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Niedersachsen Angela Merkel lobt die MHH
Nachrichten Politik Niedersachsen Angela Merkel lobt die MHH
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00:15 30.11.2012
Von Juliane Kaune
Foto: Stolz wie Oskar: Der Zehnjährige, der ein Hörimplantat trägt, ließ sich von Angela Merkel ein Autogramm geben. Omid Majdani (l.) und MHH-Präsident Dieter Bitter-Suermann (r.) freut es.
Stolz wie Oskar: Der Zehnjährige, der ein Hörimplantat trägt, ließ sich von Angela Merkel ein Autogramm geben. Omid Majdani (l.) und MHH-Präsident Dieter Bitter-Suermann (r.) freut es. Quelle: Körner
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Hannover

Eine Frage für die Bundeskanzlerin ist Oskar nicht eingefallen. „Sie macht Dinge, die ich als Kind nicht so verstehe“, sagt der Zehnjährige rundheraus. Eines aber ist klar: Ein Autogramm muss Angela Merkel ihm geben, am besten auch noch eines für seinen Bruder und die ganze Klasse am Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium. Denn aufregend ist es schon, die Frau zu treffen, die in Deutschland so viel zu sagen hat und die Oskar bisher nur aus dem Fernsehen kennt. Zumal er für einen kleinen Augenblick selbst zum Medienstar wird: Alle Kameras sind auf ihn gerichtet, als die Kanzlerin Oskar die Hand schüttelt.

Der blonde Schüler, der von Geburt an taub ist, trägt zwei sogenannte Cochlea-Implantate. Mittels elektrischer Impulse reizen diese seinen Hörnerv und ermöglichen es ihm so, Sprache zu verstehen. Dank der modernen Technik, die ihm im Alter von sechs Monaten in beide Ohren eingesetzt wurde, kann er heute praktisch ohne Einschränkungen durchs Leben gehen. Und weil das so ist, lernt Oskar jetzt die Bundeskanzlerin kennen.

Merkel war gestern in der Medizinischen Hochschule (MHH) zu Besuch, um sich über innovative Forschungsprojekte zu informieren. Dass die Kanzlerin den Termin in Hannover im Vorfeld der niedersächsischen Landtagswahl wahrnahm, dürfte von der hiesigen Staatskanzlei nicht unbeabsichtigt arrangiert worden sein. Ministerpräsident David McAllister (CDU), der seine Parteifreundin aus Berlin eingeladen hatte, versichert beim Rundgang indes, es sei „ein rein fachlich bezogener Besuch“. Sein Herausforderer von der SPD, Hannovers Noch-Oberbürgermeister Stephan Weil, kommentierte Merkels Gastspiel auf dem Campus gestern nachträglich mit Ironie: Er sei sich ganz sicher, dass dies „nichts mit der Landtagswahl zu tun hat“.

Die Forscher sind in jedem Fall froh, ihre Arbeit einem derart einflussreichen Gast vorstellen zu können. Schließlich ist der Auftritt eine Premiere – noch nie zuvor hat ein Bundeskanzler die MHH besucht. Auf Merkels Terminplan stehen Besuche in den Laboren der beiden im Exzellenzwettbewerb des Bundes ausgezeichneten Projekte, an denen die MHH-Wissenschaftler arbeiten. Anderthalb Stunden sind für den medienwirksam inszenierten Klinikrundgang mit rund 50 Journalisten angesetzt. Die Zeit läuft.

Die erste Station führt zu Prof. Thomas Lenarz und seinem Team aus dem Projekt „Hearing4all“. Der Hörspezialist der MHH erklärt der Kanzlerin, wie ein Cochlea-Implantat funktioniert. 22 elektrische Kontakte ersetzen die 3000 Sinneszellen im Innenohr: „Sie geben ständig Signale ab, so wie ein Radiosender“, erläutert der Professor. Merkel, selbst promovierte Physikerin, horcht auf. „Wer hat das erfunden?“, will sie wissen. Sie lernt von Lenarz, dass es bereits in den sechziger Jahren erste Ansätze für eine entsprechende Technik gab. Heute ist die MHH mit mehr als 6000 behandelten Patienten das größte Cochlea-Implant-Zentrum weltweit.

Entscheidend sei, dass die Hörprothese so früh wie möglich eingesetzt werde, erklärt Lenarz. 70 Prozent der Kinder, die diese vor dem zweiten Lebensjahr erhielten, besuchten heute eine Regelschule. Wie Oskar. „Bist du gut in der Schule?“, fragt Merkel den Zehnjährigen, der nur für sie direkt nach einer Lateinarbeit an das MHH-Hörzentrum geeilt ist. Sie lauscht noch kurz den Ausführungen über das „bionische Ohr“, dem deutlich verbesserten Nachfolger des heutigen Implantats, und wendet sich dann entschlossen ab. „Ich glaube, ich hab‘ das einigermaßen verstanden – soweit ich es verstehen muss.“

Die nächste Etappe erreicht Merkel, der sich auch Niedersachsens Wissenschaftsministerin Johanna Wanka und die für Krankenhäuser zuständige Sozialministerin Aygül Özkan angeschlossen haben, im Labor von Herzchirurg Prof. Axel Haverich, dem Leiter des Exzellenzprojekts „Rebirth“. Unerschrocken blickt die Regierungschefin auf das pulsierende, blutverschmierte Stück Fleisch, das in einem Plexiglasbehälter vor ihr liegt. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine frisch vom Schlachthof gelieferte Schweinelunge. Sonst lagern in dem Spezialgefäß menschliche Organe: In dem von der MHH optimierten Behälter lassen sich Spenderlungen körperwarm und von Blut durchflossen transportieren. So erreichen sie den Empfänger binnen 24 Stunden in deutlich besserer Qualität als bei der üblichen kalten Lagerung. Die Schweinelunge dient dagegen nur Demonstrationszwecken. Sie wird nach den Foto- und Filmaufnahmen, auf denen das Organ zusammen mit der Kanzlerin zu sehen ist, im Klinikabfall entsorgt.

Auch wie Herzmuskelzellen aus menschlichen Hautzellen gezüchtet werden, erfährt Merkel. Ziel der MHH-Forscher ist es, Patienten nach einem Herzinfarkt das im Labor gezüchtete Gewebe einzusetzen. „Ein Wahnsinnsfortschritt“, urteilt Merkel, bevor ihr Begleiterstab um Eile bittet. 
Vor einer Plastikplane, auf der das MHH-Logo und das Emblem Niedersachsens vereint sind, zieht Merkel neben einem sichtlich zufriedenen David McAllister eine zweiminütige Kurzbilanz ihres Besuchs: „Ich bin sehr beeindruckt von dem Niveau hier, den Patienten wird eine neue Lebensqualität geboten, und ich habe unendlich viele motivierte Mitarbeiter kennengelernt.“ Die MHH werde sie „in allerbester Erinnerung“ behalten. Oskars Bilanz fällt kurz nach dem Zusammentreffen mit der Kanzlerin etwas nüchterner aus. „Ich fand‘ s schon gut“, sagt der Schüler. „Also, ich hatte jetzt keinen schlechten Eindruck von ihr.“

In Hannover wird Merkel schon nächste Woche wieder erwartet, zum CDU-Bundesparteitag. Dann dürfte ganz klar sein, mit welchem Auftrag sie hier ist.