Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Deutschland / Welt Wo Angela Merkel im Nebel sitzt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Wo Angela Merkel im Nebel sitzt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:57 02.11.2019
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt bei der Empfangszeremonie im indischen Neu-Delhi. Quelle: Michael Kappeler/dpa
Neu-Delhi

Friedrich Merz hat sie angegriffen, und Angela Merkel zieht die Schuhe aus. Sie macht das selber, nicht dass also jemand auf die Idee käme, Merz habe Merkel aus den Latschen gekippt.

Es ist nun mal so: Ins Gandhi Memorial, die Gedenkstätte für den indischen Nationalhelden, kommt auch eine Kanzlerin nur auf Socken.

Merz wäre auch gar nicht da, um zu assistieren. Er ist sogar richtig weit weg. Er hat Merkel zum Rücktritt aufgefordert und ist danach in die USA geflogen, nach Diktat verreist sozusagen. Angela Merkel hat sich in die andere Richtung aufgemacht, nach Indien.

„Wie ein Nebelteppich

Es liegen an diesem Tag also viele Tausend Kilometer zwischen ihr und dem Vorsitzenden der Unionsfraktion der Jahre 2000 bis 2002, zwischen dem Sauerländer und der Frau aus Templin in Brandenburg, eine ganze Welt sozusagen. Weiter als in diesem Moment geht es kaum, in jeder Hinsicht.

Merz hat Merkels Rücktritt gefordert. Nicht so direkt, aber auch nicht viel charmanter. Untätigkeit und mangelnde Führungskraft lägen „wie ein Nebelteppich“ über dem Land, hat Merz der Kanzlerin nach der Thüringen-Wahl vom vergangenen Sonntag vorgeworfen, bei der die CDU nicht nur viele Prozentpunkte verlor, sondern auch noch von Linkspartei und AfD überholt wurde.

Am Ziel des Ex-Fraktionschefs gibt es in der CDU kaum Zweifel: Merz würde gern Kanzler statt der Kanzlerin werden – und außerdem statt CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, statt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. „Völlig klar“ sei dieses Ansinnen, sagt ein Unterstützer.

Auf schwarzen Socken

Über Delhi liegt tatsächlich ein Nebelteppich, kein politischer, sondern eine richtig milchig trübe Luft, hinter der die Sonne Mühe hat hervorzukommen. Wäre es nicht so warm, ließe sich denken, die Kanzlerin habe sich verflogen und sei in London gelandet, in Sherlock-Holmes-Wetter. Aber Delhi ist die Großstadt mit der weltweit höchsten Luftverschmutzung. Der Nebel ist Smog, der in den Augen brennt und in der Kehle kratzt. Am Tag der Ankunft melden die Messstationen einen Rekordwert, Delhi ruft den Gesundheitsnotstand aus, die Behörden verteilen Gratis-Atemschutzmasken.

Merkel macht in Delhi Gandhi ihre Aufwartung, der Symbolfigur des gewaltfreien Widerstands. Sie verzichtet auf die Atemmaske und auch auf die Pantoffeln in der Gandhi-Gedenkstätte. Sie geht dort auf Socken, schwarzer Feinstrumpf, nicht rot, kein Anlass also für die nächste Mutmaßung über Koalitionsoptionen in Thüringen.

Mal keine Raute

Sie trifft sich mit Premierminister Narendra Modi, man kann sagen, die beiden verbringen den Tag miteinander: Begrüßung, Vier-Augen-Gespräch, Unterzeichnung von Wirtschaftsverträgen, Mittagessen, noch eine Gandhi-Stätte, das Haus nämlich, in dessen Garten der schon zu Lebzeiten zur Ikone gewordene Mann 1949 von einem Hindu-Nationalisten ermordet wurde.

Steinerne Fußspuren von seinem schlichten Wohnraum zum Tatort zeichnen dort Gandhis letzten Weg nach. Merkel faltet dort die Hände vor der Brust zur traditionellen indischen Höflichkeitsgeste zusammen, Fingerspitzen nach oben statt Raute nach unten.

Modi steht neben ihr. Hindu-Nationalist, so nennen ihn seine Gegner auch. Vor fünf Jahren hat er mit dem Versprechen wirtschaftlicher Erfolge die Kongresspartei abgelöst, die bis dahin schier ewige Regierungspartei.

Kanzlerin Merkel in Indien: Kooperation bei Zukunftsthemen

Der Weg des Nationalismus

Das mit dem Wirtschaftsboom hat nicht so geklappt, die Lage ist wackelig. Seine Wiederwahl vor einigen Monaten gewann Modi dennoch mit einem Rekordergebnis – er hatte auf deutlich nationalistischere Töne gesetzt.

Eine einfache Rechnung sei das: Eine schwankende Wirtschaft ruft Ängste hervor und Nationalismus als Zuflucht, hat der Vizekanzler der Ashoka-Universität Pratap Bhanu Mehta dem Magazin „New Yorker“ gesagt. Vielleicht könnte die Kanzlerin mit Modi doch auch über Thüringen reden.

Aber tatsächlich geht es mehr um wirtschaftliche Zusammenarbeit, es geht um den Afghanistan-Konflikt und um die Kaschmir-Krise, die Modi gerade wieder neu befeuert hat durch neue Verwaltungspläne für die Region, die Pakistan und China als Affront auffassen. Es passt nicht ganz dazu, dass sich die Regierung freut, dass Indien der Agenda für Multilateralismus beigetreten ist. Da geht es um Zusammenarbeiten, nicht um provokante Alleingänge.

Mehr zum Thema

Merkel in Indien - eine Reise von strategischem Wert

Ein Yogaminister und ein Premier als Hologramm

Aber ganz unangenehm ist es mit Modi wohl nicht. Es lässt sich angeblich ganz gut mit ihm plaudern. Yoga praktiziert Modi auch, er hat sogar einen eigenen Yogaminister. Aber das ist nicht so ganz Merkels Ding. Vielleicht interessiert sie sich eher dafür, wie Modi es schafft, sich als Hologramm auf mehrere Veranstaltungen Indiens gleichzeitig zu beamen, so gut, dass die Zuschauer angeblich nicht wirklich merken, ob sie da den echten oder einen virtuellen Premierminister vor sich haben.

Überall gleichzeitig sein können, das wäre doch was. Merkel könnte gleichzeitig in Indien und Berlin auftreten – und dann vielleicht auch noch in den USA bei dem früheren Außenminister Henry Kissinger vorbei-hologrammen, gerade zu dem Zeitpunkt, wo dort Friedrich Merz vor der Tür steht. Merz hat von seiner Reise ein Bild mit Kissinger getwittert. „Spannender Austausch“ schreibt er dazu. Vor beiden liegt ein Teller mit etwas, das so aussieht wie eine vergessene Ravioli-Nudel.

Von Merkel gibt es von ihrer Reise Bilder, die sie sehr einsam erscheinen lassen – oder königlich erhaben: Premier Modi lässt sie für die Empfangszeremonie mit Soldaten allein auf einem Podest. Unter einem roten Baldachin sitzt sie dort, in trüber Luft vor einem riesigen rötlichen Gebäude mit Springbrunnen auf dem Dach, dem Amtssitz des Präsidenten. Sie sitzt bei solchen Anlässen, seit sie mehrere Zitteranfälle hatte, sicher ist sicher.

Modi lässt sie auch nicht wirklich allein. Merkel sei eine „herausragende Führerin, nicht nur für Europa, sondern für die Welt“, schwärmt er im Laufe des Tages.

Da haben beide Seiten eine gemeinsame Erklärung mit 75 Punkten unterzeichnet, und 22 Vereinbarungen, die sich „Memorandum of Understanding“ nennen, freundliche Absichtserklärung also. Dabei ist auch der Yogaminister zum Zuge gekommen – und der Deutsche Fußball-Bund.

Vielleicht wäre es sinnvoll, auch Merz mal ein MoU anzubieten vonseiten der Kanzlerin.

Sie hat viele Tage nichts gesagt zu dessen Vorwürfen, hat sich nicht von sich aus geäußert und ist nicht gefragt worden von Journalisten, weil es keinen Termin gegeben hat, wo dies möglich gewesen wäre.

Der Umgang mit Kritik

In Indien nun kommt die Zeit der Frage. „Wir leben in einer Demokratie, da muss man auch mit Kritik umgehen“, sagt Merkel – und dass sie in Deutschland auch viel Unterstützung bekomme. Ziemlich kühl klingt das.

In Gandhis Gedenkstätte geht sie an Tafeln mit Gandhi-Aussprüchen vorbei. „Wir müssen immer der Kritik an unseren Fehlern und Verfehlungen zuhören und nicht den Lobpreisungen“ steht kurz vor dem Eingang.

Am Abend des Angriffs von Merz hat Merkel übrigens eine Abschiedsrede gehalten, allerdings nicht auf sich selber, sondern auf den scheidenden EZB-Präsidenten Mario Draghi, der von Christine Lagarde ersetzt wird. Draghi werde es den Abschied erleichtern, dass er seine Institution „auch weiterhin in wirklich guten Händen“ wisse, mutmaßte Merkel.

Umgekehrt ist es also so, dass eine nicht geregelte Nachfolge Abschiede nicht erleichtert. Vielleicht geht es Merkel gerade genau so.

RND

Von Daniela Vates/RND

Cem Özdemir soll von Rechtsextremisten eine E-Mail mit einer konkreten Todesdrohung erhalten haben. Nach einem Bericht stehe der Grünen-Politiker als erster Name auf einer Todesliste. Der Inhalt der Mail schockiert.

04.11.2019

Verstoßen die Hartz-IV-Sanktionen gegen das Grundgesetz? Darüber urteilt am kommenden Dienstag das Bundesverfassungsgericht. Die Kommunen zeigen sich bereits offen für eine Lockerung der Sanktionen.

02.11.2019

„Grüner Wasserstoff“ – das hört man immer häufiger, wenn es um das Erreichen der Klimaziele geht. Doch was ist das eigentlich? Bundesforschungsministerin Anja Karliczek erklärt es im Gespräch mit dem RND – und formuliert ehrgeizige Ziele, aus ökologischen und ökonomischen Gründen.

02.11.2019