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Deutschland / Welt USA inszenieren den Abzug ihrer Kampftruppen aus dem Irak
Nachrichten Politik Deutschland / Welt USA inszenieren den Abzug ihrer Kampftruppen aus dem Irak
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23:11 19.08.2010
„Wir haben gewonnen“: US-Soldaten vor dem morgendlichen Aufbruch ihrer Einheiten vom Irak ins benachbarte Kuwait.
„Wir haben gewonnen“: US-Soldaten vor dem morgendlichen Aufbruch ihrer Einheiten vom Irak ins benachbarte Kuwait. Quelle: ap
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Am Ende hatte es das US-Militär eiliger als gedacht. Zwei Wochen vor dem offiziell angepeilten Abzugstermin am 31. August hat sich vor laufenden Kameras der letzte größere US-Kampfverband über die Grenze des Iraks ins benachbarte Kuwait zurückgezogen.

„Wir gehen nach Hause! Wir haben gewonnen! Wir haben es überstanden!“, skandierten die Soldaten erleichtert. Die Bilder dieses Jubels erreichten die Amerikaner ohne Vorankündigung. Vor sieben Jahren, zu Kriegsbeginn, war das ganz anders. Über Wochen und Monate war die amerikanische Öffentlichkeit auf den damaligen Start des Krieges eingestimmt worden. Als die ersten Bomben auf Bagdad fielen, kamen sie zwar um einige Stunden einem amerikanischen Ultimatum zuvor, aber die ganze Nation wartete gebannt auf diesen Moment.

Doch die Zeit, in der amerikanische Medien fast jeden Tag neue Tote mit Foto und Namen identifizierten, ist längst vorbei. Mindestens 4415 Amerikaner hat nach der jüngsten Statistik des Pentagon das umstrittene kriegerische Abenteuer das Leben gekostet – und trotz der Bilder vom Abzug wird die Zahl auch noch, wenngleich langsam, weiter wachsen. 45 US-Soldaten sind seit Jahresbeginn ums Leben gekommen. Die Nichtregierungsorganisation „Iraq Body Count“ gibt die Zahl getöteter irakischer Zivilisten von 2003 bis Donnerstag mit 106 146 an, die durchschnittliche tägliche Totenzahl im Irak lag 2010 bislang bei 10,5.

Die Art und Weise, wie die Bilder vom Abzug inszeniert wurden, ist symptomatisch. Die meisten US-Soldaten, die in den vergangenen Wochen und Monaten das Land verlassen haben, taten dies aus Sicherheitsgründen auf dem Luftweg. Immer noch gibt es weit im Land verstreut etwa 6000 amerikanische Kampftruppen, die vermutlich nicht einmal alle bis Ende August abgezogen werden können. Darüber hinaus werden 50 000 amerikanische Soldaten auch nach dem „Abzugstermin“ im Lande bleiben. Sie sollen als Berater eingesetzt werden, und ihre Mission wird von „Operation Iraqi Freedom“ („Operation Freiheit für den Irak“) zur „Operation New Dawn“ („Operation neue Morgendämmerung“) umbenannt. Unterm Strich sind die aktuellen Bilder von jubelnd heimkehrenden Soldaten nur eine Inszenierung für die amerikanische Öffentlichkeit. Wie nervös das amerikanische Militär war, zeigt die Tatsache, dass man noch nicht einmal auf den offiziellen Abzugstermin warten wollte, um der Nation die Bilder heimkehrender Soldaten zu präsentieren. Nur einige handverlesene, zumeist der Obama-Regierung gewogene Medien wie der Nachrichtensender MSNBC wurden eingeweiht – und bekamen so eine willkommene Exklusivmeldung. „Die Kampfmission endet offiziell nicht vor dem 31. August, aber Zuschauern und Lesern kann man es nachsehen, dass sie glauben, es sei schon heute Abend der Fall gewesen“, schreibt die nicht zu den Einbezogenen gehörende „New York Times“. Den in den vergangenen Wochen wieder erstarkenden Terroristen und antiamerikanischen Radikalen im Land sollte mit dem Überraschungscoup offensichtlich ein berechenbares Ziel genommen werden. Wenn auch nur ein amerikanischer Soldat auf dem Weg zur Grenze noch Opfer des Krieges geworden wäre, hätte das den beabsichtigten Effekt ruiniert. Die Sicherheitsvorkehrungen waren nach Darstellung der begleitenden Journalisten dennoch enorm. Überall entlang der Strecke, an allen kritischen Punkten und an allen Brücken mussten andere Soldaten ihre Kameraden bewachen.

Die US-Öffentlichkeit ließ die Show vom Abzug dennoch vergleichsweise kalt. Dass etwa der Nachrichtensender WTOP in Washington Donnerstagfrüh dem Abzug weniger Sendezeit widmete als dem Skandal über den Rückruf von 380 Millionen unter Salmonellenverdacht stehenden Hühnereiern, der die amerikanischen Verbraucher zurzeit umtreibt, wirft darauf ein Schlaglicht. Der Irak hat in der Berichterstattung der US-Medien in den vergangenen Monaten kaum noch eine Rolle gespielt. Selbst der verheerende Anschlag, der am Dienstag 61 Rekruten der irakischen Armee das Leben kostete, wurde am Rande abgehakt. Auch die Berichterstattung über Afghanistan, wo der Krieg immer mehr amerikanische und afghanische Opfer kostet, wird nicht mehr so intensiv wahrgenommen wie in den schlimmsten Jahren des Irak-Krieges. Wie prekär die Lage im Irak immer noch ist, zeigt schon allein die Tatsache, dass nach dem Abzug das US-Verteidigungsministerium die Zahl seiner privaten Sicherheitskräfte auf mehr als 7000 verdoppeln will.

„Der Irak von heute ist vollgestopft mit durch die Amerikaner verordneten Terminen, Fahrplänen und Meilensteinen, die Realitäten schaffen wollten, wo es nie entsprechende Realitäten gab“, schreibt Anthony Shahid, Bagdad-Korrespondent der „Washington Post“. Die USA zögen sich schlicht zurück, weil sie das Thema loswerden wollten – auch wenn der Irak Monate nach der jüngsten Wahl immer noch keine stabile Regierung habe. Er zitiert Ryan Crocker, einen früheren Botschafter in Bagdad, mit der These, dass die Amerikaner aus Sicht der Araber immer zu wenig Zeit für eine nachhaltige Politik im Nahen Osten haben: „Wenn etwas nicht gleich morgen oder spätestens übermorgen passiert, dann wollen wir die Sache lieber hinter uns lassen.“

Andreas Geldner