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Deutschland / Welt Weitere Geiselnahme schockt Frankreich
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16:34 09.01.2015
Die Polizei sucht weiter nach dem flüchtigen Duo.
Eine zweite Geiselnahme an der Porte de Vincennes im Osten von Paris stellt die Polizei vor eine schwierige Situation. Quelle: afp
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Paris

Während die "Charlie-Hebdo"-Attentäter am Freitag in einer Druckerei nordöstlich von Paris von der Polizei umstellt werden konnten, hat ein möglicher Komplize der Brüder ein jüdisches Geschäft in der französischen Hauptstadt gestürmt und dort mindestens sechs Menschen als Geiseln genommen. Bei dem Angriff an der Porte de Vincennes hat es – anders als anfangs gemeldet – offenbar doch keine Toten gegeben, hieß es aus dem Innenministerium. Der Mann drang gegen 13 Uhr mit zwei Schnellfeuerwaffen in den Supermarkt ein und schoss um sich. Das Gebiet um das jüdische Geschäft wurde abgeriegelt, Schulkinder in der Gegend durften die Schulen nicht verlassen, die Stadtautobahn wurde an der Porte de Vincennes gesperrt.

Bei dem Geiselnehmer handele es sich vermutlich um den Mann, der am Donnerstag am südlichen Stadtrand von Paris eine Polizistin erschossen und einen Mitarbeiter der Stadtreinigung schwer verletzt habe, sagte ein Ermittler der Nachrichtenagentur AFP. Zwischen diesem Angriff und dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo", bei der am Mittwoch zwölf Menschen getötet worden waren, gebe es "eine Verbindung". Nach Angaben aus Ermittlerkreisen sind der mutmaßliche Mörder der Polizistin und einer der mutmaßlichen "Charlie-Hebdo"-Attentäter miteinander bekannt.

Die 34 und 32 Jahre alten Brüder waren seit dem Angriff auf "Charlie Hebdo" am Mittwoch auf der Flucht. Am Donnerstag stahlen die beiden Verdächtigen laut Polizeikreisen einer Frau ihren Peugeot 206. Die Polizei konnte den Wagen ausfindig machen. Es kam zu einem Schusswechsel und einer Verfolgungsjagd auf der Nationalstraße 2, bevor sich die Flüchtigen in der Druckerei verschanzten. Sie sind offenbar mit Kalaschnikows und einem Raketenwerfer bewaffnet.

Die Brüder waren den Sicherheitsbehörden schon seit langem bekannt. Chérif Kouachi war wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Netzwerk, das Dschihadisten zum Kampf gegen die US-Truppen in den Irak schickte, zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Nach Angaben eines US-Vertreters standen die Brüder zudem seit Jahren auf einer Terrorliste der USA und durften nicht in die USA einreisen. Said Kouachi ließ sich demnach 2011 vom Terrornetzwerk Al-Kaida im Jemen ausbilden.

Wegen der Geiselnahme in der Nähe des Pariser Flughafens Charles de Gaulle werden eine Reihe von Flügen umgeleitet. "Aus Vorsicht" würden die Flugzeuge nicht mehr auf der Nordpiste des Flughafens landen, sondern auf der Südpiste, sagte ein Flughafensprecher. "Die Starts werden hingegen auf der Nordpiste in der Nähe von Dammartin aufrechterhalten." Zuvor war es auf der Nationalstraße 2 in der Nähe der 8000 Einwohner zählenden Gemeinde Dammartin-en-Goelle zu einer Verfolgung und Schießerei gekommen – etwa eine halbe Stunde von der Gegend entfernt , in der die mutmaßlichen Attentäter gesucht wurden. Bei dem Schusswechsel mit der Polizei habe es aber keine Verletzten gegeben, sagte ein Sprecher des Pariser Innenministeriums. Die Terroristen seien auf dem Weg nach Paris gewesen.

IS kündigt Attentatsserie an

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" als Start einer größeren Terrorkampagne mit weiteren Angriffen in Europa und den USA bezeichnet. "Wir haben mit der Operation in Frankreich begonnen, für die wir die Verantwortung übernehmen", sagte der IS-Prediger Abu Saad al-Ansari nach Angaben von Anwesenden beim Freitagsgebet in einer Moschee der nordirakischen Stadt Mossul. "Morgen werden es Großbritannien, die USA und andere sein." Die Drohung gelte für alle Länder des Bündnisses, das Luftangriffe auf den Islamischen Staat fliege. Eiskalt und brutal gingen die mutmaßlichen „Charlie Hebdo“-Attentäter vor. Die Grundlage dafür soll sich zumindest einer der beiden in einem Al-Kaida-Ausbildungslager geholt haben. 

Dass der 34-jährige Said eine Terrorausbildung absolviert habe, sei auch auf den Videos der Attacke zu erkennen, schrieb die „New York Times“ unter Berufung auf einen hochrangigen US-Regierungsvertreter. In der Zeitung und bei CNN hieß es weiter, auch die USA hätten Said und seinen Bruder Chérif (32) im Visier gehabt. Die beiden Franzosen standen demnach auf einer No-Fly-Liste, was ihnen Flüge in die USA verwehrte. US-Geheimdienste versuchten derzeit herauszufinden, ob der Al-Kaida-Ableger im Jemen den Anschlag in Paris befohlen hat. Bisher gebe es aber keine Hinweise darauf.

Alles zu dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo lesen Sie hier.

Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" hat die Sorge vor terroristischen Attentaten nicht nur in Frankreich wachsen lassen. So warnte der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 vor Terroranschlägen mit einer großen Opferzahl in westlichen Länder. Eine Kerngruppe militanter Islamisten in Syrien, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehe, plane derzeit umfangreiche "Angriffe gegen den Westen", sagte Andrew Parker in London. Frankreichs Premierminister Manuel Valls sagte, Frankreich sei "im Krieg mit dem Terrorismus", aber "nicht im Krieg gegen eine Religion".

Nach dem Fund von Molotow-Cocktails und einer Islamistenflagge in einem Fluchtauto in Paris gehen die französischen Ermittler davon aus, dass das Duo weitere Anschläge geplant hatte. Die Polizei nahm neun Personen aus dem Umfeld der Terroristen in Gewahrsam, wie Innenminister Bernard Cazeneuve bekanntgab.

Terrorgipfel am 12. Februar

Die EU-Staats- und Regierungschefs werden bei ihrem nächsten Gipfel am 12. Februar über den Kampf gegen den Terrorismus beraten, wie Ratschef Donald Tusk bekanntgab. Bereits am Sonntag ist in Paris ein Treffen europäischer Innenminister geplant, zu dem auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) reisen wird. Eingeladen sind auch US-Justizminister Eric Holder und US-Heimatschutzminister Jeh Johnson.

dpa/afp/frs

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