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Deutschland / Welt Sechsjährige in Handschellen abgeführt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Sechsjährige in Handschellen abgeführt
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18:34 18.04.2012
Von Stefan Koch
Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Washington

Die US-Polizei sorgt mit ihrem rigiden Auftreten an Schulen wieder einmal für Aufsehen: In dieser Woche führten die Ordnungshüter in dem Städtchen Milledgeville in Georgia ein sechsjähriges Mädchen in Handschellen ab, das im Unterricht gestört hatte. In dem Polizeibericht, der am Mittwoch landesweit für Schlagzeilen sorgte, heißt es, die Kleine habe andere Schüler geärgert, Unterrichtsmaterialien gegen die Wand geworfen und den Rektor angegriffen. Der Pädagoge wusste sich offenbar nicht anders zu helfen und rief die Beamten zu Hilfe.

Entgegen ersten Berichten wurde das Mädchen auf der Polizeiwache jedoch nicht in eine Zelle gesperrt. Der örtliche Sheriff betont, dass das Kind zur eigenen Sicherheit im Streifenwagen mitgenommen wurde. Es sei lediglich in ein Verhörzimmer gebracht worden, wo man ihm auch umgehend die Handschellen abnahm.

Die Versuche des Sheriffs, die landesweite Empörung über diesen Einsatz zu dämpfen, schlagen aber offenbar fehl. Die Familie droht bereits mit rechtlichen Schritten: "Unsere Kleine mag sich ja unangemessen verhalten haben. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schlimm war, dass man ihr Handschellen anlegen und zur Polizeiwache transportieren musste", sagte die Tante gestern vor Journalisten.

Die Aufregung über den spektakulären Einsatz gegen ein kleines Kind kommt nicht von ungefähr: Seit Jahren ruft so mancher Lehrer die Polizei zu Hilfe, wenn die Kleinen über die Strenge schlagen. Bewaffnete Uniformträger sind in vielen Schulen des Landes mittlerweile selbstverständlich. Was in den achtziger Jahren als Reaktion auf den weitverbreiteten Drogenmissbrauch gedacht war, hat sich in den Augen vieler Kritiker offenbar verselbstständigt. Anstatt ein klärendes Gespräch mit den Eltern zu führen, melden sich einige Pädagogen lieber bei der Polizei.

Eine Entwicklung, die auch auf Bundesebene mit Sorge betrachtet wird. So hält es Justizminister Eric Holder für eine "dramatische Fehlentwicklung", Kinder, die sich auf dem Schulhof prügeln oder im Unterricht stören, mit Kriminellen gleichzusetzen. Das, sagte Holder kürzlich in Washington, dürfe so nicht weitergehen.

Als prominente Gegnerin des weitverbreiteten Polizeieinsatzes in Schulen gilt auch die Juristin Kady Simpkins aus Texas. "Wir haben kindliches Verhalten kriminalisiert", sagt Simpkins, die im vergangenen Jahr eine Zwölfjährige vor Gericht verteidigte. Die Schülerin war von der Polizei festgenommen worden, weil sie sich - wohl recht intensiv - parfümiert hatte. Der anhaltende Protest der Rechtsanwältin bewirkte im vergangenen Jahr letztendlich eine Modifizierung der texanischen Gesetze. Zumindest bis zu einem Alter von elf Jahren sollen Kinder nicht mehr für ihr Verhalten im Unterricht vor Gericht gestellt werden.

Offensichtlich fühlt sich die Polizei als Ordnungsmacht an den Schulen sogar selbst überfordert: 2010, kurz bevor Texas das Gesetz wieder etwas kindgerechter ausgestaltete, verhängten Polizisten und Richter gegen insgesamt 250 000 Kinder Geldbußen und andere Auflagen. Viele der amtlich registrierten Strafmaßnahmen bekamen Kinder zu spüren, die gerade erst eingeschult wurden.

Das harte Vorgehen gegen die ganz Kleinen gehört allerdings nicht nur im Mittleren Westen zum Alltag. Auch in der Hauptstadt Washington patroullieren bewaffnete Beamte regelmäßig an öffentlichen Schulen - selbst in Gebäuden, in denen Drei- bis Sechsjährige untergebracht sind. Fernando Miguell, Vater eines fünfjährigen Kindes an der Janney Elementary School in Washington, unterstützt das harte Vorgehen: "Die Kinder sollen Respekt vor der Polizei lernen. Und Attentäter werden abgeschreckt, unsere Schule zu überfallen."

In der 20 000-Einwohner-Stadt Milledgeville in Georgia hält man von dieser Entwicklung offensichtlich nicht viel. Die Mutter der Sechsjährigen, die jetzt in Handschellen abgeführt wurde, kann über den Vorfall nur den Kopf schütteln. Gegenüber einem Fernsehsender sagte sie über die Hintergründe der Festnahme: "Meine Tochter hat manchmal schlechte Laune, so wie jeder von uns mal schlechte Laune hat."