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Deutschland / Welt Washington rätselt über das Phänomen Sarah Palin
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Washington rätselt über das Phänomen Sarah Palin
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21:58 14.05.2010
Von Stefan Koch
Nimmt wieder kurz auf Washington: Sarah Palin.
Nimmt wieder kurz auf Washington: Sarah Palin. Quelle: ap
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Im Ronald-Reagan-Zentrum unweit des Weißen Hauses trat sie vor mehreren hundert Abtreibungsgegnern auf, um gegen die Obama-Administration zu wettern.

2008 war Palin als Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten gescheitert. Doch im Gegensatz zu anderen Politikern, die vergeblich um den Einzug ins Weiße Haus kämpften, zog sie sich nicht wieder zurück. Sie sucht auch nach ihrer Niederlage gezielt die Öffentlichkeit, veröffentlichte mit Erfolg ihre Autobiografie und bändelte mit der konservativen Tea-Party-Bewegung an. Sie will, so sagt sie, weiterhin den "echten Amerikanern" eine Stimme geben, denjenigen, die sich nicht von der progessiven Politik Barack Obamas vertreten fühlen. Sie rührt die Trommel für all die Landsleute, die sich bedroht fühlen und ihre Heimat im Niedergang sehen.

Ein Engagement, das zumindest finanziell einträglich ist: Ihr Honorar wird auf etwa 100 000 Dollar pro Auftritt geschätzt. In der Regel spricht sie dabei über ihren eigenen Lebensweg und ihre Familie - ohne Scheu, Privates öffentlich zu machen. So auch an diesem Freitag: Vor den Abtreibungsgegnern beschreibt sie in aller Ausführlichkeit, dass sie sich ganz bewusst auch für ihr jüngstes Kind entschieden habe, das mit Down-Syndrom zur Welt kam. Damals, so sagt Palin, habe "Gott zu ihr gesprochen".

Das strikte Eintreten für das Leben hält die erfolgreiche Rednerin allerdings nicht davon ab, noch am gleichen Tag vor der nationalen Waffengesellschaft zu sprechen, die für den großzügigen privaten Besitz von Revolvern und Gewehren streitet.

Ihre Gegner werfen ihr vor, einen gut bezahlten Kreuzzug gegen die Moderne zu führen. Ihre Anhänger sehen in ihr ein wachsendes Gegengewicht zur politischen Elite, die das Land verscherbeln würde. Eine Polarisierung, die ihr letztendlich zugute kommt: Das Machtverhältnis zu ihrem einstigen politischen Ziehvater und Präsidentschaftskandidaten John McCain hat sich geradezu umgekehrt. Wer als Konservativer in den Kongress einziehen will, sucht ihre Nähe. Obwohl Palin selbst in den Reihen der Republikaner als eine Frau vom rechten Rand gilt, führt mittlerweile kaum ein Weg an ihr vorbei. Ihre Appelle an amerikanische Tugenden und Werte kommen an - und seien sie noch so schlicht formuliert.

Das lässt sich sogar im liberalen Washington beobachten. Die Sitzplätze im Ronald-Reagan-Zentrum sind an diesem Freitag begehrt, obwohl die Tickets zwischen 150 und 25 000 Dollar kosten. Eine ältere Dame, die eigens aus dem benachbarten Richmond anreiste, lobt die Rednerin bereits vor ihrem Auftritt in höchsten Tönen: "Als Mutter, Ehefrau und erfolgreiche Politikerin ist sie ein Vorbild für unser Land." Dass die frühere Gouverneurin von Alaska in konkreten politischen Auseinandersetzungen oftmals keine gute Figur macht, selbst bei Parteifreunden umstritten und außenpolitisch unerfahren ist, ficht sie nicht an. Ganz im Gegenteil: Ihre Distanz zum politischen Establishment erscheint vielen im Land geradezu als Auszeichnung. Laut jüngsten Umfragen lehnen zwar mehr als 50 Prozent der Amerikaner Palin ab. Immerhin bekennen sich aber fast 40 Prozent zu ihr - obwohl sie seit mehr als einem Jahr ihre öffentlichen Auftritte selbst organisieren muss.

Buchveröffentlichungen und eine eigene Show beim konservativen Sender Fox weiß sie geschickt für ihre Popularität zu nutzen. Ihr eigentlicher Erfolg entspringt aber wohl eher der Strategie, ganz gezielt in der Provinz Stimmung zu machen. Dort, wo ihrer Meinung nach das "wahre Amerika" zu finden ist, sammelt sie die Truppen. Die Obama-kritische Tea-Party-Bewegung weiß sie zu nutzen, obwohl es sich dabei eher um ein Sammelsurium unterschiedlichster Interessen handelt. Sarah Palin entwickelt sich zu einer eigenständigen Marke. Zu einem Phänomen, das in Washington ernst genommen wird.