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Deutschland / Welt Protestaktion wird von ausgefeilter Organisation getragen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Protestaktion wird von ausgefeilter Organisation getragen
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16:26 09.11.2010
Von Heinrich Thies
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Vor dem Zwischenlager in Gorleben ist es nicht eben gemütlich an diesem Tag. Aus grauem Himmel fällt Nieselregen. Trotzdem haben sich Tausende von Atomkraftgegnern auf der Zufahrtsstraße niedergelassen, um den Castoren bis zuletzt den Weg zu versperren. Manche – wie die 31-jährige Wiebke aus Hamburg – campieren schon seit 30 Stunden auf der Straße. Hungern muss niemand. Es gibt „Anti-Castor-Pizza“ und vegetarische Linsensuppe. Dafür sorgen mehrere Kochteams der alternativen mobilen Volxküche, die schon Demonstranten bei anderen Großkundgebungen in Deutschland versorgt haben.

Der Widerstand im Wendland basiert nicht nur auf einer gemeinsamen Weltanschauung, zumindest in Sachen Atomenergie, sondern auch auf einem ausgeklügelten Zusammenspiel unterschiedlicher Gruppen. Das hat sich schon in der Nacht zuvor bei der großen Gleisblockade gezeigt: Die Versorgung mit Heißgetränken und warmen Speisen klappt hervorragend. Unterstützer bilden lange Ketten und reichen Proviant, Strohsäcke und warme Decken durch die umliegenden Fichtenwälder bis hin zur besetzten Castor-Transportstrecke durch. Die Durchhalteparole „Frühstück auf den Schienen“ ist da ganz wörtlich zu nehmen. An heißem Kaffee und belegten Broten jedenfalls fehlt es in den Stunden der Räumung im Morgengrauen nicht. Und über den Nachschub muss sich die Volxküche im Wendland keine Sorgen machen: Sympathisierende Bauern, Bäcker und Bioläden beliefern die mobilen Kochteams kostenlos mit Mehl, Milch und Kartoffeln.

Die Bauern, die sich in der Bäuerlichen Notgemeinschaft zusammengeschlossen haben, machen sich auch auf andere Weise nützlich. Am Montag trieben sie zum Beispiel einfach eine Herde von 2000 Schafen und Ziegen auf die Straße, um die verhassten Castoren zu stoppen. Üblicherweise aber arbeiten sie mit ihren Treckern. Und sie blockieren mit dem schweren Gerät nicht einfach nur die Castor-Transportstrecke, sie versperren auch der Polizei den Weg, um zu verhindern, dass eine Blockade geräumt wird. Auch aus diesem Grund ist es den Schienenblockierern so lange gelungen, unbehelligt auf den Gleisen zu bleiben. Drei wichtige Kreuzungen waren lange Zeit von Treckern der „Bäuerlichen Notgemeinschaft“ besetzt. Nur Demonstranten durften durch.

„Das Zusammenspiel war großartig“, sagt Hauke Nissen von der Gruppe „Widersetzen“. Er hat die Nacht auf den Schienen und den frühen Morgen in der Gefangenensammelstelle der Polizei verbracht. Bei der Organisation der zurückliegenden Großblockaden griff ein Rädchen ins andere. Das „Radio Freies Wendland“ (Motto: „Reinhörn, aufstehn, losgehn“) übernahm die Mobilisierung und aktuelle Information über Schleichwege, der Pressedienst von „Widersetzen“ hielt die angeschlossenen Journalisten mit Handybotschaften („Pressevertreter sollten jetzt sofort kommen“) auf dem Laufenden, und örtliche Fernsehteams der Atomkraftgegner wie „graswurzel.tv.“ waren unterwegs, um zum Beispiel brutale Polizeieinsätze zu dokumentieren und den Internet-Live-Stream von „CastorTV“ mit eindrucksvollen Aufnahmen zu versorgen. Denn natürlich ist die Schlacht um Gorleben auch ein Kampf um Bilder. Dabei spielt auch „Dan.TV“ eine gewisse Rolle. Die kleine Dannenberger Fernsehproduktionsfirma nutzt ihre Kontakte und Ortskenntnisse und versorgt das „ZDF“ und „SAT.1“ mit Bildern vom Ort des Geschehens. Hinter „DAN.TV“ steht der Dannenberger Mirko Tügel, der Medienerfahrungen als Pressesprecher der Freiwilligen Feuerwehr Elbtalaue gesammelt hat. Tügel hat keine Probleme, sich als Sympathisant des Widerstands zu bezeichnen. „Das bleibt ja nicht aus, wenn man hier lebt.“

Verbündete haben die Atomkraftgegner traditionell auch in der Kirche. Die Pastoren des Kirchenkreises begleiten die Demonstranten als Seelsorger rund um die Uhr in Wechselschichten, und manche Gotteshäuser dienen während der Castor-Transporte als Quartiere für angereiste Demonstranten. In der Kirche von Hitzacker zum Beispiel nächtigten in den vergangenen Tagen rund 120 Castor-Gegner unter Altar und Empore auf Matratzen und Isomatten.
Rechtliche Unterstützung leistet der Republikanische Anwaltsverein. Der Hamburger Strafverteidiger Martin Lemke ist zum Beispiel seit Jahren bei jedem Castor-Transport dabei und vermittelt bei Polizeieinsätzen und Räumungen, greift Klagen über Polizeiübergriffe auf und vertritt Atomkraftgegner notfalls auch vor Gericht.

„Wir brauchen jetzt überall juristischen Beistand“, sagt Kerstin Rudek, Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz. Die BI, wie die Dachorganisation des Widerstands üblicherweise abgekürzt wird, steht im Zentrum des örtlichen Protestes. Sie organisiert Großveranstaltungen, koordiniert Aktionen und leistet Pressearbeit – in diesem Jahr erstmals mit Hilfe eines Pressebusses, der den Journalisten an den jeweiligen Brennpunkten die technischen Möglichkeiten eröffnet, ihre Berichte direkt in die Redaktion zu senden – Schnittchen inklusive. In einer Art Shuttleservice verkehrte der Bus am Montag zwischen Dannenberg und Gorleben.

Neben der BI haben sich in den vergangenen Jahren immer neue Widerstandsgruppen etabliert, die zuweilen miteinander konkurrieren, in der Regel aber ein eigenes Profil haben und sich ergänzen. So ist „X-tausendmal-quer“ für Straßenblockaden und „Widersetzen“ für Schienenblockaden zuständig. Die noch recht neue Gruppe „Contratom“, vereint junge Leute, die sich vor allem durch Kletterkünste auszeichnen. Die „Contratom“-Aktivisten bestiegen schon im Vorfeld der Castor-Transporte medienwirksam den Turm über dem Erkundungsbergwerk von Gorleben. Anti-Atom-Veteranen wie Jochen Stay geben den Ton bei dem Kampagnennetzwerk „ausgestrahlt“ an.

Erstmals dabei ist die bundesweite Initiative „Castor schottern“, die am Wochenende versuchte, möglichst viele Steine aus dem Gleisbett der Castor-Bahnstrecke zu entfernen, um die Strecke unbefahrbar zu machen – damit aber allenfalls symbolische Erfolge feierte. Wegen der strafbaren Aufrufe zum „Schottern“ war die Gruppe schon im Vorfeld ins Visier der Staatsanwaltschaft gerückt. Trotzdem schlossen sich auch Wendländer den „Schotterern“ an.
Auf Ablehnung dagegen stoßen die Aktivitiäten der Autonomen, die der Protestbewegung mit ihren Attacken auf Polizisten wieder einmal Negativschlagzeilen bescherten. „Wir lehnen Gewalt gegen Polizisten strikt ab“, sagt die BI-Vorsitzende Kerstin Rudek. „Völlig unsinnig“ sei etwa die Kampagne „Castor schottern schützen“ gewesen, die dazu aufrief, Polizisten anzugreifen, um den „Schotterern“ den Weg zu bereiten. „Das ist so schwachsinnig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Atomkraftgegner dahinterstehen könnten“, sagt Rudek. „Wir haben auch schon die Erfahrung gemacht, dass hier verdeckte Ermittler eingeschleust werden, die unsere Bewegung diskreditieren sollen.“ Mit Blick auf die Gewaltexzesse der vergangenen Tage allerdings sieht die BI-Vorsitzende die Schuld nicht nur bei den Vermummten.

„Die Polizei hat so rücksichtslos geknüppelt und Reizgas versprüht, dass sich das Klima dadurch erst richtig aufgeheizt hat. Die Aggression ging nicht nur vom Schwarzen Block aus.“ Zu einer eindeutigen Distanzierung ist auch BI-Sprecher Wolfgang Ehmke nicht bereit: „Wir wollen keine Gewaltdebatte, wir wollen eine Debatte über den Ausstieg aus der Atomenergie.“

Anders als die Polizei ist die Bürgerinitiative ohnehin keine straff gelenkte Organisation mit übergeordneten Entscheidungsträgern. „Die Aktionen sind nicht zentralistisch aufeinander abgestimmt“, sagt Ehmke. „Das ist ein buntes Chaos.“ Einen Verantwortlichen für den Widerstand gibt es somit nicht.

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