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Deutschland / Welt „Die Menschen müssen wieder bei Null beginnen“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Die Menschen müssen wieder bei Null beginnen“
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08:01 02.04.2019
Kerstin Bandsom im Hilfseinsatz. Quelle: Welthungerhilfe
Bonn

Mosambik im Südosten Afrikas ist eines der ärmsten Länder der Welt. Gerade erst hat das Land eine extreme Dürre überstanden. Nun folgt mit Zyklon und Überschwemmungen die nächste Katastrophe. Fragen an die Mosambik-Expertin der Welthungerhilfe, Kerstin Bandsom.

Mosambik erlebt immer heftigere Zyklone – vermutlich wegen des Klimawandels. Wie kann der Norden als Hauptverursacher dieses Wandels dem Süden helfen, sich gegen klimabedingte Veränderungen zu wappnen?

Für die humanitäre Hilfe könnte zum Beispiel das Konzept der vorhersagebasierten Finanzierungen eine Option sein. Das heißt, statt vorrangig auf die Folgen von Katastrophen zu reagieren, könnten Mittel in Vorwarnung, Vorbeugung und Vermeidung investiert werden. Investitionen in eine stabilere Infrastruktur – etwa erdbebensichere Häuser oder Dämme – sind genauso notwendig wie veränderte Anbaumethoden. Da leistet die Welthungerhilfe mit ihren Programmen bereits gute Arbeit gerade in der Landwirtschaft.

Keiner hat geglaubt, dass es so schlimm werden würde

Wie gut ist die Regierung auf eine Katastrophe wie „Idai“ vorbereitet?

Mosambik hat eine Disaster-Response-Behörde, die auf Naturkatastrophen spezialisiert ist. Allerdings hat sie einen schlechten Ruf wegen Korruption, viele Organisationen trauen ihr nicht. Es hat im Vorfeld von „Idai“ Vorwarnungen an die Bevölkerung gegeben. Aber auch wenn Mosambik an Zyklone und heftige Regenzeiten gewöhnt ist, sagen die Menschen, dass sie einen solchen schweren Sturm mit diesen immensen Regenfällen noch nie erlebt haben. Die Auswirkungen waren schlimmer als nach dem letzten großen Wirbelsturm 2000. Auch die Behörde hat nicht geglaubt, dass es so schlimm werden würde. Deshalb haben sich viele Menschen nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen oder kaum etwas retten können.

Wie groß ist die Zerstörung?

Die gesamte Infrastruktur der betroffenen Gebiete ist zerstört. Der Flughafen und der Hafen der größten Stadt in der Region, in Beira, wurden beschädigt. Der Hafen war einer der wichtigsten Exporthäfen am Indischen Ozean. Der Flughafen wurde erst vor etwas mehr als einer Woche wieder geöffnet. Sämtliche Straßen und Brücken wurden zerstört, so dass der Zugang zu den Menschen im Hinterland teilweise noch immer nicht möglich ist. Erst seit einigen Tagen ist auch die Straßenverbindung von Süden in die Hafenstadt Beira wieder geöffnet. Das ist eine große Herausforderung insbesondere für die Lieferung von Hilfsmitteln, wenn sie nicht aus der Luft kommen.

Ein Ernährungsengpass für ein Jahr ist dramatisch

Woran fehlt es jetzt besonders?

Den Menschen, die alles durch den Sturm und die Fluten verloren haben, fehlt es vor allem an Nahrung, Wasser und sicherer Unterkunft. Bis vor einer Woche stand das Wasser in der Ebene teils bis zu 11 Meter hoch. Es kann nicht zügig genug versickern, die Felder können noch nicht bewirtschaftet werden. Selbst mit aller landwirtschaftlicher Kenntnis, sind die Menschen machtlos, so lange die Felder überschwemmt sind. Inzwischen steigen die Cholera- und Malaria-Zahlen, auch Atemwegserkrankungen nehmen zu. Es fehlt aber vielerorts noch an medizinischer Versorgung, weil nicht überall hin geliefert werden kann. Ganz besonders dramatisch ist, dass die Anbauflächen in Mosambiks Norden weitflächig zerstört wurden. Es hätte in wenigen Tagen die Maisernte und später im April die nächste Aussaat erfolgen sollen. Beides ist nun nicht möglich. Damit sind die betroffenen Bauernfamilien auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, denn auch ihre Lager wurden zerstört. Die Welthungerhilfe bemüht sich um schnellstmögliche Versorgung der Menschen mit Saatgut und landwirtschaftlichen Geräten, damit dort, wo schon überschwemmte Gebiete wieder getrocknet sind, die Bauern und Bäuerinnen aussäen können. Andernfalls droht ein Ernährungsengpass für ein Jahr. Das ist dramatisch. Menschen in Aufnahmezentren brauchen vor allem Nahrung und Wasser.

Mosambik ist eigentlich ein fruchtbares Land. Was bedeutet „Idai“ für Mosambik ökonomisch?

Der Zyklon hat die Kornkammer des Landes zerstört und rund 1,8 Millionen Menschen die Existenzgrundlage genommen. Insgesamt sind mindestens 500000 Hektar Ackerflächen zerstört worden, das ist eine riesige Fläche in einem Land, auf dem viele Menschen von ihrer kleinen Ernte leben. Und das Land litt schon vorher unter den Folgen einer Dürre, von der rund eine Million Menschen betroffen waren. Die Folgen der jetzigen Katastrophe werfen das Land zurück und machen es abhängig von externen Hilfen. Bereits erfolgreiche Entwicklungsprogramme sind ebenfalls betroffen. Die Menschen müssen nun wieder bei Null beginnen. Insgesamt hat der Zyklon laut UN Angaben eine Infrastruktur von einer Milliarde Dollar in den betroffenen Ländern – neben Mosambik auch Simbabwe und Malawi – zerstört.

Die internationale Solidarität ist groß

Wie zuverlässig kommt die Nothilfe an?

In den ersten Tagen der Katastrophe stand vor allem Leben zu retten, Menschen aus den überfluteten Gebieten herauszuholen, im Vordergrund. Parallel wurde die Beschaffung und Verteilung von Hilfsgütern organisiert. Jetzt ist es möglich, in sogenannten Aufnahmezentren, Menschen zu erreichen, die kein Haus mehr besitzen. Im städtischen Raum rund um Beira ist die Verteilung schon recht zuverlässig angelaufen. Aber aufgrund der zerstörten Straßen und Brücken kann das Hinterland teils nur aus der Luft oder mit Booten versorgt werden. Hier warten noch Tausende von Menschen auf die so notwendige Versorgung. Die Welthungerhilfe hat in der vergangenen Woche die Bedarfe in Teilen dieser entlegenen Orte erfasst und kann sich nun um die Beschaffung und Verteilung dort kümmern. Allerdings werden noch nicht überall große Lastwagen hinfahren können. Wir können aber bestätigen, dass in der letzten Woche, nachdem der Flughafen von Beira wieder funktionsfähig war, täglich die Zahl der Frachtflieger mit Hilfsgütern zugenommen hat, es stehen nun mehr Helikopter zur Verfügung. Aus vielen Ländern sind Helferteams angereist. Die Solidarität ist sehr groß und das Verteilungssystem greift nun jeden Tag besser.

RND/Susanne Iden

Von Susanne Iden

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