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Deutschland / Welt Vom Nazi-Fanklub zum Terrorkommando
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22:04 17.07.2013
Von Karl Doeleke
Aggressiv und gewaltbereit: Der Schweizer Neonazi Sebastien N.
Aggressiv und gewaltbereit: Der Schweizer Neonazi Sebastien N. Quelle: dpa
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Hannover

Es hätte Tote geben können. Das war vor fünf Jahren die Bilanz des Hamburger Innensenators Udo Nagel nach einer Orgie der Gewalt in der Hansestadt. Im alten Arbeiterstadtteil Barmbek waren am 1. Mai 2008 etwa 1500 Rechtsextremisten auf 10.000 Gegendemonstranten getroffen. Zu Hunderten prügelten Rechts- und Linksextremisten aufeinander ein, Passanten wurden niedergeschlagen, Linienbusse attackiert, Autos in Brand gesetzt. Einen derartigen Gewaltausbruch, sagte der erfahrene Polizist Nagel damals, habe er noch nie erlebt.

Maßgeblich verantwortlich war für die Eskalation der Gewalt: Sebastien N., berüchtigter Neonazi aus der Schweiz. Angeblich ist er der Kopf eines von der Bundesanwaltschaft am Mittwoch zerschlagenen rechtsextremistischen Terrornetzwerks, dem „Werwolf“-Kommando.

Der Eidgenosse hat einen besonderen Hang zur Hansestadt, er hat Freunde an der Elbe und im niedersächsischen Umland. Hierhin flüchtete der 25 Jahre alte Mann mit den auffälligen Tätowierungen im Mai 2012 vor der Schweizer Polizei. Sebastien N. hatte auf einen verfeindeten Neonazi geschossen und war in der Schweiz gerade erst wegen 44 Delikten wie Körperverletzung und Bedrohung zu 39 Monaten Haft verurteilt worden. Die Polizei verhaftete N. wenige Tage später auf dem Bahnhof in Hamburg-Harburg. Er hatte eine geladene Waffe bei sich. Offenbar wollte N. zu seinen Freunden von der „Weiße Wölfe Terrorcrew“ (WWT), einer berüchtigten Truppe norddeutscher Neonazis. Nach Angaben des hamburgischen Verfassungsschutzes hat sie nur etwa zehn Mitglieder, die meisten gewaltbereit. Einige finden sich heute bei den verhinderten Terroristen vom „Werwolf“-Kommando wieder, etwa Denny R. aus Buchholz im Kreis Harburg oder Heiko W., der in Großburgwedel offenbar einen Zweitwohnsitz hat.

Razzien in der Region Hannover, im niedersächsischen Umland von Hamburg, in Mecklenburg-Vorpommern, den Niederlanden und der Schweiz – die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat mit dem „Werwolf“-Kommando wie es scheint ein neues rechtsextremes Terrornetzwerk nach dem Vorbild des NSU zerschlagen. Seit der zweiten Jahreshälfte 2012 hatten die Ermittler ein Auge auf die konspirativen Machenschaften der sechs Neonazis gehabt – die Wege der Männer haben sich immer wieder in Norddeutschland gekreuzt: Eben bei jener Clique der „Weiße Wölfe Terrorcrew“. 2008 erstmals in Erscheinung getreten, wird sie seit Jahren vom hamburgischen Verfassungsschutz beobachtet.

Die WWT war ursprünglich einmal als Fanklub der Rechtsrocker Weiße Wölfe gegründet worden und trat zunächst auch nur als Sauf- und Spaßtruppe auf. Vier von sieben Alben der Weißen Wölfe stehen auf dem Index, die Band steht dem in Deutschland verbotenen Blood-&-Honour-Netzwerk nahe.

Schnell radikalisierte sich die WWT. Sie ist heute eher rechtsextreme Kameradschaft als Fanklub, die Gruppe hat sich seit 2008 personell stark verändert und sogenannte Sektionen gegründet: Es gibt in der Schweiz eine Sektion Helvetia – und es gibt eine Sektion Hannover. Gründungsmitglied ist der Neonazi Uwe A. aus Ricklingen, zugleich stellvertretender „Gauleiter“ für Niedersachsen in der Vereinigten Kameradschaft Deutschland. Die WWT ist inzwischen eine über die Grenzen Deutschlands hinaus handelnde Nazi-Truppe, aus deren Netzwerk heraus das rechtsextreme Terrornetzwerk „Werwolf“-Kommando entstanden sein könnte.

Im jüngsten Jahresbericht des niedersächsischen Verfassungsschutzes taucht die WWT nur am Rande auf. Was der niedersächsische Dienst verzeichnet hat, führt aber wiederum in den Norden Niedersachsens sowie nach Hamburg und wiederum zu Leuten, bei denen am Mittwoch durchsucht wurde. Im Mai vergangenen Jahres fand auf Antrag des Landeskriminalamtes Hamburg in 17 Wohnungen in Hamburg und Niedersachsen eine groß angelegte Razzia statt – in Hamburg wurde unter anderem die damalige Wohnung von Heiko W. durchsucht und möglicherweise auch sein Zweitwohnsitz in Großburgwedel. In Buchholz klingelten die Beamten bei Denny R.

Die Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft in Hamburg sind inzwischen abgeschlossen, einige wurden nach Niedersachsen abgegeben und sind ebenfalls gegen Zahlung einer Geldbuße beendet worden – meistens lautete der Vorwurf auf Verstoß gegen das Versammlungsgesetz. Es hatte im Dezember 2011 einen gespenstischen Aufzug in Hamburg-Harburg unter dem Motto „Volk, Trauer, Widerstand“ gegeben: In Dreierreihen waren Maskierte mit Fackeln durch Harburg gezogen und skandierten die Parole „Volkstod stoppen“. Denny R. und Heiko W. waren später offenbar bereit, für ihre kruden Ideen nicht mehr nur auf die Straße zu gehen.

„Diese Leute sind äußerst gefährlich“

Martin Burgdorf vom Verein Miteinander e. V. im Interview

Herr Burgdorf, wie gefährlich ist das Neonazi-Netzwerk „Weiße Wölfe Terrorcrew“?
Diese Struktur ist Teil der militanten und offen neonazistsichen Kameradschaftsszene. In dieser Szene wird Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung und gegen Menschen, die nicht ins Weltbild der Neonazis passen, propagiert. Den Worten folgten Taten, einige Personen der „Terrorcrew“ waren an rechtsmotivierten Übergriffen beteiligt. Wenn jetzt solche Leute auch noch an scharfe Waffen kommen, sind sie äußerst gefährlich. Einer der jetzt Verdächtigen, der der Schweizer Sektion zugerechnet wird, gilt dort als einer der gefährlichsten Neonazis des Landes.

Die sechs Männer sollen laut BKA Bombenanschläge erwogen haben. Haben es die Ermittler mit einem zweiten NSU zu tun?
Den Vergleich würde ich aufgrund der zahlreichen brutalsten Morde in Form eiskalter Hinrichtungen des NSU nicht ziehen. Das Wissen um die Herstellung von Sprengstoff oder der Besitz von Sprengstoff wird in der Szene bei Razzien immer wieder festgestellt. Das ist natürlich eine große Gefahr. Immer wieder gab es auch vor dem NSU rechten Terror, bei dem auch Bomben eingesetzt wurden. Es sei hier an das Attentat beim Münchener Oktoberfest erinnert. Dennoch muss man jetzt die Ermittlungsergebnisse und die Beweisführung abwarten und sehen, was an den Vorwürfen dran ist. 

Besteht die Gefahr, dass sich die übrigen Mitglieder der „Terrorcrew“ jetzt weiter radikalisieren?
Ich halte die Gruppe bereits für radikalisiert. Was das jetzt für Folgen auf die einzelnen Sektionen in der Gesamtheit und deren Aktionsformen hat, muss man abwarten.

Es gibt auch eine hannoversche Gruppe der WWT. Was ist über diese Leute bekannt?
Einer der Protagonisten, der zur Sektion Hannover dieses Netzwerks gerechnet wird, hatte im Rahmen der Razzien wegen der „Unsterblichen-Aktion“ ebenfalls eine Hausdurchsuchung. Diese Person ist regelmäßig und überregional auf Aufmärschen anzutreffen. Teils auch mit anderen Neonazis aus dem Spektrum der mittlerweile verbotenen Gruppe „Besseres Hannover“. Viele eigene Aktivitäten unter dem Label der Sektion Hannover waren bislang aber nicht festzustellen.

Interview: Tobias Morchner

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