünen gewählt haben, wie einer der Gastgeber zur Begrüßung sagt.

Nicht die Bauern sind schuld, sondern das Agrarsystem

Habeck gewinnt sein Auditorium, weil er es gleich zu Beginn der Veranstaltung des Bauernverbandes Nordostniedersachsen freispricht von Vorwürfen, die auch Parteifreunde gegen die Landwirte erheben. Sein Credo: Nicht die Bauern und ihr Wirtschaften sind schuld am Insektensterben und industrieller Tierhaltung, sondern es ist das Agrarsystem, das die Landwirte zu speziellen Verhaltensweisen zwingt und das von Grund auf reformiert werden müsste. Habeck geißelt nicht die Subventionen für die Landwirtschaft an sich, aber dass sie sich vor allem an der Masse orientierten und nicht an Umweltfaktoren oder ausschließlich am Tierwohl. Klasse statt Masse, fordert er hingegen.

Mehr als 400 Zuhörer haben in der Gildehalle in Lüchow die Rede von Robert Habeck verfolgt. Quelle: Michael B. Berger

Für den Grünen, den hier manche im Wendland schon als möglichen Kanzler begrüßen, führt die gesamte aktuelle Debatte um die Landwirtschaft an den Kern gesellschaftlicher Debatten, die in der Bundesrepublik auch an anderen Orten äußerst hitzig ausgetragen werden. „Sie wird so emotional geführt, weil es um Identitäten geht“, sagt Habeck. Weil die Bauern vielfach in der Natur produzierten, stünden sie unter öffentlicher Beobachtung. Und weil sie hohe Subventionen erhielten, redeten alle andere mit – auch die, die zum Ärger der Bauern keine Ahnung von den Zwängen der Landwirtschaft hätten. „Das müssen Sie aushalten“, sagt Habeck den Bauern. Und sie halten es aus.

Freundliche Ratschläge an die Landwirte

Und dann gibt er ihnen noch den freundschaftlichen Rat, nicht abzuleugnen, dass die zuweilen hohe Nitratbelastung in den Böden natürlich mit der Landwirtschaft zu tun habe. „Wer sagt, so ein bisschen Nitrat im Grundwasser habe doch noch niemandem geschadet, der hat sofort verloren.“ Aber letztlich seien auch die hohen Nitratwerte Konsequenz eines Systems, das die Bauern jahrzehntelang dazu gebracht habe, stets Vollgas zu geben, während sie jetzt voll auf die Bremse treten sollten.

Ende der industriellen Tierhaltung

Habeck sagt, am Ausstieg aus der industriellen Tierhaltung führe letztlich kein Weg vorbei. Auch der wissenschaftliche Rat der Bundesregierung halte die derzeitige Form nicht für überlebensfähig. „Wir müssen letztlich diskutieren, wie viele Tiere wir wollen.“ Doch zugleich brauche man ein Verbot von Dumpingpreisen in der Fleischwerbung großer Discounter, eine völlig andere Agrarförderung, die sich etwa vornehmlich an artgerechter Haltung orientiere, und, und, und.

Vergangene Woche demonstrierten die Bauern in Berlin, bereits im Oktober hatten sie mit Traktoren die Innenstadt von Hannover lahmgelegt. Quelle: Sina Schuldt/dpa

„Vermutlich ist, wenn wir so weitermachen, die Hälfte des Saals hier in 25 Jahren nicht mehr Landwirt“, sagt Habeck zum Schluss zu den in der kargen Gildehalle versammelten Bauern. Diese traurige Botschaft nehmen sie hin und rebellieren nicht. „Warum sind Sie überhaupt hier, am Dienstag, und arbeiten nicht? Das ist unökonomisch, was Sie hier tun“, meint Habeck bewusst provokant. Vielleicht habe das aber auch mit Gemeinschaft zu tun. Und damit, dass die Ökonomie eben nicht alles sei.

Die Bauern applaudieren heftig. Sie applaudieren einem Wahrsager, der an diesem nebligen Tag in Lüchow eher den Motivationstrainer und Sinnstifter zu geben versteht. Vielleicht, weil das System wirklich an seine Grenzen stößt.

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Von Michael B. Berger

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