Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Deutschland / Welt „Wow“: Obama erhält den Friedensnobelpreis
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Wow“: Obama erhält den Friedensnobelpreis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:34 09.10.2009
US-Präsident Barack Obama ist mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.
US-Präsident Barack Obama ist mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Quelle: ddp
Anzeige

Es ist selten, dass der abgebrühte konservative Fernsehsender Fox News von einer derart explosiven Nachricht über den Präsidenten überrascht wird. Hier rühmt man sich sonst, beim Thema Obama 24 Stunden am Tag auf der Lauer zu sein. Doch der einzige Staub, der am frühen Freitagmorgen in der Frühstückssendung aufgewirbelt wird, kommt erst einmal vom Mond. Die Nasa lässt dort eine Rakete einschlagen, um nach Spuren von Wasser zu suchen. Dann platzt die Nachricht aus Oslo dazwischen.

„Obama hat den Preis nur dafür bekommen, dass er nicht George W. Bush ist“, sagt der Fox-Reporter. Sein Studiogast stimmt mit ein: „Also bitte, der Mann ist noch nicht einmal ein Jahr im Amt! Ich kann nur sagen, seine weltweite Entschuldigungstour hat funktioniert. Was wird er denn mit dem Preisgeld machen?“ Immerhin ringen sich zwei andere Gesprächspartner dazu durch, dies als „große Ehre“ zu bezeichnen. Das sei es zumindest für Obama. Na ja, vielleicht auch für das ganze Land.

Die konservativen Wachhunde können sich trösten. Die in aller Eile aus dem Bett geklingelten Experten wissen alle nicht so recht, was sie aus der Nachricht machen sollen. Bob Schieffer, alter Journalistenhaudegen in Washington, beschreibt im CBS-Frühstücksradio seine Reaktion ganz drastisch: „Was? Was hat denn Obama bisher erreicht?“ Aber das ist bei Schieffer nicht ideologische Feindschaft, sondern schlicht die Überraschung. „Ein Nobelpreis – nach nur neun Monaten Amtszeit!“, das ist der Nebensatz, den sich niemand verkneifen kann.

Obama selbst weiß, dass er seine Karten nicht überreizen darf. Ein Preis für Baustellen, das passt nicht zu einem Land, wo der Erfolg alles ist. Die erste Reaktion aus dem Weißen Haus, in dem Einsilber zum Erfolgsrezept gehören („Yes we can“), ist denn auch denkbar schlicht: „Wow!“, schickt die Presseabteilung als SMS heraus. Am späteren Vormittag erst tritt Obama selbst ans Mikrofon.

„Ich glaube nicht, dass ich es verdiene, in die Reihe der anderen Preisträger zu treten.“ Und: „Ich sehe das nicht als Anerkennung dessen, was ich erreicht habe. Dies reflektiert eine Welt, die alle Menschen und alle Amerikaner erst bauen wollen.“ Der Preis sei ein Aufruf zum Handeln, sagt der sichtlich nachdenkliche Präsident. Er betont wie schon bei seiner Rede vor den Vereinten Nationen: „Es gibt keine Nation, die den Frieden allein schaffen kann.“

Um den Überraschungseffekt richtig einschätzen zu können, muss man sich Obamas Woche vor Augen führen. Viele Republikaner haben hämisch gejubelt, als Obama von seiner Reise zum olympischen Komitee in Kopenhagen erfolglos zurückkam. Rio de Janeiro schlägt Chicago? „Oslo schlägt Kopenhagen – und das jeden Tag“, kann Obamas Stabschef Rahm Emanuel nun triumphierend kontern. In der Woche vor der Entscheidung hat die Satiresendung „Saturday Night Live“ den Präsidenten damit veräppelt, dass er hinter kein einziges Kästchen bei der Liste seiner Aufgaben ein Häkchen machen kann. Statt mit dem Stift seine Markierung zu setzen, redete der Präsidentendarsteller nur – und redete und redete. Außer dem gleich zu Beginn seiner Amtszeit eilig verabschiedeten Konjunkturpaket hat der Präsident bisher keine Erfolge vorzuweisen. Quälend langsam bewegt sich in diesen Tagen die geplante Gesundheitsreform durch Komitees und Unterkomitees von Senat und Repräsentantenhaus. Überall gibt es nur offene Fragen – und das gilt ganz besonders für die Außenpolitik.

Am selben Tag, an dem Obama mit dem renommiertesten Friedenspreis der Welt ausgezeichnet wird, beratschlagt er mit seinen Experten, ob und wie er den blutigen Krieg in Afghanistan ausweiten soll. Israelis und Palästinenser schüttelten sich am Rande der UN-Generalversammlung nur gequält die Hand. Die potenziellen Nuklearmächte Iran und Nordkorea spielen das übliche Pokerspiel. Vor den Klimaverhandlungen in Kopenhagen gibt es keine Aussicht auf ein amerikanisches CO2-Gesetz. Und als i-Tüpfelchen hat sich Obama gerade entschieden, doch lieber nicht den Dalai-Lama im Weißen Haus zu empfangen, um Peking nicht zu verärgern.

Zwischen die Nachricht aus Europa blenden alle Nachrichtensender die vorbereiteten Bildausschnitte mit bis an die Zähne bewaffneten US-Soldaten am Hindukusch ein. Dann kommen die seit Tagen überall laufenden Werbespots der konservativen US-Iran-Lobby, die zu grellgelben Bildern von explodierenden Atompilzen dem Präsidenten Naivität im Umgang mit Teheran vorwerfen.

Die Osloer Entscheidung wird die Ungeduld der Amerikaner mit Obamas Bilanz nach neun Monaten im Amt nicht überlagern – im Gegenteil. Diejenigen, die dem Präsidenten sowieso gewogen sind, verstehen den Preis als Ermutigung. Doch auch diejenigen, die schon lange glauben, dass Obama einen Ausverkauf amerikanischer Interessen betreibt, fühlen sich bestätigt. Warum sonst sollten ihn denn diese blauäugigen Europäer, als die man das Nobelpreiskomitee in konservativen Kreisen sieht, nun hofieren? Obamas weltweite Popularität macht ihn verdächtig. Wenn Amerika nicht mehr gefürchtet wird, wer respektiert es dann noch?

Das Nobelkomitee räumt selbst ein, dass die Wahl des Präsidenten vor allem das Prinzip Hoffnung verkörpert. Wenn man sich allerdings andere US-Präsidenten oder Regierungsmitglieder anschaut, die den Nobelpreis bereits bekamen, dann ist das Prinzip Hoffnung hinter der Preisverleihung gar nicht so neu. Als Woodrow Wilson 1919 den Preis für seinen Einsatz bei den Friedensverhandlungen von Versailles und für die Gründung des Völkerbundes erhielt, konnte das Nobelkomitee nicht ahnen, dass er sein Friedensprogramm noch nicht einmal durch den widerspenstigen Senat bringen würde. Als Außenminister Henry Kissinger 1973 zusammen mit seinem Kollegen aus Hanoi für den Waffenstillstand in Vietnam geehrt wurde, war noch nicht erkennbar, dass dieser „kalte Frieden“ nur zwei Jahre später mit der Eroberung des Südens durch den Norden zusammenbrechen würde. Andere, die wie etwa Obamas demokratischer Vorgänger Bill Clinton jahrelang unermüdlich um den Frieden in Nahost rackerten und ihm bis auf Haaresbreite nahekamen, sind hingegen leer ausgegangen.

Obama selbst und nicht seine Politik muss also die Botschaft sein – so deuten die Amerikaner den Preis. Das Prinzip hat Obama schon durch seinen Wahlkampf getragen. In den USA beginnt diese Magie zu verblassen. Auf der Weltbühne, so lernen die Amerikaner am Freitag, wirkt sie noch. Obama steht dort immer noch für den Traum von den anderen, den friedlicheren USA. Diese Vision, die viele Amerikaner im Augenblick von Obamas Amtseinführung im Januar selbst noch fasziniert hat, droht in seinem Heimatland im grauen politischen Alltag unterzugehen.

Kann der Nobelpreis dieser Sehnsucht wieder Leben einhauchen? Obamas Visionen sind immer noch mutig: eine Welt ohne Nuklearwaffen, ein Sieg über den islamischen Extremismus nicht durch Machtpolitik, sondern echtes gegenseitiges Verständnis, Entwicklungspolitik nicht als Randthema, sondern als Friedensfrage.

„Selten hat jemand so die Aufmerksamkeit der Welt gefunden und seinem Volk so die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben, wie Obama“, schreibt das Nobelkomitee in seiner Begründung. Doch es ist offen, ob die Amerikaner bereit sind, Obama diesen Hoffnungsbonus noch lange zu geben – Nobelpreis hin oder her.

von Andreas Geldner