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Deutschland / Welt Spanien: Die Umbettung des Leichnams von Francisco Franco
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20:45 24.10.2019
Familienmitglieder tragen den Sarg mit den Gebeinen des früheren spanischen Diktators Franco. Quelle: Getty Images
Madrid

Um zwanzig nach zehn verschwand der letzte Franco hinter der kleinen Tür im großen Eingangstor zur Basilika im Valle de los Caídos. Danach gab es fürs Publikum zweieinhalb Stunden lang nichts zu sehen. Im Inneren der Basilika wurde der Sarg Francisco Francos aus seiner Grabstätte hinterm Altar hervorgeholt, und außer 22 Angehörigen des Diktators und ein paar Offiziellen sollte niemand dabei zuschauen. Ganz anders als bei der Beerdigung vor 44 Jahren, am 23. November 1975, einem Staats- und Propagandaakt mit Zehntausenden Teilnehmern, der in alle spanischen Wohnzimmer ausgestrahlt wurde.

Franco hatte das Valle de los Caídos, das von einem 150 Meter hohen Betonkreuz gekrönte „Tal der Gefallenen“, als unübersehbares Zeichen seines Sieges im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) bauen lassen. Nach seinem Tod blieb er 44 Jahre lang unbehelligt in seinem Grab, auf dem immer frische Blumen lagen. Bis zu diesem Donnerstag. Um 12.53 Uhr öffnet sich das große Tor der Basilika. Auf den Schultern von acht der Franco-Nachfahren schwankt der Sarg des Diktators ins Freie hinaus. Das Valle de los Caídos hat aufgehört, ein Mausoleum zu sein.

Es war eine Entscheidung der sozialistischen Regierung von Pedro Sánchez, den Leichnam Francos aus dem Valle de los Caídos herauszuschaffen. Die sieben Franco-Enkel, allesamt Franquisten, stellten sich quer und klagten, aber am Ende gab der Oberste Gerichtshof der Regierung Recht und erteilte grünes Licht für die Umbettung. Danach ließ sich die Regierung auf ausführliche Verhandlungen mit den Franco-Erben über die Modalitäten des Leichenumzugs ein, was der Familie nach Ansicht des Geschichtsaktivisten Emilio Silva eine „goldene Minute“ der Propaganda bescherte.

Leichnam von Spaniens Ex-Diktator Franco umgebettet

Die acht Franco-Nachfahren tragen auf ihren Schultern den Sarg durch das Tor der Basilika: den Originalsarg aus Holz, darin ein Zinksarg, die beide in den vergangenen Jahren kaum Schaden genommen haben, darauf ein Kranz mit rot-gelben Schleifen, den Farben Spaniens. Sie tun ein paar Schritte über den leeren Vorplatz der Basilika, dann zehn Stufen hinab zum wartenden Leichenwagen, sie schieben den Sarg in den Wagen hinein.

Der franquistische Prior des Benedektinerordens der Basilika besprengt den Sarg mit Weihwasser, die Angehörigen bekreuzigen sich, dann rufen sie: Viva Franco, Viva España. Vor den Augen und Ohren ganz Spaniens, das die Szene auf allen großen Fernsehkanälen verfolgt. Nach vier Minuten ist das Ganze vorbei. Im Hintergrund sieht man Justizministerin Dolores Delgado als ranghöchste Vertreterin der spanischen Regierung. Sie macht ein schlecht gelauntes Gesicht.

Das Grabmal ist nicht Familien-, sondern Staatsbesitz

Eine Dreiviertelstunde später hebt der Hubschrauber der spanischen Luftwaffe ab, der den Sarg in Begleitung der Ministerin und eines Franco-Enkels nach El Pardo bringt, einem Außenbezirk Madrids, keine 20 Flugminuten vom Valle de los Caídos entfernt. In El Pardo führte Franco seine Regierungsgeschäfte. Es ist ein kleiner, von Wald umgebener Ort, an dessen Rand der Friedhof Mingorrubio liegt, auf dem Franco an diesem Donnerstagnachmittag zum zweiten Mal bestattet wird. Es ist ein Friedhof voller großspuriger Familiengräber, etwa dem des Franco-Stellvertreters Luis Carrero Blanco, 1973 von der Eta ermordet, oder dem des dominikanischen Diktators Rafael Trujillo. Kein Ort des schlichten Gedenkens.

Beherrscht wird der Friedhof von einer Kapelle, die sich erst auf den zweiten Blick als Grabstätte herausstellt: als pompöses Pantheon der Familie Franco. Hier wurde 1988 Francos Witwe Carmen Polo bestattet. Bis Donnerstag lag sie allein, unbeachtet von Besuchern oder Angehörigen. Das Grabmal ist nicht Familien-, sondern Staatsbesitz. Die Regierung hat fast 40.000 Euro investiert, um es so weit instand zu setzen, dass in Zukunft niemand so einfach in dessen Inneres vordringen kann.

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Wer vor diesem Donnerstag noch irgendwelche Zweifel hatte, auf welcher Seite der Geschichte die Franco-Familie steht, muss sie nun nicht mehr haben. Zum Abschluss des Tages lassen die Angehörigen in der Grabkapelle eine Totenmesse lesen, vom Prior des Valle de los Caídos, Santiago Cantera, und vom Priester Ramón Tejero. Ramón ist der Sohn von Antonio Tejero, der 1981 einen Putsch gegen die junge Demokratie versuchte. Antonio Tejero, heute 87 Jahre alt, gehört zu denen, die nichts bedauern.

Am Donnerstag taucht der Alte plötzlich in der Nähe des Friedhofs Mingorrubio auf. Und so wie er sich einst seinen Weg ins Parlament frei schoss, so will er sich jetzt durch die Polizeikette vor dem Friedhof hindurchdrängeln, auf dem er nichts zu suchen hat. Diesmal hat er keine Waffe dabei, die Polizei drängt ihn ab, während ihn ein paar Gesinnungsgenossen bejubeln. Das fehlte noch an diesem Tag. So schnell wird Spanien seine Franco-Vergangenheit nicht los. Auch 44 Jahre nach dem Tod des Diktators nicht.

RND

Von Martin Dahms/RND

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