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Deutschland / Welt Energiewende vs. Jobs – für sie steht der Arbeitsplatz auf dem Spiel
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12:07 21.04.2019
„Die Jungen haben noch nicht verstanden, dass es ohne uns nicht geht“: Maik Rolle, Betriebsrat des Kraftwerks Jänschwalde in der Lausitz. Quelle: Foto: Jaqueline Schulz
Jänschwalde/Emden

Das größte Feindbild der Fridays-for-Future-Demonstranten hat neun Kühltürme, produziert an diesem Tag im April 2625 Megawatt Strom und stößt im Jahr 22,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus. Damit liegt es auf Platz vier der klimaschädlichsten Kraftwerke Europas. Der Dampf aus den Kühltürmen des Kraftwerks Jänschwalde in der Lausitz vereinigt sich zu einer einzigen grau-weißen Fahne und strebt gen Himmel.

Was man hier weithin sieht, ist harmloser Wasserdampf. Aber für Klimaschützer ist dies dennoch ein Bild des Horrors, schließlich verbrennt Jänschwalde klimaschädliche Braunkohle, 80 000 Tonnen pro Tag.

„Mein schönstes Kraftwerk“

Für Maik Rolle ist das Kraftwerk Jänschwalde nicht nur sein Arbeitsplatz seit 1982. Es ist ein Teil von ihm. „Mein schönes Kraftwerk“, entfährt es dem 57-jährigen Betriebsratschef, als er in die Werksstraße einbiegt. Er will das dann lieber ironisch verstanden wissen. Aber die gigantische Fahne in der Lausitzer Luft stellt für ihn tatsächlich zuvorderst einen gewaltigen Leistungsnachweis dar: Hier sind wir. Hier sorgen wir für die Stabilität im deutschen Stromnetz, 18 000 Gigawattstunden im Jahr, Tag und Nacht, bei Sonne und Regen, bei Wind und Flaute. Hier braucht man uns. Und wenn ihr es nicht glaubt, dann zeigt uns erst einmal, wie es anders gehen soll.

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Greta Thunberg in Schweden und Zehntausende Schüler in Europa, sie alle demonstrieren Woche für Woche für die Energiewende. Dafür, dass keine Braunkohle mehr verfeuert und kein Auto mehr mit einem Verbrennungsmotor fährt. Dann, so argumentieren sie, werden alle gewinnen. Weil alle profitieren, wenn es gelingt, die Erwärmung der Erde zu stoppen.

Im Verbrennungsmotor stecken 1200 Teile – im Elektroantrieb 200

Nur wird es einige geben, die auch zu den Verlierern gehören. Einige der 20 000 zum Beispiel, die jetzt in der Braunkohleindustrie arbeiten. Oder die, die Automotoren bauen. 1200 Teile setzen Beschäftigte für einen Verbrennungsmotor zusammen. 200 sind es bei einem Elektroantrieb.

Es werden Menschen übrig sein. Wie sehen sie die Energiewende? Und was wird aus ihnen?

Von 3000 auf 900 Beschäftigte

Über der Werkseinfahrt in Jänschwalde hängt ein signalgelbes Transparent, darauf steht: „An die Politik: Energiewende? Erst erklären, wie es geht, dann beweisen, dass es geht, erst dann weitere Eingriffe.“ Das „erst dann“ ist rot hervorgehoben. Der Slogan ist sperriger als jene auf den Freitagsdemos der streikenden Schüler in der ganzen Republik: „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle“ rufen sie etwa oder „Es gibt kein Recht auf Kohlebaggerfahren“.

„Das sind halt Slogans, die die jungen Menschen sich rausgepickt haben“, sagt Rolle. „Das nehme ich zur Kenntnis.“ Aber es sei ja nicht so, dass sie nichts täten in Jänschwalde. Sie haben modernisiert, reduziert, sie sind nun so flexibel, wie das bei einem Braunkohlekraftwerk möglich ist – und das alles zulasten der Beschäftigten. 3000 waren sie einmal in Jänschwalde, 900 sind sie aktuell, Tendenz weiter deutlich sinkend.

Das Jahr des Ausstiegs ist noch lange hin

„Die jungen Menschen“, sagt Rolle, „haben noch nicht verstanden, dass es ohne uns nicht geht. Wer liefert denn in diesem Land die Energie, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht? Das sind wir. Würde man uns nicht brauchen, wären wir schon längst vom Netz.“ Es ist Stolz, der aus ihm spricht. Noch hat er die Fakten auf seiner Seite. Und 2038, das Jahr des Ausstiegs, ist noch lange hin.

Rolle zeigt auf das Transparent über dem Werkstor. „Wenn wir bis dahin nicht 100 Prozent regenerative Energie liefern können, dann müssen wir eben warten. Das ist Logik. Wenn-dann-Logik.“

40 Milliarden Euro Strukturhilfen

Auch Maik Rolle ist Demonstrationsprofi. Mit seinen Kollegen von der Bergbau-Gewerkschaft IG BCE ist er immer wieder nach Berlin gefahren, hat nach der Bundestagswahl 2017 vor den Koalitionsverhandlungen getrommelt, gepfiffen und ausgeharrt. Als die Kohlekommission in die Lausitz kam, standen sie da, als sie in Berlin tagte, kamen sie hinterher. „Wir sind froh, dass die Menschen in der Region zur Kenntnis genommen werden“, sagt er jetzt, nach den Ergebnissen der Kohlekommission.

40 Milliarden Euro Strukturhilfen sind für die Braunkohleregionen zugesagt, 18 Milliarden soll allein die Lausitz bekommen, eine bessere Bahnanbindung, neue Forschungsinstitute, neue Behörden. Und neue Industriearbeitsplätze? „Die Kumpels fragen: ‚Wo bleiben wir in dem Prozess?‘, sagt Ute Liebsch, die Bezirksleiterin der IG BCE in Cottbus. Sie betrachtet mit Sorge, wie sich jetzt, im Landtagswahljahr in Brandenburg und Sachsen, auch andere in die Rolle der Kümmerer für die Kumpels drängen. „Die AfD plakatiert Kohlebagger, das kommt bei den Kumpels gut an. Aber eine Lösung haben die nicht.“

„Wenn ein anderer Konzern in die Lausitz kommen wollte, wäre er doch schon da“: Lars Katzmarek, 27, arbeitet beim Tagebau- und Kraftwerksbetreiber Leag. Quelle: Jaqueline Schulz

Lars Katzmarek will hier nicht weg. Er ist 27 und kümmert sich beim Tagebau- und Kraftwerksbetreiber Leag um Telekommunikation und IT. Er hat bei der Leag gelernt, wurde übernommen, ließ sich weiterbilden zum Fachtechniker für Elektrotechnik. Für ihn war die Lehrstelle vor zehn Jahren der Hauptgewinn – er konnte in der Region bleiben. „Aus meiner Abschlussklasse“, sagt Katzmarek, „sind noch zwei hiergeblieben.“ Die anderen sind in der ganzen Republik verstreut. Leipzig, Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, Schwaben, Bayern. So sehen Lausitzer Lebensläufe aus. Und in Zukunft? „Die Leag hat 8000 Mitarbeiter, das wird sich in den kommenden Jahren drastisch reduzieren“, sagt er. „Und wenn ein anderer Großkonzern in die Lausitz kommen wollen würde, wäre er doch schon längst da.“

Vielleicht wird auch er eines Tages gehen müssen.

Abgasanlagen? Künftig unnötig

Es ist nicht nur die Kohleindustrie, in der Arbeitsplätze verloren gehen werden. Es ist mehr noch die Autoindustrie. Noch kann niemand genau sagen, wie viele Jobs exakt die Umstellung von Verbrennungs- auf Elektromotoren kosten wird. Ob es 114 000 sein werden, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung errechnet hat. Oder ob es 75 000 sein werden, wie das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft prophezeit. Aber ziemlich sicher ist, dass für den Klimaschutz in diesem Bereich Zehntausende ihre Arbeit verlieren werden.

Und Marc Fischer und Michael Rüter rechnen fest damit, dass sie dabei sein werden.

„Warum muss es so schnell gehen?“: Marc Fischer (links) und Michael Rüter arbeiten beim Abgasanlagen-Hersteller MWA – und fürchten, im Zuge der Elektromobilitätswende ihre Jobs zu verlieren. Quelle: Irving Villegas

Beide sind Anfang 40, was sie herstellen, hängt in metallenen Gestellen vor einer Halle im Industriepark Frisia in Emden, bereit für den Transport hinüber zum VW-Werk gleich nebenan: Abgasanlagen für den VW Passat.

Abgasanlagen, Auspuffrohre, sie gehören zu den Dingen, die man beim Bau eines Elektroautos ganz sicher nicht braucht. „Viele Kollegen haben jetzt einfach Angst“, sagt Betriebsrat Fischer. „Angst vor der Zukunft.“

In zwei Werken in Deutschland will VW künftig nur noch Elektroautos produzieren: in Zwickau – und in Emden. Als der Konzern im Herbst die Entscheidung bekannt gab, „da traf uns das wie Kai aus der Kiste“, sagt Michael Hehemann von der IG Metall in Emden – völlig überraschend also. Seitdem rätseln die Beschäftigten: Ist das nun eine große Chance, weil es einem bislang unausgelasteten Werk den Weg in die Zukunft weist? Oder ist es eine Bedrohung, weil niemand weiß, ob wirklich genügend Menschen die E-Autos kaufen werden, die sie hier künftig bauen? „Im Moment“, sagt Gewerkschaftssekretär Hehemann, „überwiegt die Verunsicherung.“

Die Zulieferer trifft es zuerst

Halb zwei am Tor des Emder VW-Werks, Schichtwechsel. Wer die Beschäftigten auf den Elektroumbau anspricht, hört zwei Arten von Antworten. Da sind vor allem die Jüngeren, ein 31-jähriger Industriemechaniker etwa. Er hat auf der Werft gelernt, die längst einen Großteil der Leute entlassen hat, aber hier sieht er sich nun auf der richtigen Seite. „Für mich ist das meine Zukunft“, sagt er fast euphorisch und eilt durch ein Drehkreuz hinein. Vor allem Ältere sind skeptisch.

„Das Klima schützen ist ja gut und schön“, sagt dagegen einer, der schon seit 20 Jahren bei VW arbeitet. „Aber man muss auch an die Menschen denken.“

Verunsicherung trotz Beschäftigungsgarantie: Beschäftigte des Emder VW-Werks beim Schichtwechsel. Quelle: Villegas

Dabei haben die Beschäftigten von VW sogar eine Beschäftigungsgarantie bis 2028. Als Erstes wird es die Zulieferer treffen, diejenigen also, auf deren Dienste die Autokonzerne am ehesten verzichten können. Sie tragen die ersten Kosten der Unterstellung. Das Montagewerk Abgastechnik ist der kleinste Zulieferbetrieb in Emden, rund 30 Kollegen haben Fischer und Rüter dort. Und er ist der, dessen Produkt sehr eindeutig überflüssig erscheint.

Die Zerrissenheit ist hier sehr deutlich zu spüren. Fischer hat vier Kinder, das jüngste ist vier, das älteste 21 Jahre alt. Schon für sie will er, dass der Schutz des Klimas gelingt. Andererseits wird es ihn wohl den Job kosten, und er hat Angst, dass es nicht mal etwas nützt. „Wenn man auf dem Parkplatz bei Lidl ’ne Ladestation hätte, dann könnte man sich das ja alles klarer vorstellen“, sagt er. „Aber so?“ Sein Kollege Rüter hält den Umstieg für überstürzt. „Warum muss es jetzt so schnell gehen? Warum lässt man sich nicht etwas mehr Zeit und macht es richtig?“ So denken sie hier jetzt.

Schlechte Erfahrungen mit der Windenergie

Rüter und Fischer hoffen jetzt auf die Landesregierung. „Der Umstieg auf Elektromobilität darf für Emden nicht zum Jobkiller werden“, sagt Meinhard Gerkan, Bezirksleiter der IG Metall Küste. Neue Zulieferbetriebe sollen nach Emden kommen, vor allem ein Batteriewerk will die Landesregierung in den Norden holen. Dann könnte alles gut werden.

Rüter und Fischer würden gerne daran glauben. Sie wissen nur eben auch, wie es beim letzten Mal ausgegangen ist, als die Küste von einer ökologischen Zukunftstechnik profitieren sollte. Da sollte die Windenergie die nächste große Sache werden. Doch der Ausbau stockt. Es kam bislang nicht so, wie es viele hofften.

Die letzte Nachricht war, dass der Windkraftanlagenhersteller Enercon allein in Emden knapp 200 Stellen streichen muss.

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