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Deutschland / Welt Mosambiks Fluch: Der Zyklon, das Wasser, die Seuche
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08:01 02.04.2019
Abgeschnitten von der Außenwelt: Zwei Wochen nach dem Zyklon warten immer noch Tauende im Hinterland des Überschwemmungsgebietes auf Hilfe Quelle: APsvangirayi Mukwazhi
Beira

Julia Assane wachte davon auf, dass das Dach ihrer Hütte wegflog. Dann gaben die aus Holz und Lehm gebauten Wände nach. Mit Großvater, Onkel und Bruder flüchtete Julia sich hinter einen mächtigen Baum am Rand ihres Dorfs, der dem Orkan wie durch ein Wunder standhielt. Aneinandergekauert verbrachten sie die ganze Nacht in der Deckung des hölzernen Riesen. Als der Wind am nächsten Tag nachließ, gingen sie zum Haus ihres Onkels, von dem wenigstens noch die Mauern standen.

Gerettet, dachten sie. Zwei Tage später kam die Flut.

Morgens trat das Wasser über das Ufer des Buzi-Flusses, mittags hatte es bereits das 500 Meter vom Strom entfernte Dorf Mutchenessa erreicht. Wieder mussten Julia und ihre Familie fliehen. Halb stützte, halb schleppte ihr Bruder sie, das linke Bein der 23-Jährigen ist von einer unbekannten Krankheit geschwächt.

Im Wasser – bis zur Brust

Drei Tage lang stieg die Flut an, weiter und weiter, unaufhaltsam. Es regnete ohne Unterlass. Zuweilen reichte Julia das Wasser bis über die Brust. Die Nächte verbrachten die Menschen aus dem Dorf auf kleinen Anhöhen sitzend im Schlamm, tagsüber hielten sie nach besseren Rückzugsgebieten Ausschau. Essen? Gab es nicht. Erst am dritten Tag tauchte ein Helikopter auf, der mit Proteinen, Kohlehydraten und Vitaminen angereicherte Kekse abwarf.

Sie habe nicht gedacht, dass sie das überleben werde, sagt Julia, während sich in ihren Augen Tränen sammeln. Soldaten aus einem fremden Land brachten sie schließlich mit einem Motorboot nach Beira: Seitdem sitzt die junge Frau in einem Zeltlager in der Nähe des Flughafens der Hafenstadt.

„Wer kann sagen, dass das nicht wieder passiert?“ Julia Assane hat überlebt – aber ihr Zuhause verloren. Quelle: Johannes Dieterich

Nie wieder werde sie nach Mutchenessa zurückkehren, sagt Julia leise: „Wer kann sagen, dass das nicht wieder passiert?“

Mit mehr als 170 Stundenkilometern ist der Zyklon „Idai“ am Donnerstag, 14. März, über die mosambikanische Küste gefegt. In Beira, vor allem aber im südwestlich angrenzenden Buzi-Distrikt blieb kaum ein Haus und schon gar keine Hütte verschont. Drei Tage später kamen aus der anderen Richtung die Fluten und verwandelten den Distrikt in einen einzigen See von der Größe Luxemburgs. Mehr als 500 Mosambikaner fanden in den Wassermassen den Tod, in den Nachbarstaaten Simbabwe und Malawi starben weitere 250 Menschen. Fast zwei Millionen Mosambikaner hat der Orkan um Haus und Hof gebracht. Rund 100.000 Häuser und Hütten wurden zerstört oder beschädigt, fast 700.000 Hektar Ackerland ruiniert.

Die schlimmste Katastrophe seit Generationen

Inzwischen herrscht auf dem Buzi-Fluss die Ruhe nach dem Sturm. Sanft kräuselt sich sein braunes Wasser in der Morgensonne, ein kleines Geschwader von Kormoranen fliegt Formation, von einem zerfetzten Baum am Ufer aus verfolgt ein Affe das Motorboot, das seine Morgenruhe stört. Der Bootsführer Luis Inacio zeigt nach links. „Dort drüben wurde ich geboren, in Mutchenessa. Übrig geblieben ist nichts vom Dorf.“ Nachdenklich fügt er hinzu: „Etwas Ähnliches hat nicht einmal meine Mutter erlebt, und die ist über 90 Jahre alt.“

Wenig später taucht am rechten Ufer das Städtchen Buzi auf. Seinen dortigen Laden konnte der Geschäftsmann bisher von Beira aus mit dem Wagen erreichen, doch seit die Flut die Straße und ihre Brücken zerstört hat, ist der 64-Jährige auf den Wasserweg angewiesen. Es ist das zweite Mal nach dem Sturm, dass Inacio nach Buzi kommt. Das erste Mal stand das Städtchen noch knietief im Wasser, Inacio musste unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren.

Erste Schritte auf dem Weg zurück ins Leben: Luis Ignacio weiß noch nicht, ob die Kühltruhen seines Ladens für immer dahin sind – oder ob sie wieder anspringen, wenn erst der Strom wieder läuft. Quelle: Johannes Dieterich

Heute wären Buzis ungeteerte Straßen schon wieder befahrbar – wenn es noch funktionierende Fahrzeuge gäbe. Das Städtchen sei nicht wiederzuerkennen, seufzt Inacio beim Rundgang durch die Trümmer: „Mein Herz tut weh, wenn ich das sehe.“ Kaum ein Haus verfügt noch über ein Dach, viele Hütten sind spurlos verschwunden, ein Hunderte von Jahren alter Baobab-Baum ist auf mehrere Behausungen gestürzt. An den Hauswänden zeigen braune Streifen, wie hoch das Wasser noch vor wenigen Tagen stand: In den meisten Fällen befinden sie sich auf Fensterhöhe. Buzis Bewohner haben ihre Matratzen, Möbel und Kleider ins Freie geschleift, um sie in der Sonne zu trocknen; manche sind auch schon mit dem Wiederaufbau ihrer ruinierten Hütten beschäftigt.

Nichts blieb vom Sturm verschont. Orkan „Idai“ faltete eine Satellitenschüssel wie einen Taco in der Mitte, die Räder eines Rollstuhls ragen aus dem Matsch, das Schwimmbad des örtlichen Hotels sieht wie mit Gülle gefüllt aus. Fließendes Wasser gibt es genauso wenig wie Strom, ein Mobilfunksignal oder funktionierende Elektro- und Dieselmotoren. Ob Inacios Tiefkühltruhen zerstört sind oder nach dem Trocknen wieder in Gang gebracht werden können, wird sich erst herausstellen, wenn es in Buzi wieder Strom gibt. Wann das sein wird, weiß keiner.

Vier tage auf dem Dach der Moschee

Inacios Managerin Muanausane Aly war am Abend der Heimsuchung mit ihren drei Enkeln zu Hause. Als der Zyklon das Städtchen erreichte, sah sie als Erstes das Blechdach des Nachbarhauses durch ihren Vorgarten fliegen, dann kam ihr eigenes Zinkdach dran. Ihr jüngster, neunjähriger Enkel fing an zu schreien. Er sollte sich die ganze Nacht nicht wieder beruhigen. Als drei Tage später die Flut kam, suchte die Familie Zuflucht auf dem Betondach der nahegelegenen Moschee. Dort harrte sie mit mehreren Dutzend anderen Stadtbewohnern vier Tage lang aus. Die Notdurft musste im Wasser verrichtet werden, einer der Enkel ist jetzt krank.

Es ist das passiert, was alle erwartet hatten: In Mosambik ist eine Choleraepidemie ausgebrochen. Auch im notdürftig reparierten Krankenhaus von Buzi liegen erste Cholerapatienten. Das Gesundheitsministerium hat bereits 271 Fälle registriert, eine Verdoppelung innerhalb von vier Tagen. Hilfsorganisationen sprechen bereits von 500 Fällen. Es wird nicht dabei bleiben. Der Cholerabazillus ist hier ohnehin endemisch, also heimisch. Fachleute wussten, dass es nach dem Desaster wegen der Vermischung des Grund- und Abwassers zu Cholera- oder Typhusepidemien kommen würde. Und schickten Hilfe.

Die Zahl der Cholerafälle steigt rasant: Ein kleines Mädchen wird in einer Seuchstation in der Nähe von Beira behandelt. Quelle: svangirayi Mukwazhi/AP

In Buzi bauen Logistiker von Ärzte ohne Grenzen neben dem Krankenhaus eine Seuchenstation auf. Insgesamt will die Hilfsorganisation mindestens sechs solcher Stationen im Katastrophengebiet errichten. Das „Gute“ an Cholera sei, dass sie so einfach zu kurieren sei, sagt eine Ärztin im Noteinsatz, die anonym bleiben will: „Kranke kommen oft morgens auf allen vieren in die Klinik gekrochen und gehen abends wieder nach Hause.“

Aber: Wer nicht frühzeitig Hilfe findet, kann innerhalb von wenigen Stunden sterben.

In der Hafenstadt Beira sind zwei Wochen nach dem Sturm Tausende von Flüchtlingen in den Schulen einquartiert; Hunderte Heimatlose schlafen auf den Trottoirs der Stadt. Auf dem Flughafen herrscht unterdessen Hochbetrieb. Von internationalen Hilfsorganisationen gecharterte Maschinen fliegen tonnenweise Nahrungsmittel und Zelte, Anlagen zur Wasserreinigung und Medikamente ein. Und Hilfskräfte. Sie sind hochwillkommen – doch zugleich treibt ihre Anwesenheit die Preise in die Höhe. „Wenn sich die Lage der Leute nicht bald verbessert, könnte die Stimmung schnell umschlagen“, sagt ein Mosambikaner.

Der Sturm mit der größten Zerstötungskraft: Noch am Ende des 20. Jahrhunderts waren starke Zyklone im Süden des Indischen Ozeans weitgehend unbekannt. Die ersten Wirbelstürme der Stärke vier trafen Mosambik Mitte der Neunzigerjahre. Seitdem fegten elf Zyklone über den südostafrikanischen Staat und die Nachbarn. Der schwerste war bislang Zyklon „Eline“ im Februar 2000. Mit 700 Toten und einem Schaden von 500 Millionen US-Dollar allein in Mosambik ist der Zyklon „Idai“ jetzt noch zerstörerischer. Getroffen sind auch Simbabwe und Malawi. Quelle: AP

Präsident Filipe Nyusi zeigt sich optimistisch. Beim ersten Besuch im Katastrophengebiet habe er nur Wasser gesehen, jetzt schaue er schon wieder in lachende Gesichter, sagt der Staatschef in Beiras schickstem Hotel, wo er von einer Phalanx ausländischer Hilfsmanager und Militärs empfangen wird. UN-Nothilfekoordinator Sebastian Rhodes Stampa versichert ihm: „Kein Staatschef dieser Welt kann mit einer derartigen Herausforderung allein fertigwerden. Wir bleiben so lange hier, wie Sie das wünschen.“

Nach der Rettungsphase sei nun die Etappe des Wiederaufbaus gekommen, fährt Präsident Nyusi fort: Die internationale Solidarität zeige, dass es „weltweit ein Bewusstsein für die Folgen des Klimawandels“ gebe. Die Frage, was getan werden müsse, um derartige Katastrophen in Zukunft zu verhindern, wird gar nicht erst gestellt. Nyusi verliest zur Pressekonferenz lediglich ein Statement.

Der Zorn der Hilflosen

Er habe in den Fluten mindestens 10 000 US-Dollar verloren, rechnet Geschäftsmann Inacio vor. So viel setzt er mit seinem Laden in Buzi in einem halben Jahr nicht um. Managerin Aly hat das Geschäft bereits wieder auf Vordermann gebracht: Ordentlich stehen die von der Flut verschonten Waren auf dem Regal, an den Wänden ist nicht einmal mehr die braune Wasserstandslinie zu sehen. Größere Sorgen als um seinen unmittelbaren Verlust macht sich Inacio jedoch um die Zukunft des Ladens: „Inzwischen können sich die Leute hier überhaupt nichts mehr leisten.“ Viele Bewohner des Bezirks würden nicht wieder zurückkommen, was angesichts der in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch gewachsenen Zahl und Stärke der Zyklone auch kein Wunder wäre.

Nein, zornig sei er nicht, sagt Luis Inacio. Schließlich könne man auf die Natur nicht zornig sein. Auch Gott sei für das Unheil nicht verantwortlich zu machen, sinniert der gläubige Katholik: Vielmehr müsse es sich um das Werk von hinter Gottes Rücken agierenden Dämonen handeln. Dazu könne man durchaus auch die Bewohner der Industrienationen zählen, fährt er nach kurzem Nachdenken fort: Sie hätten mit ihrem Lebensstil die ganze Welt durcheinandergebracht, während die Afrikaner jetzt zum zweiten Mal nach dem Kolonialismus die Zeche für ihren Wohlstand zahlen müssten. Ist das ein Grund zum Zorn? Jetzt hüllt sich Inacio in Schweigen.

Spenden für Mosambik

Das Bündnis Entwicklung Hilft und die Aktion Deutschland Hilft rufen gemeinsam zu Spenden auf:

Empfänger BEH und ADH

IBAN DE53 200 400 600 200 400 600

BIC COBADEFFXXX

Commerzbank

Stichwort: Wirbelsturm Idai

Im Bündnis Entwicklung hilft sind Brot für die Welt, Christoffel-Blindenmission, DAHW, Kindernothilfe, medico international, Misereor, Plan International, terre des hommes und Welthungerhilfe zusammengeschlossen.

www.entwicklung-hilft.de

Aktion Deutschland hilft ist ein Zusammenschluss von 23 deutschen Hilfsorganisationen, darunter action medeor, ADRA, Arbeiter-Samariter-Bund, AWO International, CARE Deutschland, Habitat for Humanity, HELP - Hilfe zur Selbsthilfe, Islamic Relief Deutschland, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, World Vision Deutschland, Der Paritätische.

www.aktion-deutschland-hilft.de

Von Johannes Dieterich

Kerstin Bandsom von der Welthungerhilfe ist gerade vom Einsatz in Mosambik zurückgekehrt. Sie fürchtet: Die Katastrophe, die mit dem Wirbelsturm „Idai“ hereingebrochen ist, wirft das Land weit zurück – und macht es abhängig von externer Hilfe.

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