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Deutschland / Welt Wie 130 Kleinstadtpolizisten plötzlich militanten Autonomen begegnen
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17:10 09.11.2010
Einsatzleiter Jörg Beensen setzt seine Truppe in Marsch, um die Untertunnelung der Strecke zu  verhindern.
Einsatzleiter Jörg Beensen setzt seine Truppe in Marsch, um die Untertunnelung der Strecke zu verhindern. Quelle: Kristoffer Finn
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Das Essen in dem Containerdorf nahe des Dannenberger Verladekrans war gut und reichlich. Es gab Salat, Braten, Asiatisches. „Alles prima“, sagt Jörg Beensen, als er seine Papierserviette zusammenfaltet und sich etwas erschöpft in dem Kantinenstuhl zurücklehnt. Es ist Sonnabendmittag, draußen vor der provisorischen Kantine flackern die Blaulichter im Regen, innen, hinter Beensens Rücken, stehen noch Kollegen aus seiner Hundertschaft in Kampfanzügen für den Nachtisch an. Es gibt Pudding in verschiedenen Variationen. Sogar eine Popcornmaschine steht parat. „Auch wenn der Polizeipräsident den Castor-Einsatz kürzlich ätzend genannt hat, finde ich eigentlich, dass es eine schwierige, aber auch interessante Aufgabe ist“, sagt Beensen.

Als Leiter der 41. Einzeldiensthundertschaft hat der 44-Jährige eine Aufgabe, um die ihn wohl die wenigsten beneiden. Er muss den Castor-Transport sicher nach Gorleben geleiten. Unabhängig von seiner politischen Meinung, in einer aufgeheizten politischen Gemengelage, und beäugt von einer äußerst kritischen Öffentlichkeit, die seit dem Wasserwerfereinsatz von Stuttgart noch ein bisschen genauer hinschaut, wie der Staat sein Gewaltmonopol interpretiert. „Wir sitzen hier zwischen den Stühlen“, sagt er. „Aber wenn es hart auf hart kommt, dann hilft eben kein diskutieren.“

Der Mann mit dem Stoppelschnitt und den ruhig taxierenden Augen ist eigentlich eher der Typ Schutzmann. Er war einmal bei der Bereitschaftspolizei, heute allerdings sind Großereignisse die Ausnahme. Wenn nicht gerade der Castor durchs Land fährt oder sonst irgendeine Großveranstaltung ansteht, leitet der verheiratete Mann aus Westerstede das Polizeikommissariat in seiner Heimat im Ammerland. Und auch seine Hundertschaft besteht aus Streifenpolizisten, die ihre Dienstzeit meistens damit verbringen, Familienstreitigkeiten zu schlichten, Verkehrssünder zu schnappen oder Diskoschlägereien zu beenden. „Das wichtigste Einsatzziel ist“, sagt Beensen, „dass alle wieder heil nach Hause kommen.“

Am Sonnabend stehen die Chancen dafür zunächst nicht schlecht. Der Regen plätschert dahin, die Laune der 41. Hundertschaft geht in Richtung Betriebsausflug. Die Polizeiautos stehen aufgereiht auf einem Autohof in Dannenberg, die Polizisten plaudern über ihre Familie und über Kollegen aus anderen Bundesländern, die sie nach langer Zeit im Wendland wiedergesehen haben. Die Oldenburger werden nicht gebraucht, der Protest ist friedlich. Aber gerade als Beensen einigen Demonstranten den Weg zum Gelände erklären will, klingelt sein Telefon. Die Demonstranten müssen nun allein den Weg finden. Beensen winkt seine Zugführer herbei und sagt ins Telefon: „Wenn das so ist, dann ist das wohl so.“

In den nächsten Minuten kann man erleben, wie aus 130 Kleinstadtpolizisten aus dem Oldenburger Raum diejenigen werden, über die viele Wendländer am Abend sagen werden, sie hätten die friedliche Demonstration in Dannenberg in eine gewalttätige verwandelt.

In Sekundenschnelle legen sie ihre Schutzkleidung an, holen ihre riesigen Helme aus dem Kofferraum, stecken sich Schlagstöcke in die Jacke und fahren in Richtung Demonstration. Über Beensens Funkgerät quäken ein paar Schlagworte, von „Kategorie Rot“ und „Straßenunterhöhlung“ ist die Rede, was so viel heißt wie gewaltbereite Autonome versuchen, einen Tunnel unter die Castor-Transportstrecke auf dem Demonstrationsgelände zu graben. Mehr weiß der Leiter der Hundertschaft auch nicht. Polizisten nennen diese Phase eines Einsatzes die Chaosphase.

Der Fußweg der Hundertschaft mit Helmen auf dem Kopf zu der unterhöhlten Straße wird zum Spießroutenlauf. Ältere Herren stellen sich mutig den Beamten in den Weg und beschimpfen Beensen als „Provokateur“. Mit jedem Meter wird die Stimmung gereizter. „Wir sind friedlich und ihr nicht“, ruft eine Gruppe Mädchen den Polizisten zu, und eine Frau mit einem Kind fragt in Sorge, warum sie jetzt wieder prügeln müssen, obwohl alles so friedlich sei. Vielleicht ist es ja wirklich nur ein Missverständnis, aber Beensen weiß, dass die Polizei die Rolle des Buhmanns innehat. Als er der Frau im Laufschritt von Autonomen erzählt, die die Straße unterhöhlt haben, um den Castor zu stoppen, guckt ihn die Frau kopfschüttelnd an, als glaube er an Geister.

Ruppig ziehen Beensen und seine furchteinflößende Truppe weiter. Über das, was er selbst vom Castor-Transport, von Atomkraft, vom Endlager hält, hat sich Beensen bisher ausgeschwiegen, allerdings ließ er durchscheinen, dass er viel Verständnis für die Positionen der Atomkraftgegner aufbringt. „Die Menschen hier sind sehr engagiert, das ist bewundernswert.“ Nun, im Getümmel und in voller Montur, müsste er einen Weg finden, den Respekt zu zeigen ohne seine Aufgabe zu vernachlässigen – ein wenig erfolgversprechendes Unterfangen.

Während er vom Hubschrauber und der Einsatzzentrale die Lage beschrieben bekommt, bahnt er sich eine Schneise zu der unterhöhlten Straße.

Doch auf dem Weg dahin passiert das, vor dem zuvor so viele gewarnt haben. Aus Geschubse wird Gerangel, die ersten Polizisten aus Beensens Einheit treten im Laufen auf einige Demonstranten. Als die ersten Gegenstände auf die Polizisten fliegen, beginnt eine regelrechte Jagd. Beensens Hundertschaft und Kollegen aus Hamburg und Sachsen-Anhalt rennen minutenlang hinter Demonstranten her, sie haben ihre Schlagstöcke in der Hand und prügeln auf einzelne ein, vermummte Autonome schmeißen gleichzeitig mit Holzlatten, Flaschen und rot brennenden Leuchtfeuern auf die Beamten. Schaulustige rennen davon, Vermummte haken sich unter und gehen langsam auf die Polizeikette zu. Der Begriff Chaosphase würde nun noch besser passen. Im Hintergrund singt Rocko Schamoni unermüdlich von der Bühne herab: „Du wählst CDU, darum mach ich Schluss.“

Als die Hundertschaft aus Oldenburg einige Stunden später abgekämpft wieder auf dem Hof der Kantine eintrifft, ist es schon dunkel. Beensen lässt sich auf einen Stuhl fallen, isst etwas und atmet ein paar Mal langsam aus, so, als habe er das in den vergangenen Stunden bei all der Aufregung, der Gewalt und den schnellen Entscheidungen etwas vernachlässigt. „Als ich gelesen habe, dass die Regierung die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängern will, war ich in Gedanken schon beim Einsatz“, sagt er nach dem Essen. „Da wusste ich, die Stimmung wird gereizter.“

Eine versprengte Demonstration, verstörte Protestler, ein Scharmützel mit den Autonomen, Schlagstöcke, Pfefferspray, die Sicherung eines Lochs unter der Castorstrecke – ist so ein Einsatz ein Erfolg? Beensen jedenfalls ist mit dem Einsatz zufrieden. „Das einzige, was mich wirklich ärgert, ist, dass wir keinen festgenommen haben“, sagt er. Die Autonomen hätten seine Einheit mit dem Tunnelbau zwar „ganz geschickt“ in die Demonstrantenmenge gelockt, sagt er. Aber der Auftrag sei erfüllt, die Strecke gesichert, so dass sie bis zum Eintreffen des Castors an der Verladestation wieder repariert werden könne. „Das Wichtigste ist ja, dass alle heil wiedergekommen sind.

Als auch der Nachtisch verspeist ist, ruft der Einsatzführer seine Zugführer zusammen, um mit ihnen den Abend zu besprechen. Wenigstens ein Teil der Hundertschaft soll sich noch für weitere Einsätze bereit halten. Beensen selbst will auch noch nicht in sein Bett im Unterkunftscontainer. Der schwierigste Teil, wenn der Castor in Dannenberg ankommt, der komme ja erst noch. Außerdem sei er überhaupt nicht müde, obwohl er seit fünf Uhr morgens im Dienst sei, sagt der 44-Jährige. Das sei die Aufregung. „Wer bei solchen Einsätzen sagt, er spüre das Adrenalin nicht, der erzählt nicht die Wahrheit“, sagt er.

Dirk Schmaler

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